ist die kleine Annunziata , das Kammermädchen der Signora Biancona , “ berichtete Jonas , der jetzt endlich etwas in Redefluß kam . „ Ein armes blutjunges Ding , ohne Vater und Mutter . Sie ist erst seit ein paar Monaten bei der Signora , und es ging ihr so soweit auch gut , aber da ist ein Mensch , “ der Matrose ballte im vollen Ingrimme die Fäuste , „ Gianelli heißt er und ist Capellmeister ; der geht dem armen kleinen Dinge auf Schritt und Tritt nach und läßt sie nicht in Ruhe . Sie hat ihn einmal derb abgefertigt , und dafür hat er sie bei der Signora verklatscht , und Signora ist seit der Zeit so unfreundlich und heftig zu ihr , daß sie es nicht mehr aushalten kann . In dem Hause sieht sie überhaupt nicht viel Gutes , und deshalb soll sie fort und muß sie fort , und ich leide es nicht , daß sie länger da bleibt . “ „ Du scheinst ja über diese kleine Annunziata sehr genau unterrichtet zu sein , “ bemerkte Hugo trocken . „ Sie ist doch Italienerin ; hast Du all diese Details auf pantomimischem Wege erfahren ? “ „ Der Diener der Signora hat uns dann und wann ausgeholfen , wenn wir gar nicht fertig werden konnten , “ gestand Jonas ganz treuherzig . „ Aber der spricht ein schauderhaftes Deutsch , und ich mag es auch nicht , daß er seine Nase in Alles steckt . Sie soll ohnedies fort von der ganzen Sippschaft ; sie muß absolut in ein deutsches Haus . “ „ Wegen der Moral , “ ergänzte Hugo . „ Ja , und dann auch wegen des Deutschlernens . Sie spricht ja kein einziges Wort Deutsch , und es ist ein wahrer Jammer , wenn man sich so gar nicht versteht . Da habe ich denn gedacht . – Sie gehen ja so oft zu dem Consul Erlau , Herr Capitain ; die junge Frau Erlau könnte vielleicht ein Kammermädchen gebrauchen , und in solch einem reichen Haushalte kommt es ja gar nicht auf eine Person mehr oder weniger an – , wenn Sie ein gutes Wort für die Annunziata einlegten – “ er stockte und blickte seinen Herrn bittend an . „ Ich werde mit der Dame sprechen , “ sagte der Capitain , „ und jedenfalls ist es besser , Du stellst Deinen Schützling erst dort vor , sobald ich eine bestimmte Zusage habe ; ich werde ihn mir dann gleichfalls ansehen . Aber noch Eines , Jonas – “ er nahm eine feierliche Miene an – „ ich setze voraus , daß Dich bei der ganzen Sache nichts weiter leitet , als nur das Mitleid mit dem armen verfolgten Kinde . “ „ Nur das reine Mitleid , Herr Capitain , “ versicherte der Matrose mit einer so treuherzigen Offenheit , daß Hugo sich auf die Lippen biß , um nicht in ein erneutes Gelächter auszubrechen . „ Ich glaube wahrhaftig , er ist im Stande , sich das selbst einzubilden , “ murmelte er und setzte dann laut hinzu : „ Es ist mir lieb , das zu hören . Ich war im Voraus überzeugt davon , denn nicht wahr , Jonas , wir heirathen nie ? “ „ Nein , Herr Capitain , “ antwortete der Matrose , aber die Antwort kam etwas kleinlaut heraus . „ Weil wir uns aus den Frauenzimmern gar nichts machen , “ fuhr Hugo mit unerschütterlichem Ernste fort . „ Denn weiter als bis zum Mitleide und zur Dankbarkeit geht die Geschichte doch nie , dann segeln wir davon , und sie haben das Nachsehen . “ Diesmal gab der Matrose gar keine Antwort , aber er blickte seinen Herrn äußerst betroffen an . „ Und es ist auch ein wahres Glück , daß es so ist , “ schloß der Capitain mit vollem Nachdrucke . „ Frauenzimmer auf unserer ‚ Ellida ‘ ! Gott bewahre uns davor ! “ Damit ließ er ihn stehen und ging aus dem Zimmer . Jonas schaute ihm mit einer Miene nach , von der sich schwer entscheiden ließ , ob sie mehr verdutzt oder mehr trübselig war , endlich aber schien die letztere Empfindung vorzuherrschen , denn er ließ den Kopf hängen und stieß einen Seufzer aus , als er halblaut sagte : „ Ja freilich , sie ist auch ein Frauenzimmer – leider Gottes ! “ – Hugo war hinübergegangen in das Arbeitszimmer seines Bruders , den er allein fand . Der Flügel stand offen , Reinhold selbst aber lag auf dem Ruhebette ausgestreckt , den Kopf tief in die Kissen zurückgeworfen . Das Antlitz mit den halbgeschlossenen Augen und die hohe Stirn mit den dunkeln Haaren , die darüber hinfielen , sahen erschreckend bleich aus . Es war eine Stellung , nicht der Ruhe , sondern der grenzenlosesten Ermüdung und Erschöpfung , und er veränderte sie kaum beim Erscheinen seines Bruders . „ Reinhold , das ist doch wirklich unverantwortlich von Dir , “ sagte dieser herantretend . „ Die halbe Stadt hast Du in Aufruhr gebracht mit Deiner Oper ; im Theater geht es drunter und drüber ; im Publicum kämpft man förmlich um die Billets . Eccellenza der Intendant weiß nicht mehr , wo ihm der Kopf steht , und Donna Beatrice ist in einer geradezu nervösen Aufregung . Und Du , der eigentliche Anstifter all dieses Unheils , träumst hier im dolce far niente , als ob es weder Oper noch Publicum noch sonst etwas auf der Welt gäbe . “ Reinhold wandte mit einer matten , gleichgültigen Bewegung den Kopf nach dem Eintretenden ; man sah es seinem Gesichte an , daß sein Träumen eher alles Andere , nur nicht süß gewesen war . „ Du warst in der Probe ? “ fragte er . „ Hast Du Cesario gesehen ? “ „ Den Marchese ? Allerdings , obgleich er so wenig in der Probe war