auch nur einen Buchstaben hätte entziffern können , oder hatte das Streifchen abgeschnitten . Geschrieben hatte ihr niemand über Heinz , über ihn nicht und über Günther nicht . Als sie vor drei Jahren , das einzige Mal während ihres Studiums , hier war in der Weihnachtszeit , hatte sie wohl von ihm sprechen hören , damals war er also noch dagewesen . Sie hatte auch erfahren , daß Hedwig Kerkow die Hausdame des Oberförsters geworden sei , gesehen hatte sie weder den einen noch den andern , und sich näher nach Heinz zu erkundigen , das litt ihr trotziges Herz nicht . Es wurde ihr plötzlich heiß , sie nahm den Hut vom Kopfe und ging , ihn lässig in der Hand haltend , gesenkten Hauptes weiter . Auf den weiten Rasenflächen hatte man das erste Gras geschnitten , wunderbar harmonierte der Duft mit der ganzen Frühlingsstimmung . So war sie , ohne acht darauf zu haben , zum Luisenschlößchen emporgestiegen und wollte , wie sonst , daran vorüberschreiten , um in den Weg zu gelangen , der an der äußersten Grenze des Parkes hinlief . Da blieb sie verwundert stehen . Der alte , halbzerfallene Bau war renoviert , frisch gestrichen , schaute er gar schmuck aus den dunklen Tannen heraus , die ihn im Halbkreise umstanden . Das Erdgeschoß schien bewohnt , es leuchteten schneeweiße Gardinen hinter den kleinen Scheiben der hohen Fenster . Ein Frauenkopf erschien dort einen Augenblick , Aenne flüchtig musternd , sonst auch hier alles spukhaft still . Ueber den frisch abgeschütteten Kiesplatz lief eine schmale Räderspur und verlor sich nach dem Garten zu , der , durch ein ganz neues Gitter eingefriedet , erst neuerdings geschaffen sein mußte , als Haus- und Privatgärtchen der Schloßbewohner . Aenne ging der Räderspur nach und lugte über das Staket . Unter der großen Buche , die eine neugezimmerte Laube in der rechten Ecke des Gartens beschirmte , stand das Wägelchen , dessen Spur sie gefolgt , eigentlich ein fahrbares Krankenbettchen , ein kleiner Sonnenschirm ohne Stiel hing darüber . Aus den weißen Kissen aber sah ein gelbliches Kindergesicht , um das sich goldblonde , weiche , seidige Härchen krausten . Zur Seite kniete eine Person , die dem kranken Geschöpfchen eine Tasse schäumiger Milch an die Lippen hielt . Die Finger des Kinderhändchens , welche die Tasse hielten , waren unheimlich abgezehrt und durchsichtig . „ Nun , wird ’ s bald , Heini ? “ fragte die rotbackige Person barsch , „ man bekommt ja blaue Flecke von dem ewigen Knieen . “ Das Kind hörte sofort auf zu trinken , schob die Hände der Wärterin mitsamt der Tasse zurück und drehte das Gesicht auf die andere Seite , ein armes , blasses , geduldiges Kindergesicht . Aenne sah , wie sich die Person erhob , und hörte , wie sie schalt . Dummer Junge , wenn du nicht so ein erbärmliches Häufchen Unglück wärst , kriegtest du ordentliche Fingerklapse , abscheulicher Bengel du ! “ Aenne fühlte , wie ihr das Blut zu Kopfe stieg . Sie war im nächsten Augenblick im Garten und stand wie hingezaubert vor dem erschreckten Mädchen . „ Wem gehört das Kind ? “ stieß sie hervor , entschlossen , es den Eltern mitzuteilen , wie der kranke Liebling behandelt werde in ihrer Abwesenheit . Sie nahm bestimmt an , daß das Kind irgend einer Berliner oder Magdeburger Familie gehöre , die der schönen Luft wegen mit dem kleinen Patienten Breitenfels aufgesucht haben . Die Person antwortete nicht , halb trotzig , halb verlegen schaute sie die schöne Dame an , die da so strafend vor ihr stand . „ Wie heißt du denn , mein Kleiner ? “ fragte Aenne , sich zu dem Kinde niederbeugend . „ Wohnst du denn hier ? “ Und sie strich über die goldigen Härchen . „ Heini Kerkow , “ sagte das Kind , und als Aennes Hand zuckte , fragte es . „ Hast du dir wehgethan ! “ „ Nein ! “ antwortete sie mit versagender Stimme und kniete neben dem Wagen . „ Nein , Heini ! “ „ Und warum weinst du denn ? “ forschte das Kind weiter . „ Ich weine ja nicht , mein lieber Junge , ich freue mich , dich zu sehen . Soll ich dir jetzt deine Milch geben ? “ „ Ja ! “ antwortete der Kleine . Sie befahl , den Becher frisch zu füllen , stützte das matte Köpfchen und ließ ihn trinken . Ganz langsam , in kleinen Schlückchen nippte das Kind und Aenne kämpfte mit ihrer Erschütterung . – Das war Heinz Kerkows Kind ! „ Danke ! “ sagte der kleine Bursche endlich ganz artig und blickte sie aus den unnatürlich großen Augen an , wie verwundert ob dieser Freundlichkeit . „ Heinichen muß jetzt nach Hause , “ erklärte die Wärterin , rot vor Aerger , und trat hinter den Wagen , „ sein Papa kommt uns alle Morgen bis zur steinernen Bank entgegen . Er ängstigt sich , wenn wir nicht pünktlich sind . “ „ Adieu , mein lieber Junge ! “ sagte Aenne weich , und noch vor dem Gefährt verließ sie den Garten . Ihr war auf einmal , als sei der Himmel nicht mehr so blau , die Sonne nicht mehr so golden angesichts dieses Leids . Ihre innige Heimatsfreude , ihre jubelnde Dankbarkeit war verschwunden , ihr rosiges Gesicht erblaßt . Ihre Augen sahen wie fragend in die grüne Wirrnis – warum läßt Gott es zu , daß in dieser herrlichen , frühlingsseligen Welt ein armes unschuldiges Geschöpf so leidet ? “ sprach es aus ihnen . Und dann stockte ihr Fuß . Sie war so hastig weiter geschritten , daß sie gar nicht gemerkt hatte , wie sie schon in um mittelbarer Nähe des „ Theepavillons “ stand . Das kleine , aus Brettern im japanischen Stil geformte Häuschen , das ganz am Ende des Parkes