ein Blick aus den Augen des schönen fremden Weibes traf , da erkannte ich das Kind in ihr wieder , das arme verlassene Kind . Ich fand die alte Scheu , das alte Weh noch in diesem Blick und es drang mir wie eine schmerzliche Mahnung in das Herz . Ich hätte sie gleich in meine Arme nehmen und von dem Hügel herabtragen mögen , wie damals von dem brechenden Ast , auf den sie vor mir geflohen war ! “ „ Gott gebe nur , daß das seltsame Wesen eines Mannes , wie Du , würdig sei “ , sagte Hilsborn . „ Sprich nicht so , Hilsborn , Du weißt , daß ich dergleichen nicht hören will . Laß uns lieber diesen Menschen noch über sie ausfragen , das ist interessant genug . “ Er wendete sich dem Burschen zu , der pfeifend auf der anderen Seite der Straße ging . „ Tut sie denn wenigstens den Armen Gutes ? “ fragte er . „ Behüte Gott Jeden , dem die was Gutes tun wollte , — es mag Niemand was von ihr . Der Oheim teilt alle Wochen Geld aus , aber es nehmen ’ s nur die allerärmsten Leute und machen doch noch ein Kreuz darüber . “ Johannes und Hilsborn sahen sich lächelnd an . „ Also sogar auf ihre Wohltaten erstreckt sich ihre unheilvolle Macht ? “ „ Ja , das will ich meinen , wo sie hingekommen ist , hat sie Unglück gebracht , — Alles hat sie besser wissen , vertrackte Neuerungen einführen wollen . Wie man ’ s machte , war ’ s ihr nicht recht , die Fieberkranken sollte man nicht mit Federbetten zudecken , den Schwachen sollte man kein Gläschen guten Schnaps reichen und was derlei Gewalttätigkeiten mehr waren . — Einmal hatte eine arme Wittfrau ein krankes Kind und pflegte es nach besten Kräften . Die Hartwich kommt dazu und redet so lange an die Frau hin , bis sie ihr erlaubt , bei dem Kinde eine Nacht zu wachen . Kaum sitzt sie aber an der Wiege , wird es immer schlimmer , der Bub kriegt Krämpfe und spricht irre , — die Hartwich schickt die Mutter aufs Schloß , um einen reitenden Boten zu bestellen , der den Physikus holen sollte , und bleibt so lange allein bei dem Kleinen . Als die Frau vom Schloß zurückkommt und zur Türe hereintritt , hat die Hexe das Kind auf dem Schoß und das arme Würmchen verendet eben . Die Frau , ganz von Sinnen vor Schreck , riß ihr die kleine Leiche weg und da sie keinen Trost von ihr annehmen wollte , ging die Hartwich endlich fort . Als der Arzt kam , schwatzte er allerhand unverständliches Zeug und wollte das Kind sezieren , wie er ’ s nannte , aber so etwas läßt natürlich keine christliche Mutter zu und da kam es denn freilich nicht heraus , was die Hartwich mit dem armen Wurm gemacht hatte ! “ „ Aber Ihr törichten Leute “ — fuhr Johannes empört auf , „ Ihr werdet doch nicht denken — “ Hilsborn winkte ihm , zu schweigen : „ Laß doch “ , sagte er leise , „ willst Du versuchen , was Götter ver ­ gebens tun , mit der Dummheit kämpfen ? “ „ Du hast Recht “ , erwiderte Johannes , „ dieses Volk können nur Jahrhunderte belehren . “ „ Nun , guter Freund “ , redete er wieder den Bauern an , „ was geschah denn dann der Hartwich ? “ „ Ei , als sie in derselben Nacht , nachdem der Arzt fort war , wieder kam und Geld brachte , wahrschein ­ lich damit die Frau schweigen sollte , wies diese ihr die Tür und sagte ihr , was sie von ihr hielte . “ „ Das war der Dank ! “ murmelte Johannes . „ Seitdem kommt sie zu Niemanden mehr ins Haus und wir sind sie los . “ „ War denn dieser unglückliche Fall der einzige ? “ fragte Johannes , „ oder hatte sie noch mehr solches Unheil angestellt ? “ „ Ja wohl , eine Menge ! Einmal überredete sie auch einen Mann , daß er in die Stadt ging und sich ein Bein abnehmen ließ , — er hatte schon seit zehn Jahren einen Schaden daran . Der Mann starb in der Stadt und hinterließ Frau und Kinder . Wenn ihn das Unglücksweib nicht hinschickte , lebte er heute noch . Hatte er das Übel zehn Jahre gehabt , konnte er ’ s auch noch länger haben ! Die arme Wittib verwünschte sie tausendmal ! “ Johannes wechselte Blicke mit Hilsborn : „ So urteilt das Volk ! “ „ Glaubst Du denn auch , daß sie eine Hexe ist ? “ fragte er den Bauern . „ Nun Herr , wenn ich auch das nicht glaube , so behaupte ich doch , daß kein Segen mit ihr ist , weil sie keine Gemeinschaft mit Gott hat . “ „ Und woher weißt Du das ? “ „ Sehen Sie , dafür gibt es gar viele Anzeichen . Es ist ihr alles zuwider , was sie an Gott mahnt , in einer Kirche läßt sie sich nun schon gar nicht sehen und zu Hause betet sie auch nicht . “ „ Das kannst Du ja aber doch nicht wissen ! “ meinte Johannes . „ Oho , das weiß ich wohl , denn Herchers Kuni ­ gund ’ dient droben auf dem Schloß und die erzählt uns Alles . — Da war zum Beispiel früher ein Glockentürmchen auf dem Herrenhaus , von dem seit Alters her Morgens und Abends das Gebet einge ­ läutet wurde . Das war gar schön und erbaulich , wenn die Glocke mit der von der Dorfkirche zusammenstimmte und wir waren ’ s so gewöhnt und hatten ’ s lieb . Sogar als die frühere Herrschaft starb , gab die Gemeinde