Ich höre gar nicht darauf – es ist doch etwas heiß im Zimmer ! « » Nun , wie Sie wollen , « sagte Herwig . » Was also unser Heidelberg betrifft , so sind Ihnen die akademischen Verhältnisse ja hinreichend bekannt , die gesellschaftlichen Kreise sind sehr angenehm und die schöne Lage der Stadt kommt doch auch in Betracht bei einer etwaigen Uebersiedlung . « » Ich gehe nie in Gesellschaft , « erklärte Normann in seiner gewohnten Schroffheit . » Und aus der Lage mache ich mir gar nichts . Sie wissen ja , ich bin nicht angelegt für Landschaften . « » Ja , das weiß ich und habe es auch aufgegeben , Sie zu bekehren – aber Dora , was soll denn das ? Hören Sie nur , das übermütige Mädchen hat jedenfalls Ihre letzten Worte gehört und macht sich lustig über Sie ! « Dora hatte in der That ein angefangenes Lied in der Mitte abgebrochen und urplötzlich ein anderes angestimmt . Sie besaß eine etwas verschleierte , aber liebliche Stimme , und durch die Abendstille ringsum klang es weich und lockend : » Alt Heidelberg , du feine , Du Stadt an Ehren reich , Am Neckar und am Rheine , Kein ' andre kommt dir gleich . « Bei der zweiten Strophe fiel Friedel ein , noch etwas schüchtern und unsicher , aber die Melodie wurde ihm schnell geläufig und den dritten Vers sang er tapfer mit . » Ja , Fräulein Dora scheint förmlich etwas darin zu suchen , mir bei jeder Gelegenheit einen Possen zu spielen , « sagte Normann in grollendem Tone . » Den Friedel hat sie mir überhaupt fortgenommen und thut , als wäre er ihr ausschließliches Eigentum . Ich bekomme den Jungen gar nicht mehr zu Gesicht ! Und jetzt lehrt sie ihn gar singen – singen , weil sie weiß , daß ich das nicht leiden kann . Aber gnade ihm Gott , wenn er sich einfallen läßt , bei mir zu singen ! « Indessen stand der Herr Professor trotz aller Entrüstung unverrückbar am Fenster , um den ihm bereiteten Aerger recht gründlich zu genießen . Herwig geriet in einige Verlegenheit , denn die Beschwerde war wirklich nicht ganz unbegründet . Dora stand mit seinem Kollegen nun einmal auf dem Kriegsfuße und ließ sich durchaus nicht zu der schuldigen Ehrfurcht bewegen . Selbst der Vater richtete mit seinen Ermahnungen nichts aus , und auch jetzt zuckte er nur die Achseln . » Sie müssen Nachsicht mit dem Uebermut haben . Ich gebe ja zu , daß meine Tochter etwas verzogen und eigenwillig ist . Sie hat früh die Mutter verloren und weiß nur zu gut , daß sie die erste Stelle im Herzen und im Hause des Vaters einnimmt , wo sie die Hausfrau vertritt . In der Gesellschaft wird sie nun vollends verwöhnt , die Studenten machen ihr eifrig den Hof und die jüngeren Dozenten thun das auch , zum Teil wohl mit ernsteren Absichten , Da bildet sich solch ein junges Ding ein , es dürfe mit aller Welt spielen , und vergißt bisweilen , was es einem Manne von Ihren Jahren und Ihrer Bedeutung schuldig ist , « Die gutgemeinte Entschuldigung hatte nicht die beabsichtigte Wirkung . Herr Professor Normann verzog den Mund , als gäbe man ihm etwas sehr Bitteres zu kosten . » Von meinen Jahren ? « wiederholte er gedehnt . » Für wie alt halten Sie mich denn eigentlich ? « » Ich denke , Sie werden in der Mitte der Vierzig stehen . « » Bitte , ich bin erst neununddreißig ! « » Nun , nehmen Sie es mir nicht übel , « lachte Herwig . » Sie sehen wirklich älter aus . Aber das darf Ihnen gleichgültig sein , in der Wissenschaft zählen Sie unbedingt noch zu den Jüngeren . « Das Gespräch wurde hier unterbrochen ; die Hauswirtin trat ein und berichtete , der Kutscher , der den Herrn Professor und das Fräulein morgen nach der Bahn bringen solle , sei da und möchte wegen der Abfahrtszeit und des Gepäckes noch mit den Herrschaften reden . » Ich werde wohl selbst mit dem Manne sprechen müssen , « meinte Herwig , indem er aufstand . » Wir sehen uns ja noch vor der Abreise , lieber Kollege , Sie werden froh sein , wenn Sie die unruhige Nachbarschaft endlich los sind ! « Der Herr Kollege war so unhöflich , nicht zu widersprechen , aber er sah nicht gerade besonders froh aus , als er sich gleichfalls erhob und das Zimmer verließ ; er schien im Gegenteil recht übler Laune zu sein , trotzdem die ersehnte Ruhe und Stille nun in sicherer Aussicht stand . Draußen in der Laube saß Dora und ordnete ihre Skizzen und Zeichnungen , die während des Aufenthaltes in Schlehdorf entstanden waren und nun eingepackt werden sollten . Es waren einige Landschaften in Wasserfarben und einige Studienköpfe darunter , und die sämtlichen Arbeiten verrieten zwar keine hervorragende künstlerische Begabung , aber doch ein hübsches , frisches Talent . Friedel legte die einzelnen Blätter in die Mappe und verschlang sie dabei fast mit den Augen . Er trug noch eine breite , frische Narbe auf der Stirn , ein Erinnerungszeichen an jenen Sturz vom Felsen , sonst aber hatte er sich merkwürdig verändert in den letzten vier Wochen . Seine Haltung war freier und kräftiger , sein Aussehen frischer geworden , und statt der krankhaft bleichen Farbe zeigte sich bereits eine leise Röte auf seinen Wangen . Die dunklen Ränder um die Augen waren verschwunden , ebenso wie das Scheue , Gedrückte in seinem Wesen . Er trug auch nicht mehr die dürftige , abgetragene Kleidung , die er mitgebracht hatte , sondern einen nagelneuen Anzug , und die Joppe mit den grünen Aufschlägen und das Lodenhütchen standen ihm allerliebst , man sah es jetzt erst , daß der Friedel eigentlich ein sehr hübscher Junge war . Das arme , verkümmerte