, der uns helfen kann ? Army , ich sterbe ja , wenn Du fortgehst ! “ flehte sie und hielt ihm die gefalteten Hände entgegen . „ Das ist das Letzte , das Schwerste . “ „ Weine doch nicht , ängstige Dich nicht , Mama ! “ sagte er , ohne sie anzusehen , „ ich , ich bleibe ja – “ „ Nein , nein , ich weiß , was Du thun willst . “ rief sie , „ Du wirst fortgehen , heimlich , ohne Abschied ; ich werde eines Morgens aufwachen und keinen Sohn mehr haben ; Army , kannst Du das ? Kannst Du fortgehen , wo Du weißt , daß Du mich nimmermehr wiedersiehst ? “ Schneidend und herzzerreißend klang der Jammer aus diesen Worten . „ Es wäre ja nicht für immer , “ sagte er stockend , „ ich käme ja einst wieder ; wir schreiben uns ; es – “ Der junge Mann fuhr sich plötzlich mit heftiger Geberde durch das Haar . „ Mein Gott ! “ rief er , „ ich bitte Dich , Mama , mache mir durch Deine Klagen die Sache nicht noch schwerer , überlege doch : ich habe massenhafte Schulden – das ist ein Factum ; bezahlen kann ich sie nicht – das ist das andere Factum . Ich habe das Mögliche versucht , um einen Ausweg zu finden – es war umsonst . Zum neuen Jahre kommt die Angelegenheit zum Klappen ; es sind Wechselschulden dabei ; die Festung ist mir gewiß – ich kann nicht weiter dienen – was bleibt mir da Anderes – ? Denkst Du , mir ist wohl dabei zu Muthe ? “ Er schritt hastig aus dem Zimmer und warf die Thür dröhnend hinter sich zu . Einen Augenblick hielt er zögernd den Fuß an ; es war ihm , als habe er einen Schrei seiner Mutter gehört , dann zog er weitergehend einen Brief aus seiner Uniform und erbrach ihn . „ Es ist richtig ; der Tanz geht los , “ flüsterte er , die Zeilen überfliegend ; er trat düster in sein Zimmer und warf sich in den Sessel , der vor dem alten Kamine stand . Heute früh hatte ihm noch einmal ein Hoffnungstrahl geleuchtet – Lieschen ; die Worte , die gestern Abend so leise flüsternd sein Ohr trafen unter der alten verschneiten Linde , sie hatten wie eine Friedensbotschaft nach den letzten stürmischen Wochen geklungen ; es waren so kinderreine einfache Worte gewesen , die aus einem seligen , jubelvollen Mädchenherzen kamen ; wie Veilchenhauch hatte ihn das süße verschämte Wesen der alten Spielgefährtin angemuthet ; das war echte , wahrhaftige Liebe , die ihm da entgegeblühte ! Echte Liebe ? Nein – die gab es wohl kaum noch . Sie fügte sich heute so willig dem Vater , als er ihr sagte : Du wirst unglücklich – laß von ihm ! Aber er konnte ihr kaum einen Vorwurf machen ; der Vater wird ihr gesagt haben : er liebt Dich nicht ; er liebt nur Dein Geld . Das war schon genug , und dann ? Was mochte das Andere sein mit der Großmama ? Baron Fritz und Lisett ! Herr Erving hatte sie genannt heute früh , als er von den hauptsächlichsten Gründen seiner Weigerung sprach ; Gott weiß , was Alles da passirt sein mochte ; er war so vorsichtig in seine Aeußerungen gewesen , aber bah – es ändert ja doch nichts mehr . Wie bald wird es in seiner Garnison heißen : „ der Lieutenant von Derenberg ist alle geworden , um die Ecke gegangen – natürlich Schulden , tolle Schulden ; es liegt so in der Familie ; der Vater hat sich ebenfalls erschossen ; das passirt ja alle Tage – kaum noch der Mühe werth , darüber zu sprechen . “ Lange saß er so und brütete . Seine Mutter ! Er hätte ihr eine Stütze sein sollen ; ja sie würde sterben , wenn er ginge – und Nelly , das arme kleine Ding – wenn sie dann gar allein bliebe ? – Er sprang hastig empor und riß die Uniform auf ; in der Mitte des Zimmers blieb er stehen und starrte nach der Wand ; dort hatte das Bild der schöne Agnese Mechthilde gehangen , das er sich vom Ahnensaal geholt , weil es ihr so ähnlich sah ; er hatte es herabgenommen damals , als sie ihm ihr Wort brach ; es lehnte noch immer verkehrt dort an der Wand . Er schritt hinüber , hob es empor und hing es an seinen Platz ; das wundervolle Gesicht mit den tief traurigen Augen schaute ihn wieder so vertraut , so unwiderstehlich bezaubernd an – er stellte sich mit verschränkten Armen davor und betrachtete es lange . Sie waren schuld , diese röthlich goldenen üppigen Haare , daß er geworden , was er jetzt war , durch eine thörichte , unselige Leidenschaft . Einen Augenblick überkam es ihn wie heiße Sehnsucht ; würde sie wohl einen Blick des Bedauerns haben , wenn sie erführe , wie weit es mit ihm gekommen ? Er lachte fast laut . Nein , die kalten funkelnden Augen , sie konnten [ 839 ] nicht mild blicken , wie diesen das Bild war nicht ähnlich , gar nicht , nur die Haare . Ein bitterer hohnvoller Zug legte sich um seinen Mund ! „ Sind sie aber ohne Tück , “ murmelte er , „ ohne Tück ? – Keine Einzige , keine ! “ Er hörte nicht , wie sich leise und zögernd die Thür seines Zimmers öffnete , wie ein blasses Mädchengesicht mit unsicheren Blicken hereinsah , wie eine schlanke Gestalt sich ihm leise und zögernd näherte . In der Mitte des Zimmers blieb sie stehen ; ihre Augen hafteten starr auf dem goldhaarigen Frauenkopfe dort im Bilde , den der junge Mann noch immer unverwandt ansah ; unwillkürlich machte sie eine Bewegung , als