geboten hätte , ließen statt dessen Unheil riesengroß anwachsen , daß es über Tausende hereinbrach und sie selbst beinahe mit verschlang . Gier hatte sie mit Blindheit geschlagen , so daß sie den Haß nicht heranwachsen sahen , den ihre Uebergriffe , ihr rastloses Wollen geweckt hatten . Ja , die Gier , die selbstzeugend Mißgunst , Zorn , Raub und Mord gebiert , die stets von neuem zu Feindschaft zwischen den einzelnen , zu Krieg zwischen Staaten führen muß , - die lag zu Grunde ihres Wesens . Gier , die Weltverderberin , Gier , der Menschheit Verhängnis . Heute erkannte Tschun all das ganz deutlich . Und dabei vergegenwärtigte er sich plötzlich , daß er es eigentlich schon lange geahnt , ja sogar mit Sicherheit gewußt habe - , daß er es nur immer wieder zurückgedrängt hatte , weil er es vor sich selbst nicht zugeben mochte , sondern noch immer wahr haben wollte , daß , nicht ihm allein , nein vor allem dem ganzen Lande , eine neue , schönere Zeit doch noch durch diese besseren Menschen beschieden sein solle . Die Jahre , die er im Fremdenviertel verlebt , zogen noch einmal im Fluge an ihm vorüber , die Jahre , die mit soviel seltsam schönen Erwartungen begonnen , und die nun heute so endeten - in Ekel und Empörung . Denn es war zu Ende . Unwiederbringlich . All sein Glaube an die Fremden war dahin . Nie mehr könnte er von ihnen Gutes erwarten . Nicht für sich . Nicht für sein Land . Sie erschienen ihm jetzt hassenswert . Und er haßte sie mit all seinen Kräften . Ja , er schöpfte neue Kräfte aus diesem großen Hasse . Und nie würde er von ihnen hinnehmen , was er schon als Kind von seinen eigenen Landsleuten nicht ertragen hatte . Nein , keinen Augenblick mehr konnte er bei diesen Menschen bleiben . Er mußte fort . Er wollte fort . Und als der Tag zu grauen begann , schlich Tschun aus seiner Kammer . Vorbei an den Quartieren der noch schlafenden fremden Soldaten . Rückwärts bei den Pferdeställen wollte er hinaus . Da würden nun bald die Kulis , die den Mist fortzuschaffen hatten , von draußen kommen und ihre Arbeit beginnen . So würde er unbemerkt entkommen können , und wenn ihn einer der Kulis etwa doch gewahren sollte , würde der ihn nicht hindern , noch angeben . Das waren ja Landsleute , Chinesen ! - Hinter einen Vorsprung der Stallgebäude gedrückt , wartete er eine Weile . Dann knarrten Türen . Schritte erschallten . Leben begann sich in dem weitläufigen Yamen zu regen . Ein verschlafener Soldat nahte und schloß das Tor für die schon draußen wartenden Kulis auf . Tschun erspähte einen günstigen Augenblick , wo niemand mehr an der Tür stand . Mit einem Satz war er draußen . Und nun lief er , trotz schmerzender Glieder , so schnell er konnte , davon , in tödlicher Angst , verfolgt und etwa gar gewaltsam zurückgeführt zu werden . Erst als eine weite Strecke zwischen ihm und dem Yamen lag , getraute er sich , seine Schritte allmählich zu verlangsamen . Und dann hielt er in seinem Lauf ganz inne . Er befand sich jetzt auf der gewölbten Brücke , die den Kanal im Gesandtschaftsviertel überspannt . Dieselbe Stelle war es , wo er , vor Jahren , als er von Yang hung zu der Taitai geflohen war , auch gerastet hatte . Aber der Anblick , der sich ihm heute bot , war sehr anders als damals . Lockend , voller Versprechungen , war ihm alles erschienen , an jenem fernen , flimmernden Frühlingsmorgen , wo spielendes Licht alle Dunkelheit löste . - Heute sah er von hier oben auf Reihen und Reihen verwüsteter Häuser . Zerlöchert , der Dächer beraubt , standen sie da , und er blickte in ihre rußigen Tiefen , sah ihr verkohltes Gebälk , ihre trostlos ragenden Mauern . Die einzige Aehnlichkeit mit dem damaligen Bilde waren die vielen fremden Fahnen , die auch heute an hohen Masten über den verstümmelten Gebäuden im kühlen Frühwind wehten . Und sie hatten sich noch sehr vermehrt , flatterten heute nicht nur über den Gesandtschaften , sondern waren auf den verschiedensten chinesischen Bauwerken aufgepflanzt , wo immer fremde Truppen einquartiert lagen . In allen Stadtteilen , ja selbst auf den höchsten Punkten der verbotenen Stadt , zwischen den herbstlich werdenden Bäumen , sah man sie wehen . - Als ob ganz Peking den Fremden gehöre . Bei diesem Gedanken vergaß Tschun die Schmach , die ihm selbst geschehen . Sie war ja nur ein kleiner Teil der großen Schmach , die auf dem ganzen Lande lastete , und die durch jede dieser sich blähenden fremden Fahnen versinnbildlicht wurde . Tschun selbst war es gelungen , sich von seinem fremden Herrn freizumachen . Er war ihm entronnen . - Aber das Land ? Wie würde das fahren ? - Konnte sich das je wieder befreien ? War es nicht unentrinnbar in ein Netz geraten , dessen Maschen sich fester und fester knüpften ? - Und selbst wenn die jetzigen Besatzungen abzögen , würde der Stempel fremder Herrschaft nicht doch unvertilgbar zurückbleiben ? - Diese unergründlich schlauen Fremden verstanden es ja so gut , ein Land in Abhängigkeit zu bringen ! Ganz friedlich begann der Verlauf , mit viel schönen Reden über Fortschritt und höhere Zivilisation . Wo bisher Genügen geherrscht , weckten sie zuerst künstlich neue Bedürfnisse , liehen dann Geld , sie zu befriedigen , regierten schließlich , durch Ratgeber und Syndikate , kraft dessen , was ihnen geschuldet wurde . Und wo es not tat , wußten sie Zwischenfälle hervorzurufen , immer gerade in dem Augenblick , da sie irgendwelche besondere Vorrechte erstrebten . Die mußten ihnen dann als Sühne zugestanden werden . - Versuchte dann aber lange angesammelter Groll das Netz gewaltsam zu zerreißen , so beschleunigte dies nur das unvermeidliche Geschehen .