! dachte er heute unwillkürlich . Fünf oder sechs Male vielleicht und dann zurück nach Wien . Und er fragte sich , was denn wohl geschähe , wenn sie nicht zurückkehrten , wenn sie sich irgendwo in Italien , oder in der Schweiz häuslich niederließen und mit dem Kind , im doppelten Frieden der Natur und der Ferne sich ein neues Leben aufbauten . Was geschähe ? ... Nichts . Kaum daß irgend jemand sich sonderlich wundern würde . Und vermissen , mit Schmerz vermissen , als unersetzlich , würde niemand weder ihn noch sie . In dieser Überlegung ward ihm eher leicht als traurig zumute ; nur verdroß es ihn , daß ihn manchmal doch eine Art Heimweh , ja sogar von Sehnsucht nach einzelnen Menschen überkam . Und auch jetzt , während er die Seeluft eintrank , sich von einem fremd-vertrauten Himmel überblauen ließ , das Vergnügen des Entrückt- und Alleinseins genoß , klopfte ihm das Herz , wenn er an die Wälder und Hügel um Wien , an die Ringstraße , den Klub , an sein großes Zimmer mit der Aussicht auf den Stadtpark dachte . Und es wäre ihm ein banges Gefühl gewesen , wenn sein Kind nicht in Wien zur Welt hätte kommen sollen . Plötzlich fiel ihm ein , daß ja heute wieder eine Nachricht von Frau Golowski da sein müsse , so wie manche andre Nachricht aus Wien , und so beschloß er noch vor der Rückkehr ins Hotel den Umweg über die Post zu nehmen . Denn , wie während der ganzen Reise , ließ er sich auch hier die Briefe nicht ins Hotel senden , weil er sich auf diese Weise freier gegenüber allen Zufälligkeiten fühlte , die von außen kommen mochten . Man schrieb ihm nicht eben viel aus Wien . Am meisten , bei aller Kürze , stand noch in den Briefen Heinrichs , was , wie Georg wohl fühlte , weniger einem besonderen Mitteilungsbedürfnis des Dichters zu danken war , als dem Umstand , daß es zu dessen Beruf gehörte , den Sätzen , die er schrieb , Lebenshauch einzuflößen . Die Briefe Felicians waren so kühl , als hätte er ganz jenes letzten innigeren Gespräch in Georgs Zimmer und des Bruderkusses vergessen , mit dem sie geschieden waren ... Er mochte wohl vermuten , dachte Georg , daß seine Briefe auch von Anna gelesen wurden , und sich nicht veranlaßt fühlen , diese fremde Dame in seine Privatverhältnisse und Privatgefühle Einblick nehmen zu lassen . Nürnberger hatte Georgs Kartengrüße ein paarmal kurz erwidert , und auf einen Brief aus Rom , in dem Georg herzlich der gemeinsamen Spaziergänge im Vorfrühling gedacht , hatte Nürnberger mit ironisch entschuldigenden Worten sein Bedauern ausgesprochen , daß er auf jenen Wanderungen Georg so viel von seinen eigenen Familienverhältnissen erzählt hatte , die den andern doch absolut nicht interessieren konnten . Vom alten Eißler war ein Brief nach Neapel gelangt , der berichtete , daß eine Vakanz an der Detmolder Hofbühne im nächsten Jahre wohl nicht vorauszusehen , daß Georg aber durch den Grafen Malnitz eingeladen wäre , als erwünschter Gast den Proben und Vorstellungen anzuwohnen , bei welcher Gelegenheit sich vielleicht ein näheres Verhältnis für die Zukunft anbahnen ließe . Georg hatte höflich gedankt , war aber vorläufig wenig geneigt , auf eine so vage Aussicht hin in der fremden Stadt längern Aufenthalt zu nehmen , und entschlossen gleich nach seinem Eintreffen in Wien sich nach einer sichern Stellung umzusehen . Sonst klang persönlich zu ihm aus der Heimat nichts herüber . Die ihm zugedachten Grüße , die Frau Rosner sich verpflichtet fühlte , den Briefen an die Tochter beizufügen , drangen nicht an sein Herz , trotzdem sie in der letzten Zeit nicht mehr an den » Herrn Baron « , sondern an » Georg « gerichtet waren . Er fühlte ja doch , daß die Eltern Annas einfach hinnahmen , was sie nicht ändern konnten , daß sie aber im Innersten gedrückt und ohne die wünschenswerte Einsicht geblieben waren . Wie gewöhnlich nahm Georg den Rückweg nicht das Ufer entlang . Durch enge Gassen , zwischen Gartenmauern , dann unter Bogengängen , endlich über einen großen Platz , von wo der Blick auf den See wieder frei war , gelangte er vor das Postgebäude , dessen hellgelber Anstrich die Sonne blendend widerstrahlte . Eine junge Dame , die Georg schon von weitem auf dem Trottoir auf- und abgehen gesehen hatte , blieb stehen , als er näher kam . Sie war weiß gekleidet und trug einen weißen Sonnenschirm aufgespannt über einem breiten Strohhut mit rotem Band . Wie Georg schon ganz nahe war , lächelte sie , und nun sah er mit einem Mal ein wohlbekanntes Gesicht unter dem weißen , getupften Tüllschleier . » Ist es möglich , Fräulein Therese « , rief er aus und nahm die Hand , die sie ihm entgegenstreckte . » Grüß Sie Gott Baron « , erwiderte sie harmlos , als wäre diese Begegnung das selbstverständlichste von der Welt . » Wie geht ' s der Anna ? « » Danke , sehr gut . Sie werden sie doch jedenfalls besuchen ? « » Wenn ' s erlaubt ist . « » Jetzt aber sagen Sie mir nur , wie kommen Sie hierher ! Sind Sie am Ende ... « und er ließ seinen Blick erstaunt über ihre ganze Erscheinung gleiten , » auf einer Agitationsreise ? « » Das kann man eigentlich nicht sagen « , erwiderte sie und schob ihr Kinn vor , ohne daß diese Bewegung diesmal , wie sonst , ihr Antlitz verhäßlicht hätte . » Es ist eher ein Ferienausflug . « Und ihr Gesicht glänzte vor innerm Lachen , als sie Georgs Blick auf das Tor gerichtet sah , aus dem eben , in weißschwarz gestreiftem Flanellanzug , Demeter Stanzides hervortrat . Er lüftete den weichen , grauen Hut zum Gruß und reichte Georg die Hand . » Guten Morgen Baron , es freut mich Sie