Sie mußte noch an demselben Abend wieder Abschied nehmen . Und sie konnte so tiefe Empfindungen , wie sie sie einst in diesem Hause durchlebt , jetzt kaum noch in der Erinnerung vertragen . Sie hörte , daß Adrian Lutz sich verheiratet habe mit ihrer alten Pensionsgefährtin Klotilde , der Tochter des Berliner Schriftstellers . Die Ehe war nicht glücklich , — man sprach bereits von Scheidung . In Agathe regte sich Verachtung und Widerwillen der wohlerzogenen Bürgerstochter gegen das Unsichere , Schweifende solcher Künstlerexistenzen . Eine geschiedene Frau — hätte es so geendet , wenn sie die Seine geworden wäre ? Als Maler habe Lutz bei weitem nicht erreicht , was er einst versprochen . Seine Schülerin , Fräulein von Henning , habe ihn förmlich überholt . “ Das heißt — von Geist und Grazie hat die Person ja keinen Schimmer , ” sagte Frau von Woszenski . “ Aber die Energie ! Damit macht sie mehr , als hätte sie Talent ! Stellt in Paris im Salon aus . . . . ” “ Nun , Talent hat sie doch auch , ” meinte Woszenski gütig . “ Ach , mein Mann nimmt ' s mit den Damen nicht so genau , ” rief Mariechen und lachte scharf und laut . Agathe bemerkte wohl , daß ihrem Vater die Art von Woszenskis nicht sympathisch war . Wie sollte sie auch . Sie fragte , was aus dem Bilde geworden sei , an dem Herr von Woszenski damals arbeitete — die Ekstase der Novize . Ob er es verkauft habe . “ Ach , verkauft ! Ich arbeite noch daran . ” Er blickte über die Brille nachdenklich auf Agathe . “ Warum habe ich Sie nur damals nicht als Modell genommen ? ” Er brachte eine Farbenskizze zu dem neuen Entwurf . Es war im Laufe der Zeit ein völlig anderes Bild geworden . Statt des himmlischen Sonnensturmwindes , der die üppige rot und goldene Pracht des Hochaltars wirbelnd bewegte und in dem Tausende von Engelsköpfen die niedergesunkene Gottesbraut selig-toll umflatterten , glitt nun ein leichenhaftes , blaues Mondlicht durch den Säulengang eines Klosters . In dem stillen Geisterschein schwebte ein bleiches Kind mit einer Dornenkrone zu ihr hernieder . Die Nonne war nicht mehr das rosige Geschöpf , welches den kleinen Erlöser in ihren Armen empfing und mit unschuldig strahlendem Lächeln an ihr Herz drückte . Im Starrkrampf lag sie am Boden , die Arme steif ausgestreckt , als sei sie ans Kreuz geschlagen — die roten Wundenmale an der blassen Stirn und den wächsernen Händen . “ Man versucht eben auf mancherlei Weise auszudrücken , was man meint , ” sagte Woszenski leise : “ Mit den Jahren verändern sich dabei die Ideen . ” Er seufzte tief und stellte die Leinwand , die Agathe schweigend und lange betrachtet hatte , beiseite . “ Mein Freund Hamlet ” nannte Lutz einmal den grüblerischen Künstler . Und der Tag , an dem sie Lutz zum ersten Male gesehen , stand wieder vor Agathe . Zwischen damals und heute lag ihr Leben . Und nun nichts mehr ? Ein langsames Erstarren in Kälte und Entsagung ? Sie blickte nieder auf ihre wächsernen Hände und fast meinte sie , das blutige Stigma müsse dort sichtbar werden . . . . Was ihr für wunderliche , sinnlose Gedanken bisweilen kamen . . . . Acht Tage später saß Agathe auf der Veranda einer Schweizer-Pension und sah über Geranien- und Nelkentöpfe nach den hohen Bergen . Vom schwindenden Abendlicht wurden sie in braunviolette Tinten getaucht und standen mit ihren gewaltigen Linien gegen den südlich warmen blauen Himmel . Gott — war das schön ! — Auf alle ernsten , tiefen Menschen wirkt die große Natur beruhigend , erhebend , heilend . So mußte denn auch Agathe beruhigt , erhoben , geheilt werden . Es war das letzte Mittel . Es mußte helfen ! War es umsonst — dann — Ja dann ? — Sie wollte nicht daran denken , an die schreckliche Angst , die immer in ihrer Nähe lauerte , bereit , über sie herzustürzen . . . . Nur die Nächte . . . . Durch die lange Zeit des Wachens am Krankenlager ihrer Mutter hatte sie das ruhige Schlafen verlernt . Zwar nach den weiten Spaziergängen mit Vater sank sie , trunken von der Gebirgsluft , übermüdet in ihre Kissen und verlor sofort das Bewußtsein . Doch nach kurzem fuhr sie mit jähem Schrecken empor — es war , als hätte sie einen Schlag empfangen . — Etwas Furchtbares war geschehen . . . . ! Sie konnte sich nicht besinnen , was es gewesen . . . . Der Schweiß rieselte an ihr nieder , das Herz klopfte ihr . . . . O Gott , was war es denn nur ? Jemand war im Zimmer — dicht in ihrer Nähe ! — Es sollte ihr etwas Böses geschehen — sie fühlte es deutlich . Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit . Sie mußte sich gewaltig zusammennehmen , daß sie nicht laut aufschrie in Furcht und Grauen . Dann redete sie sich Vernunft ein . Ihr Vater war ja nebenan . Sie horchte , es drang kein Laut zu ihr . Papa schlief ganz friedlich . Diebe . . . . ? In dem fremden Hotel . Es konnte ja sein — es war sogar wahrscheinlich . Wieder horchte sie angestrengt . Aber vorige Nacht hatte sie dasselbe durchgemacht und die vorige auch . Einbildung — alles war nur Einbildung . Kaum legte sie sich auf ihrem Lager zurecht — da war es auch schon wieder . . . . Das Fremde — Geisterhafte — Unbegreifliche . . . Was konnte es nur sein ? “ O Gott , lieber , lieber Gott , hilf mir doch , ” betete sie schaudernd und kroch mit dem Kopf unter die Decke . “ O Gott , lieber Gott , laß mich endlich wieder einschlafen !