liegt besinnungslos da , der Steinwurf hat ihn gerade am Kopfe getroffen . “ „ Es wird Alles zur Pflege der Verwundeten geschehen . Ich werde selbst – “ der Freiherr that einen Schritt nach der Thür hin , besann sich aber und blieb stehen . Der befremdete Blick des Bürgermeisters und der scharf beobachtende des Polizeidirectors mochten ihn wohl daran erinnern , daß diese Theilnahme in zu grellem Gegensatze zu der Gleichgültigkeit stand , die er soeben erst gegen fremdes Leben gezeigt . „ Ich werde selbst dem Haushofmeister die nöthigen Weisungen geben , “ fügte er langsamer hinzu und legte die Hand an die Klingel . „ Der Haushofmeister trifft bereits mit großer Umsicht alle Anstalten , “ erklärte der Polizeichef . „ Es ist nicht nöthig , daß Sie sich selbst bemühen , Excellenz . “ Der Freiherr schwieg und trat an das Fenster . War es eine Warnung , die ihm gerade in diesem Augenblicke den Namen des Jugendfreundes in das Gedächtniß rief , eine Erinnerung daran , daß Arno Raven auch einst zu jenen „ Empörern “ gehörte , die der Gouverneur Freiherr von Raven niederschießen lassen wollte – es war eine lange verhängnißvolle Pause , welche die nächsten Minuten ausfüllte . „ Ich kehre nach der Stadt zurück , “ brach der Bürgermeister endlich das Schweigen . „ Soll ich wirklich jene Worte als letzten Entschluß Euer Excellenz mit mir nehmen ? “ Der Freiherr wandte sich um . Es lag etwas wie innerer Kampf in seinen Zügen , als er erwiderte : „ Oberst Wilten hat das Commando in der Stadt . Ich kann in seine Maßregeln nicht eingreifen ; die militärischen Dispositionen sind seine Sache . “ „ Der Oberst handelt auf Ihre Weisung . Ein Wort von Ihnen , und er enthält sich wenigstens des directen Eingreifens . Sprechen Sie dieses Wort aus ! Wir warten Alle darauf . “ Wieder vergingen einige Secunden . Die Stirn des Gouverneurs zog sich in finstere Falten ; plötzlich richtete er sich empor und rief den jungen Officier an seine Seite . „ Herr Lieutenant Wilten , können Sie Ihren Posten hier im Schlosse auf eine Viertelstunde verlassen ? Ich möchte Sie ersuchen Ihrem Vater selbst – “ Er hielt inne und horchte auf . Von der Stadt her klang es herüber , entfernt zwar , aber mit furchtbarer Deutlichkeit , ein nicht mißzuverstehender Laut – das Knattern von Gewehren . „ Mein Gott – das sind Schüsse , “ rief Hofrath Moser aufschreckend , während der Bürgermeister und der Polizeidirector zum Fenster eilten . Die Dunkelheit erlaubte freilich nicht , irgend etwas zu sehen , aber dessen bedurfte es auch nicht mehr . Es krachte zum zweiten , zum dritten Male – dann war alles still . „ Die Botschaft würde nichts mehr nützen , “ sagte der junge Officier leise zu dem Freiherrn . „ Man schießt bereits . “ Raven erwiderte keine Silbe ; er stand unbeweglich da , die Hand auf den Tisch gestützt , das Auge nach dem Fenster gerichtet ; erst als die anderen Beiden von dort zurückkehrten , wandte er sich zum Bürgermeister : „ Sie sehen , es ist zu spät . Ich kann nicht mehr eingreifen , selbst wenn ich wollte . “ „ Ich sehe es , “ sagte der Angeredete mit schneidender Bitterkeit . „ Sie haben jetzt das Blut zwischen sich und uns gestellt , und da ist jedes fernere Wort überflüssig . Ich habe nichts mehr zu sagen . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 24 , S. 387 – 390 Fortsetzungsroman – Teil 16 [ 387 ] Wenn irgend Jemand Veranlassung hatte , über das seltsame Spiel des Zufalls Betrachtungen anzustellen , so war es sicher der Hofrath Moser , denn gegen ihn hatte sich der Zufall eine Malice erlaubt , wie sie ärger gar nicht gedacht werden konnte . Er , der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains , der Inbegriff aller Loyalität , der geschworene Feind aller revolutionären und demagogischen Elemente , er mußte es jetzt erleben , daß unter seinem Dache , in seiner Wohnung der Sohn eines Hoch- und Staatsverräthers gepflegt wurde , und was das Schlimmste war , die Unvorsichtigkeit und Uebereilung der eigenen Tochter hatte dieses Schicksal über das Haupt ihres Vaters gebracht . Es war nicht zu leugnen , daß Agnes Moser allein die Schuld daran trug , wenn sie dabei auch zweifellos von den frömmsten Motiven geleitet wurde . Agnes hatte von jeher die kurze Zeit , die sie noch im Hause ihres Vaters zubringen sollte , ehe sie der selbstgewählten Bestimmung folgte , als eine Vorbereitung für diese betrachtet . Die kranke Frau des Copisten war nicht die Einzige , die sich ihrer Sorgfalt erfreute . Wo es im Schlosse oder in der näheren Umgebung nur irgend etwas zu trösten oder zu pflegen gab , erschien das junge Mädchen , das sonst niemals zum Vorschein kam , um seine stille , aufopfernde Thätigkeit zu beginnen , und was bei einer Andern befremdlich erschienen wäre , galt hier als selbstverständlich . Man wußte ja allgemein , daß die Tochter des Hofraths den Schleier nehmen werde ; man sah in ihr bereits die künftige Nonne , und dies im Verein mit ihrer Bereitwilligkeit , überall zu helfen , wo Hülfe nothwendig war , verschaffte ihr bei sämmtlichen Bewohnern des Schlosses einen Respect , der sonst siebenzehnjährigen jungen Mädchen selten zu Theil wird . Man fand es daher sehr natürlich , [ 388 ] daß an jenem Abende , als die Verwundeten in das Schloß gebracht wurden , auch Fräulein Moser sich an den Hülfeleistungen betheiligte , und kam ihr auf das Bereitwilligste entgegen , als sie den Vorschlag machte , den am schwersten Verletzten , den Doctor Brunnow , in die Wohnung ihres Vaters zu bringen , wo