wenig , Helene . ‹ » Als ich an diesem Abend zu Bett lag , konnte ich zum ersten Male nicht schlafen . Nebenan sprachen die Eltern noch , es klang fast , als hätten sie eine Meinungsverschiedenheit . Ich wußte nicht , was beginnen vor anstürmenden Gedanken . Immer sah ich seine Augen vor mir , schließlich fing ich an zu weinen , ohne einen rechten Grund dafür zu haben . Da kam meine Mutter , trat an mein Bett , und ich tat nun , als ob ich schliefe , denn ich hatte eine sonderbare 278 Scheu , mit ihr zu reden . Sie aber beugte sich über mich und sagte ganz dicht an meinem Ohr , als wüßte sie , daß ich mich verstellte : › Habe nur immer Vertrauen zu mir , Kind , dann wird mit Gottes Hilfe alles gut ! ‹ » Am anderen Morgen wußte ich nicht , ob ich das geträumt , oder ob sie wirklich jene Worte gesprochen hatte , aber ich mochte sie nicht fragen darum . » Es kam nun eine sonderbare Zeit im Hause . Mein Vater wurde oft zu dem Baron gerufen , von früh bis spät wünschte der lebhafte junge Herr ihn zu fragen und zum Begleiter zu haben . » Er nannte meinen Vater dabei › lieber Rentmeister ‹ oder nur bei seinem Namen , und da er eine andere Tageseinteilung gewöhnt war , ließ er ihn bisweilen vom Essen abrufen . Einmal ging Vater mit beleidigtem Gesicht , denn als der Diener wiederholt sozusagen in die Suppenschüssel fiel und Vater zu dem gnädigen Herrn entbot , fuhr er den verblüfften Menschen hart an : › Sagen Sie dem Herrn Baron , ich sei bei Tische . ‹ Er aß indessen nicht weiter , sondern warf hochrot vor Zorn den Löffel in den Teller und verließ das Zimmer . Mutter schüttelte den Kopf , seufzte und ging ihm nach . › Karl , du mußt nicht so sein , ‹ hörte ich sie im Hineingehen in die Schlafstube sprechen , › er meint ' s nicht bös , er denkt nicht daran , dich zu kränken . ‹ Dann fiel die Tür zu . » Gelegentlich einer anderen Szene aber , in der mein Vater in meinem Beisein seiner Empörung freien Lauf ließ , sich in harten Ausdrücken gegen den Baron erging , entdeckte ich , und die Entdeckung erschreckte mich förmlich , daß ich den Geschmähten liebte ! Und diese Liebe wuchs , je stärker die Abneigung Vaters gegen ihn zu Tage trat ! Ohne nach den Gründen zu forschen , die meinen Vater etwa leiten mochten , nahm ich nun in meinem Herzen aufs entschiedenste Partei für den , dem mein Herz gehörte . Er tat in meinen Augen nichts Verdammenswertes . Je mehr ich mich aber verlor in meiner Liebe , die den Eltern kaum verborgen bleiben konnte , da auch der Baron offenbar meine Gegenwart suchte , umso kummervoller wurden die Gesichter meiner Eltern . Ich fühlte mich stets beobachtet von beiden , ich wurde unermüdlich beschäftigt von Mutter . Von dem Baron sprach 279 man nie , es war , als wäre er nicht auf der Welt . Ich empfand das alles wie eine Ungerechtigkeit gegen mich , gegen ihn . So lebte ich ein aufregendes innerliches Leben damals , so still auch scheinbar alles zuging . » Eines Abends aber kam die Katastrophe . » Eine Freundin hatte mich besucht , oder vielmehr die Freundin , ich hatte nur eine . Meine Mutter pflegte mich von den anderen jungen Mädchen , den Töchtern des Hüttenbesitzers , des jungen Lehrers und des Försters , fern zu halten , einzig und allein mit Pastors Cäcilie durfte ich umgehen . Also die hatte mich besucht , war von mir mit Kuchen und Kaffee im Garten bewirtet worden , und ich begleitete sie nun bis zu der kleinen Pforte , die aus dem Obstgarten direkt in die sogenannte Kirchgasse führt , in welcher das Pfarrhaus lag . Cäcilie war ein blondes , schwärmerisches Mädchen , sie hatte an diesem Tage immerfort geredet , und mir war es recht gewesen . Ich konnte meine eigenen Gedanken dabei ungestört denken und wußte zum Schluß kaum noch , was sie alles berichtet hatte . Als wir abschiednehmend in dem Mauerpförtchen standen , kam ein Herr die Gasse daher und grüßte uns . Er war modisch aber einfach angezogen , trug einen Hut von weißem Stroh . Ein paar kluge graue Augen hinter Brillengläsern streiften uns bei seinem Gruß . Ich hatte nur ganz mechanisch acht auf ihn . › Siehst du , das war › Er ‹ , er kommt von Vater . Alle Tage besucht er Vater und läßt sich von ihm erzählen über die Dorfleute , ‹ flüsterte Cäcilie hocherglüht . » › Wer ist er ? ‹ fragte ich verwundert . » Dem blonden Cäcilchen blieb der Mund offen . › Bist du denn taub gewesen , Helene ? Ich habe dir ja haarklein die ganze Geschichte erzählt vorhin . Der neue Arzt , der Doktor Bodenstedt , dem der Onkel Schröder seine Praxis abgegeben hat , der war es . ‹ » Ach so , richtig , Onkel Schröder , der alte langjährige Arzt von Waldburg , hatte sich zur Ruhe gesetzt , und sein Nachfolger war seit etwa drei Wochen hier , ich hatte auch seinen Namen schon gehört . Aber mich interessierte es nicht . Mein Herz hing an dem alten Herrn , der uns Kindern bunte Steinchen und Schneckenhäuser mitzubringen pflegte in die Krankenstube und so 280 herrliche Geschichten erzählen konnte , daß wir Kopf- und Halsschmerzen darüber zu vergessen pflegten . » Cäcilie begriff meine Teilnahmslosigkeit offenbar nicht und verabschiedete sich etwas steif von mir . Ich verschloß hinter ihr die Pforte wieder und kehrte , über die Grasnarbe des Obstgartens schreitend , zurück zum Park . Keine Ahnung sagte mir , daß ich da eben meinem Glück