sich zu ziehen . Sie verwünschte jene Trennung , sie bejammerte den Schlaf , in den sie verfallen , sie verfluchte die schleppende , träumerische Gewohnheit , durch die ihr ein so unbedeutender Bräutigam hatte werden können ; sie war verwandelt , doppelt verwandelt , vorwärts und rückwärts , wie man es nehmen will . Hätte jemand ihre Empfindungen , die sie ganz geheimhielt , entwickeln und mit ihr teilen können , so würde er sie nicht gescholten haben ; denn freilich konnte der Bräutigam die Vergleichung mit dem Nachbar nicht aushalten , sobald man sie nebeneinander sah . Wenn man dem einen ein gewisses Zutrauen nicht versagen konnte , so erregte der andere das vollste Vertrauen ; wenn man den einen gern zur Gesellschaft mochte , so wünschte man sich den andern zum Gefährten ; und dachte man gar an höhere Teilnahme , an außerordentliche Fälle , so hätte man wohl an dem einen gezweifelt , wenn einem der andere vollkommene Gewißheit gab . Für solche Verhältnisse ist den Weibern ein besonderer Takt angeboren , und sie haben Ursache sowie Gelegenheit , ihn auszubilden . Je mehr die schöne Braut solche Gesinnungen bei sich ganz heimlich nährte , je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im Fall war , was zugunsten des Bräutigams gelten konnte , was Verhältnisse , was Pflicht anzuraten und zu gebieten , ja was eine unabänderliche Notwendigkeit unwiderruflich zu fordern schien , desto mehr begünstigte das schöne Herz seine Einseitigkeit ; und indem sie von der einen Seite durch Welt und Familie , Bräutigam und eigne Zusage unauflöslich gebunden war , von der andern der emporstrebende Jüngling gar kein Geheimnis von seinen Gesinnungen , Planen und Aussichten machte , sich nur als ein treuer und nicht einmal zärtlicher Bruder gegen sie bewies und nun gar von seiner unmittelbaren Abreise die Rede war , so schien es , als ob ihr früher kindischer Geist mit allen seinen Tücken und Gewaltsamkeiten wiedererwachte und sich nun auf einer höheren Lebensstufe mit Unwillen rüstete , bedeutender und verderblicher zu wirken . Sie beschloß zu sterben , um den ehemals Gehaßten und nun so heftig Geliebten für seine Unteilnahme zu strafen und sich , indem sie ihn nicht besitzen sollte , wenigstens mit seiner Einbildungskraft , seiner Reue auf ewig zu vermählen . Er sollte ihr totes Bild nicht loswerden , er sollte nicht aufhören , sich Vorwürfe zu machen , daß er ihre Gesinnungen nicht erkannt , nicht erforscht , nicht geschätzt habe . Dieser seltsame Wahnsinn begleitete sie überallhin . Sie verbarg ihn unter allerlei Formen ; und ob sie den Menschen gleich wunderlich vorkam , so war niemand aufmerksam oder klug genug , die innere , wahre Ursache zu entdecken . Indessen hatten sich Freunde , Verwandte , Bekannte in Anordnungen von mancherlei Festen erschöpft . Kaum verging ein Tag , daß nicht irgend etwas Neues und Unerwartetes angestellt worden wäre . Kaum war ein schöner Platz der Landschaft , den man nicht ausgeschmückt und zum Empfang vieler froher Gäste bereitet hätte . Auch wollte unser junger Ankömmling noch vor seiner Abreise das Seinige tun und lud das junge Paar mit einem engeren Familienkreise zu einer Wasserlustfahrt . Man bestieg ein großes , schönes , wohlausgeschmücktes Schiff , eine der Jachten , die einen kleinen Saal und einige Zimmer anbieten und auf das Wasser die Bequemlichkeit des Landes überzutragen suchen . Man fuhr auf dem großen Strome mit Musik dahin ; die Gesellschaft hatte sich bei heißer Tageszeit in den untern Räumen versammelt , um sich an Geistes- und Glücksspielen zu ergötzen . Der junge Wirt , der niemals untätig bleiben konnte , hatte sich ans Steuer gesetzt , den alten Schiffsmeister abzulösen , der an seiner Seite eingeschlafen war ; und eben brauchte der Wachende alle seine Vorsicht , da er sich einer Stelle nahte , wo zwei Inseln das Flußbette verengten und , indem sie ihre flachen Kiesufer bald an der einen , bald an der andern Seite hereinstreckten , ein gefährliches Fahrwasser zubereiteten . Fast war der sorgsame und scharfblickende Steurer in Versuchung , den Meister zu wecken , aber er getraute sichs zu und fuhr gegen die Enge . In dem Augenblick erschien auf dem Verdeck seine schöne Feindin mit einem Blumenkranz in den Haaren . Sie nahm ihn ab und warf ihn auf den Steuernden . » Nimm dies zum Andenken ! « rief sie aus . » Störe mich nicht ! « rief er ihr entgegen , indem er den Kranz auffing ; » ich bedarf aller meiner Kräfte und meiner Aufmerksamkeit . « - » Ich störe dich nicht weiter , « rief sie ; » du siehst mich nicht wieder ! « Sie sprachs und eilte nach dem Vorderteil des Schiffs , von da sie ins Wasser sprang . Einige Stimmen riefen : » Rettet ! rettet ! sie ertrinkt . « Er war in der entsetzlichsten Verlegenheit . Über dem Lärm erwacht der alte Schiffsmeister , will das Ruder ergreifen , der jüngere es ihm übergeben , aber es ist keine Zeit , die Herrschaft zu wechseln : das Schiff strandet , und in eben dem Augenblick , die lästigsten Kleidungsstücke wegwerfend , stürzte er sich ins Wasser und schwamm der schönen Feindin nach . Das Wasser ist ein freundliches Element für den , der damit bekannt ist und es zu behandeln weiß . Es trug ihn , und der geschickte Schwimmer beherrschte es . Bald hatte er die vor ihm fortgerissene Schöne erreicht ; er faßte sie , wußte sie zu heben und zu tragen ; beide wurden vom Strom gewaltsam fortgerissen , bis sie die Inseln , die Werder weit hinter sich hatten und der Fluß wieder breit und gemächlich zu fließen anfing . Nun erst ermannte , nun erholte er sich aus der ersten zudringenden Not , in der er ohne Besinnung nur mechanisch gehandelt ; er blickte mit emporstrebendem Haupt umher und ruderte nach Vermögen einer flachen , buschichten Stelle zu , die sich