fiel Otto von Dystra , des Ritters ironisches Niederblicken bemerkend , lachend ein , ich muß sagen , Voland , Ihre poetische Spürkraft hat sich merkwürdig ausgebildet . Für einen Offizier ist so viel Studium heterogener Dinge aller Ehren werth ! Aber es ist wahr , Sie schmachteten schon in Hofwyl unter dem Druck der rationellen Erziehung Fellenberg ' s und sehnten sich zu jenen jungen Fürsten und Grafen hin , die in Freiburg erzogen wurden ... Das nicht , Dystra , sagte der General , der auch im Pädagogischen sattelfest war . Aber ich fand früh heraus , daß Fellenberg uns Alle täuschte . Fellenberg gab sich die Miene , zwischen Pestalozzi und den bestehenden Kastenansprüchen der Gesellschaft hindurchsegeln zu können und wollte gleichsam Jeden für seinen von dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand erziehen . Ich will nicht sagen , daß ich schon damals die Einsicht besaß , diesen Widerspruch zu durchschauen , aber ich fand , daß die Jesuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit , mit mehr Gleichheit in besserem Sinne erziehen . Sie stellten die Stände gleich und gaben dem Fürstensohne , wie dem künftigen Priester dieselbe Erziehung ... Das ist ja grade das Gewagte , Herr General , erlaubte sich Dankmar dem in allen Standpunkten seiner Zeitgenossen dilettirend Herumtastenden zu bemerken . Wir erhalten aus jener Gegend her Priester , die wie Fürsten regieren wollen und Fürsten , die wie Pfaffen denken ... Sehr wahr , sehr wahr , bemerkte Dystra . Schelten Sie mir nur unsern alten Fellenberg nicht , Voland ! Sie machen unsrer Schweizererziehung auch durch Ihren Appetit keine Ehre ! Sie scheinen von Nichts zu leben . Sie lassen mir jede gute Schüssel , jedes Glas aus Küche und Keller der » Stadt Rom « vorübergehen . Die alten Mönche tranken Wein , wenn sie auch noch so fromm waren . Otto von Dystra war völlig unbekannt damit , daß der General der Mann der Fabel hieß . Er verstand des Ritters halb verlegenes , halb schadenfrohes Lächeln nicht , verstand nichts von der eigenthümlichen Ruhe , mit der Dankmar seine Cigarre rauchte und gewissermaßen Louis Armand ermunterte , nur auszuharren und sich nicht einschüchtern zu lassen . Er ahnte nicht , daß Ritter Rochus vom Westen , médisant , anekdotenhaschend , negativ wie er war , sich auf die Lippen biß , um die Bemerkung zu unterdrücken : Wissen Sie denn nicht , daß General Voland in dem Rufe steht , wie der Graf St.-Germain durchaus nichts zu genießen und nur von einem himmlischen Manna zu leben , das er zuweilen aus einer in seiner Uniform verborgenen Dose nimmt ? Der Ritter trennte sich gewaltsam von dem Gelüst , diesen Gedanken auszusprechen und fragte den Baron , wie lange er in Europa bleiben würde und ob er nicht Kalifornien gesehen hätte ? Kalifornien war dem General so gleichgültig , wie z.B. Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand . Aber dem Ritter Rochus war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenschaft des Zeitgeistes . Otto von Dystra sprach von dem Versuche , in Deutschland zu leben , wenn er hoffen dürfte , sein Vermögen aus Rußland herauszuziehen und gewisse Familienfragen auf deutschem Boden zu lösen . Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten solcher russischen Prozeduren bemerken und fand bei den hochgestellten Herren , die sich zum Gehen rüsteten , eine Beistimmung , die ihn überraschte . Rudhard aber nahm Veranlassung , wiederum die strenge , gegliederte Ordnung des russischen Militairstaates und den unromantischen , aber beglückenden Absolutismus zu preisen . Die Diplomaten nickten , suchten nun aber doch davonzukommen . Eben im Begriff , die Hüte zu ergreifen und sich zu empfehlen , hörte man draußen auf der Straße plötzlichen Lärm . Man stutzte . Die Bedienten hatten schon lange nach den Fenstern gesehen und durch ihre Bewegungen die Aufmerksamkeit der Herrschaften auf die Vorgänge lenken wollen , die sie in den Straßen beobachteten . Erst ein Murmeln , dann ein Sausen , immer hörbarer anwachsend und an den Häusern des Platzes , an welchem die Stadt Rom gelegen war , widerhallend . Ein Rauschen und Brausen . Das Getümmel wuchs . Man hörte rufen , man hörte schreien , die Gesellschaft , statt sich aufzulösen , eilte an die Fenster . Der Platz wimmelte von Menschen ... Was ist Das ? Man drängt sich an jenes Haus - Ein Auflauf - Wer wohnt dort ? Bediente aus dem Hotel waren von den Vorgängen unterrichtet . Sie sagten , dort an dem umstandenen Hause pflegten Maschinenarbeiter ihre Versammlungen zu halten . Ihr Verein wäre heute aufgehoben , weil man wieder drohende Reden gehalten . Die Polizei überwache die Sitzungen und schlösse sie jedesmal , wenn etwas Anstößiges gesprochen würde . Heute hätte man nicht auseinandergehen wollen ... Indem kam schon eine Kolonne Militair und trieb erst die neugierigen Massen auseinander , dann rückte sie auf das Haus selbst zu . Die Agenten der Polizei waren in voller Thätigkeit und soweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die Übersicht gestattete , sah man , daß unter Geschrei , Pfeifen , Lärmen , zahlreiche Verhaftungen vorgenommen wurden ... Das ist so schon das dritte Mal ! berichtete der Bediente und Voland sagte mit einem eignen sardonischen Lächeln : Man gewöhnt sich an dies Chaos . Es stört Niemanden mehr in seiner Abendruhe . Der Ritter Rochus vom Westen aber zitterte . Er hatte in einem solchen Sturm vor wenigen Monaten sein Portefeuille verloren . Er wußte an Beispielen , daß man dabei auch sein Leben verlieren konnte , trotz der Privatverehrung von Voltaire und Bolingbroke . Abscheulich , sagte Dystra , einen Staat in solchem ewigen Kriege gegen sich selber zu wissen ! Hören Sie nur das Pfeifen , dies Höhnen , das Zertrümmern der Fensterscheiben ! Die Trommel wirbelt . Es kann nicht lange währen , so hört man eine Salve und wir sehen Todte und Verwundete ... Ritter Rochus gerieth außer sich . Meinen Sie ? rief er und trippelte hin und her