Vertrag oder Bündnis ! Ein bescheidenes Wort für eine irdische Sache ! « Er setzte ernst werdend hinzu : » Der Gewissensskrupel Eures Gebieters , der katholischen Majestät , der ihr – wie mir Eure Herrlichkeit mitteilte – verbot , mit einer unkatholischen Macht ein Bündnis zu schließen , ist jetzt ohnedies gehoben . « » Wie das ? « fragte der Herzog mißtrauisch . » Dieses Mal kann Bünden als katholische Macht gelten « , behauptete Jenatsch kalt , » da , die italienischen Herrschaften mitgezählt , die Mehrzahl seiner Bewohner und das unterhandelnde Staatsoberhaupt selber diesen Glauben bekennen . « » Eure Gnade hat den Schritt getan « , bemerkte Serbelloni unangenehm berührt . » Ich freue mich als guter Christ unendlich darüber und beglückwünsche Eure Gnade aufs aufrichtigste . « Und er warf ihm einen Blick grenzenloser Verachtung zu . » Es mag Euch hart angekommen sein . « Jenatsch hatte ein leichtfertiges Wort auf der Zunge , aber plötzlich wurde sein Gesicht zorndunkel und er rief trotzig : » Leicht oder hart – genug – es ist getan ! « Seine Heftigkeit schien ihm selbst aufzufallen , er nahm sich zusammen und fuhr flüsternd fort : » Ich vernehme , daß die katholische Majestät meiner Sinnesänderung Beifall zollt . Diesseits der Pyrenäen aber hat mich dieser reuige Schritt zu meinem freudigen Erstaunen mit dem Pater Joseph ausgesöhnt . Er schrieb mir neulich neben andern guten Nachrichten , sein Gönner , der Kardinal Richelieu , finde den Bericht des Herzogs Rohan über die Märzereignisse in Chur lückenhaft und wünsche eine vollständige Darstellung derselben von meiner Hand . « Es entstand ein Stillschweigen . » Bei ruhiger Betrachtung der Dinge , Sennor « , sagte dann Serbelloni , der sein Erschrecken mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit beherrschte , » und maßvoller Verteilung der Dinge sind wir nicht so weit auseinander , als es einem Unkundigen scheinen möchte . Zwei Punkte nur , zwei Punkte sind bestritten . Spanien verlangt , wie ich Eurer Gnade eröffnet habe und sie nun selbst billigen wird , für das Valtelin unsern katholischen Glauben als Staatsreligion – dies das Wichtigere . Daneben während der Dauer des Krieges freien Paß für die Truppen der katholischen Majestät über den Stelvio . « » Was den größern Punkt betrifft « , erwiderte Jenatsch ohne Zögern , » so bin ich der Fanatiker meiner jungen Jahre nicht mehr . Das Veltlin bleibe katholisch , da die größere , ja die volle Zahl seiner Bewohner unsern Glauben bekennt . Wir Bündner beurlauben nach demselben Grundsatze die Kapuziner des untern Engadins , wo neun Reformierte gegen einen katholischen Christen stehn . – Gestehet , Herr , ich bin willfährig und entgegenkommend ! Haltet mir Gegenrecht – verzichtet auf den Paß . « Und er reichte dem Herzog eines der auf dem Tische liegenden Papiere zur Unterzeichnung . Dieser aber weigerte sich mit einer bedauernden Handbewegung : » Noch nicht . Keine Überstürzung ! Spanien muß den Paß besitzen . « Ein unheimliches Feuer fuhr aus den Augen des Bündners und es war , als ob sich seine Haare trotzig sträubten über der eisernen Stirne . » Ich kann den Paß ; nicht in Eure Hände geben « , rief er mit mühsam gemäßigter Stimme , » will ich mein Bünden in redlichem Frieden halten zwischen Frankreich und Spanien . – Ihr erstickt uns ! – Gebt Raum , daß wir atmen können zwischen zwei Riesen , die sich noch lange bekriegen werden ! « Und der Bündner warf seine gewaltigen Arme wie ein Schwimmer auseinander , als machte er Platz für die Ströme seiner Heimat . Der Herzog fühlte sich von dieser alle Form verletzenden Gebärde peinlich berührt . Sie erinnerte ihn daran , welcher Mann vor ihm saß . Er dachte an das von ihm selbst begünstigte Attentat des Obersten gegen die Freiheit des guten Herzogs und er ärgerte sich zu dieser Stunde , daß dieser rohe Emporkömmling an einem fürstlichen Manne , an einem seinesgleichen Gewalt geübt habe . Er richtete sich in stolzer Steifheit empor und hohnlächelte : » Will Eure Gnade mir die Hand zwingen ? Ich bin kein Herzog Rohan ! Und nicht in Chur sind wir , sondern in Mailand . « Das war ein unzeitiges Wort . Der unvermutet ausgesprochene , dem Bündner einst so teure Name des von ihm Verratenen verwundete ihn wie eine persönliche Beleidigung , oder es starrte ihn das Medusenhaupt seiner unblutigen , aber schlimmsten Tat an . Er erbleichte und verlor die Fassung . » Der Paß ist eine Unmöglichkeit ! « schrie er den Herzog an . » Macht ein Ende und unterzeichnet ! « » Sennor « , sagte dieser kalt , » ich muß mich fragen , wen ich vor mir habe . Eure Gnade unterscheidet sich von ihren Landsleuten nicht zu ihrem Vorteil . Ich habe oft mit Bündnern , auch von der protestantischen Partei , unterhandelt und erfand sie stets als weise , mäßige , tugendhafte Männer , die sich und die Stellung ihres kleinen Landes niemals mißkannten . – Wie Eure Gnade sich eben ausdrückte , spricht nur ein Welteroberer wie Alexander , oder – ein Rasender . « Georg Jenatsch war von seinem Sitze aufgesprungen . Mit brennenden Augen und geisterhaft verfärbtem Haupte stand er vor dem Herzog . » Wen Eure Herrlichkeit vor sich hat ? . . . Keinen weisen tugendhaften Mann , nein , wahrhaftig nicht ! . . . Sondern einen Menschen , der sein Vaterland ganz und völlig retten wird – koste es , was es wolle ! Das ist mein Schicksal und ich will es erfüllen . Hört mich , Herzog : Als ich Bünden hieherkommend verließ , strömte im Dorfe Splügen das Volk zusammen und flehte mich unter Tränen an , ihm den Frieden heimzubringen . Und › mich jammerte des Volkes ‹ , wie geschrieben stehet . Da kam ein alter Prädikant mit langem weißen Haar und Barte hergewankt – er glich meinem Vater