Nachlässigkeit und Ekel , durch einen Handlohn meine Knechtschaft zu beurkunden , hatten mich eines um das andre einen Schritt zu thun verhindert . Jetzt drang die Noth , und ich bat Mistriß Boswell noch an demselben Tag , mit mir zu rechnen . Sie antwortete mit anscheinendem Befremden : daß sie dieses nie für nöthig gehalten , daß sie bei meinem Eintritt in ihr Haus verstanden habe , es sey mir nur um einen anständigen Schutz zu thun , und keineswegs gesonnen sey von dieser Ansicht zu weichen . Meine Fehlschlagung bei dieser Aeußerung war so schmerzlich , mein Unwille so bitter , daß ich das Gespräch fallen ließ und den Entschluß faßte , Herrn Boswell als Vater und Hausherr mit meinen Ansprüchen bekannt zu machen . Sobald ich ihn zu Hause wußte , begab ich mich in sein Zimmer . Sein Schrecken bei meiner Eröffnung war unbeschreiblich ; er sprach von meiner Absicht , seiner Tochter Erziehung aufzugeben , wie von dem bittersten Unglück , das ihn treffen könnte , und wendete die dringendsten Bitten an , meinen Entschluß zu ändern . Mit einer Schonung , die aus seiner angewohnten Furcht vor seiner Gattin entstand , gestand er die Nothwendigkeit für Jessy ' s künftiges Wohl ein , ihr andre Lehren , ein andres Beispiel , wie das seiner Mutter , vor Augen zu stellen , und , sagte er , nachdem mich neben meinem übrigen harten Loos die Sorge um das Wohl meines Kindes nicht mehr drückte , athmete ich seit ihrer Geburt zum erstenmal leichter auf , weil ich sie in Händen sah , die alle meine Wünsche übertrafen . Ich kann daher um keinen Preis in Ihr Begehren willigen ; ich kann es für Sie selbst nicht recht heißen , darauf zu bestehen . « Ich bestand aber doch darauf . Die zahme Anerkennung seiner elenden Schwäche gegen ein böses Weib empörte mich und bewies mir , wie ich , auf väterliches Ansehen mich berufen könnend , in keinem Falle hoffen dürfte , durch meine Sorgfalt allein Jessy gegen ihrer Mutter Einfluß zu bewahren . Mit großer Betrübniß stand er endlich von seinen Bitten um mein Bleiben ab und versprach meiner anerkannt gerechten Geldforderung , sobald es ihm möglich sey , über eine solche Summe , ohne Zwiespalt mit seiner Frau , zu verfügen , aufs vollständigste zu genügen . Doch zu diesem Zweck beschwor er mich , noch einige Tage in seinem Hause zu verweilen , wobei ich zugleich Mittel finden würde , selbst mit mehr Besonnenheit über meine Zukunft zu verfügen . Ach zu diesem so dringenden Geschäft blieb mir keine Zeit ! nachdem ich die ersten vier und zwanzig Stunden nach jenem unglücklichen Besuch in Cecilens verlaßner Wohnung in erfolglosem Nachsinnen über meine Lage zugebracht hatte , klagte Jessy über Kopfweh und Schmerz in allen Gliedern ; gegen den Abend brannte ihr Köpfchen in trockner Gluth , und noch einmal vier und zwanzig Stunden , so hatte sich das gefährlichste Nervenfieber , als Folge der Ansteckung an dem Bette des armen Weibes erklärt . Mistriß Boswell gerieth in eine Angst , die an Verrücktheit grenzte . Sie berief alles , was sie von Aerzten erfragen konnte , ließ Wahrsagerinnen kommen , um den Ausgang der Krankheit zu erspähen , Segensprecherinnen , um ihr Zimmer , die Treppe , die Wege im Haus , welche sie täglich gehen mußte , zu besprechen , allein ihr Kind sah sie nicht wieder ; dieses wurde mit mir und seiner Wärterin in das entlegenste Zimmer gebannt , niemand , der mit uns verkehrte , durfte ihr nahen , und ihr Gatte erhielt das strengste Verbot unser Zimmer je zu betreten . Doch das Vatergefühl war in ihm zu mächtig , um sich solcher herzlosen Vorsicht zu fügen ; da es ihm Tags über nicht vergönnt war , sich unbemerkt fortzustehlen , brachte er die Hälfte der Nacht an dem Krankenbett seines Kindes zu und theilte meine Sorgfalt für sie mit einer Beharrlichkeit , der ich diesen charakterlosen Mann nicht fähig gehalten hätte . Doch meine kleine Kranke war gleich fühllos gegen seine Zärtlichkeit , wie gegen seine Sorge ; ihre Liebe für mich schien ihr einzig noch übriges Gefühl ; auch für sie war ihr kein willkürlicher Ausdruck geblieben , doch meine Nähe war es , die sie ruhig erhielt , meine Stimme , die den dichten Nebel , der ihr Bewußtseyn umfangen hielt , hinlänglich zerstreute , um dann und wann auf ihren Ruf ihr trübes Auge zu öffnen und ausdruckslos auf mich hinzustarren . Unter diesen Umständen war es nicht mehr möglich dieses Haus zu verlassen . Ich kam nicht mehr von ihrer Seite , und wenn ich , vom Wachen erschöpft , einen Augenblick der Ermattung erlag , ruhte mein Haupt auf demselben Kissen , wie das der halb entseelten Kranken . Meine Sorgfalt gewann Herrn Boswells Dankbarkeit in einem Grade , den der traurige Vergleich zwischen der Hingabe einer Fremden und der selbstsüchtigen Vorsicht einer Mutter wohl erhöhen mußte . In einer der Nächte , wo das Uebel auf dem höchsten Punct schwebte , bewog ich ihn , sich gegen den Morgen zur Ruh zu begeben ; wie er vor der Thür des Zimmers , bis wohin ich unter der Versicherung , ihm am Morgen sogleich Nachricht von der Kranken zu geben , ihn begleitet hatte , Abschied nahm , ergriff den sonst schwerfälligen Mann das Gefühl der Verpflichtung , die er mir zu haben glaubte , er faßte meine beiden Hände und , sie festhaltend , drückte er mit dem Ausruf : » Gott lohne Dir frommen Mädchen deine Liebe ! « seine Lippen auf meine Stirn . In demselben Augenblick gewahrte ich Mistriß Boswell , die ihres Gatten nächtliche Abwesenheit aus seinem Schlafzimmer mußte wahrgenommen haben und jetzt im nachlässigsten Nachtkleide an der Thür des Vorzimmers uns belauschte . Erstarrt von Schrecken und Erwartung der kommenden Dinge , blieb ich stehen ; sie aber fuhr wie eine Furie auf uns