daß heute wirklich nichts mehr von dem jungen Mädchen zu erreichen war , sie gab endlich die nutzlosen Versuche auf . Von Schlaf war bei den beiden Frauen in dieser Nacht nicht viel die Rede . Lucie hatte sich angekleidet niedergelegt , aber ihre Gefährtin sah nur zu gut , daß sie das Auge auch nicht einen Moment lang schloß . Franziska selbst ließ sich erst gegen Morgen von einem leichten Schlummer überraschen , zu ihrem Schaden , denn als sie erwachte , war ihre junge Pflegebefohlene von ihrer Seite verschwunden und im ganzen Zimmer nicht zu entdecken . Erschreckt sprang die Erzieherin auf und eilte hinaus , aber dort traf sie bereits das ganze Haus in Aufruhr : die Nachricht von Günther ’ s Verhaftung , die gestern Abend noch verborgen geblieben , war heute in aller Frühe bereits durch den Briefboten aus E. nach Dobra gebracht worden und hatte dort leicht begreifliches Entsetzen erregt ; Franziska hatte Mühe , sich in dem allgemeinen Durcheinander Luft zu einer Frage nach Lucie zu schaffen . „ Fräulein Lucie ist schon vor einer Stunde abgereist ! “ erklärte das Mädchen , welches sie Beide bediente , „ sie läßt aber das Fräulein bitten , sich nicht zu ängstigen , sie würde vor Abend wieder zurück sein . “ Franziska stand da wie vom Donner gerührt . „ Abgereist ! Wohin ? “ Das Mädchen zuckte die Achseln . „ Das weiß ich nicht ! Wahrscheinlich weiß es nur der alte Joseph , der das Fräulein führt ; sie hat Niemandem ein Wort davon gesagt . “ „ Nun , das ist ja eine schöne Geschichte ! Herr Günther vertraut sie ausdrücklich meinen Händen an , und jetzt geht sie mir heimlich auf und davon ! Wo kann sie hin sein ? Natürlich nur nach E. zum Bruder , um ihm mitzutheilen , was sie mir verschwieg . Und man wird sie nicht einmal zu ihm lassen ! Konnte das thörichte Kind mich nicht mitnehmen ? ich hätte mir den Weg in ’ s Gefängniß gebahnt , und wenn zwölf Landrichter und vierundzwanzig Gerichtsdiener davor Posto gefaßt hätten , um mir den Eingang zu wehren ! “ Franziska wurde in ihrem zum Glück nicht laut geführten Selbstgespräch unterbrochen , denn von allen Seiten stürmten jetzt Fragen , Erkundigungen , Bitten auf sie ein . Die Beamten kamen mit schreckensbleichen Gesichtern , die Dienerschaft lief verstört und rathlos durcheinander , der ganze Haushalt schien aus den Fugen gegangen , da galt es energisch einzugreifen und den sämmtlichen Untergebenen zu zeigen , daß wenigstens noch eine leitende Hand da war , die Ordnung in das so plötzlich entstandene Chaos zu bringen wußte . „ Das Fräulein steht ihren Mann ! “ sagte der unter Günther ’ s Leitung sehr tüchtige , aber nichts weniger als selbstständige Oberinspector , als er nach Verlauf einer Stunde von ihr zurück kam . „ Die versteht sich auf ’ s Commandiren fast so gut , wie der Herr selber . Gott sei Dank , daß wir wenigstens noch Einen haben , der den Kopf nicht verliert . Wenn sie nicht wäre , ich glaube , es ginge jetzt in Dobra Alles drunter und drüber ! “ Im Hochgebirge hatten die Stürme während der letzten Tage wieder mit verheerender Gewalt gewüthet . Ausgetretene Bergwasser , entwurzelte Bäume , niederstürzendes Felsgeröll hatten die Wege unpassirbar gemacht und die höher gelegenen Bergorte , wie N. , gänzlich von der Ebene abgeschnitten . Die Verbindung damit war fast ganz abgebrochen , denn die Gebirgsbewohner , die allenfalls noch zu Fuße hinauf- oder heruntergelangen konnten , scheuten sich , ohne Noth den gefährlichen und mühseligen Weg zu machen . Um so mehr wunderte sich der rüstig voransteigende Bauer , daß die junge Dame , welche ihm folgte , dies Wagniß unternehmen wollte . Sie war mit ihrem Wagen nur ungefähr bis zur Hälfte des Weges gekommen , da erwies sich die Weiterfahrt als unmöglich , aber vergebens bat sie der alte Kutscher mit Thränen in den Augen , zurückzubleiben , vergebens warnten die Dorfleute , sie hatte erklärt vorwärts zu müssen , nach N. hinauf zum Pfarrer Clemens , wie sie sagte , hatte einen der Männer durch das Anerbieten eines reichlichen Lohnes bewogen , ihren Führer zu machen , und setzte nun wirklich die Reise mit ihm zu Fuße fort . Es war ein arger Weg , er zeigte überall noch die Verheerungen des Sturmes , der sich glücklicherweise während der Nacht gelegt hatte . Der Führer blickte sich oft genug besorgt um nach seiner schweigsamen Begleiterin , ob sie auch überhaupt zu folgen vermöge , woran er ernstlich zweifelte ; freilich sie war jung und leichtfüßig , aber doch gar zu zart für solchen Gang und für solches Wetter , zudem waren ihre Schuhe so entsetzlich dünn und fein , jeder Tritt mußte sie ja schmerzen hier auf den scharfen Steinen , und der Regenmantel , der über die leichte Kleidung geworfen war , schützte sie auch nicht viel vor dem noch immer scharfen Bergwinde . Sie schien aber Beides nicht zu empfinden , sondern folgte unverdrossen , ohne Ausruhen und ohne Klage , als kenne sie weder Ermüdung noch Furcht . Ungefähr eine Stunde lang waren sie so vorwärts gegangen und erreichten jetzt eine freiere Höhe . Zur Seite des Weges stand ein roh geschnitztes Heiligenbild , das auch dem Sturme zum Opfer gefallen war , das hölzerne Schutzdach war zertrümmert , das Bild selbst lag zerschmettert am Boden , nur der Pfahl , der es getragen , stand noch zur Hälfte aufrecht , von dem moosigen Felsstück gehalten , an das er sich lehnte . Unten am Abhange , nur einige hundert Schritte entfernt , lag ein einsames , armseliges Gehöft , das halb verdeckt durch die Tannen gänzlich öde und ausgestorben schien . Auf der Höhe angelangt blieb das junge Mädchen plötzlich stehen und berührte den Arm ihres Begleiters . „ Wir müssen ausruhen ! – Ich kann