Sprache der Formen , und so machte der Anblick des Grafen keinen wohltuenden Eindruck . Das graue Haar lockte sich nur spärlich noch um die Schläfe , das Haupt war schon kahl ; auf der hohen Stirne liefen allerlei Leidenschaften wild durcheinander , und die Augen lauerten dreist , oder kamen frech angesprungen . Um den Mund , welchen ein schwarzer Knebelbart zur Hälfte verbarg , flogen jene schnell wechselnden , ungewöhnlichen Falten und Eindrücke , die wie ein unbekanntes Alphabet aussahen , dessen Buchstaben man nicht zusammenreimen kann . Das war der Mann , welcher vor Valerius saß , heftig schilderte , verbindlich dazwischen sprach , einen der Hunde über den Kopf schlug , die Peitsche nach dem alten Diener warf , der den Tisch zu decken kam , und mit dem Fuße an einen der Hunde stieß , schnell wieder verbindlich gegen den Fremden lächelte , und mit vielerlei Redensarten das Gespräch fortzuspinnen wußte . Aber in dem einen Punkte war er wie die Besten : alles ward hingegeben für Polen , alles aufs Spiel gesetzt - der Graf brauchte nur seltener das Wort » Vaterland « , er sprach vom Königreich Polen . Selbst diese Eigenschaft hatte für Valerius etwas Unheimliches . Dies Gefühl ward noch gesteigert durch die Mutter des Grafen , welche bald darauf eintrat . Es war eine Matrone von achtzig Jahren , aber sie trug ihre hohe Figur noch kerzengerade , und ihr starres , mageres Gesicht war noch voll angefangener Erzählungen von früherer außerordentlicher Schönheit . Sie machte den Eindruck eines Gespenstes auf Valerius , denn sie war schwarz gekleidet vom Scheitel bis zur Zehe , und ihre Manieren waren steif und förmlich , wie man sie an alten spanischen und französischen Hofdamen beschreibt . Eine kurze Rede , welche sie an ihn richtete , und worin sie im Namen der Nation dankte , daß er aus fremdem Lande zum polnischen Kriege gekommen sei , machte einen peinlichen Eindruck auf den Deutschen . Die Worte kamen wie aus dem Grabe und waren kühl wie die Luft der Grüfte . Und doch war diese Frau eigentlich das Ehrwürdigste , was man sehen konnte . Als achtzehnjähriges Mädchen hatte sie die erste Teilung erlebt und jene erste Wut des Adels gesehen , die noch nicht wußte , wie sie sich gestalten sollte über die grinsende Neuheit der Dinge . Sie war am Hofe des gelehrten Stanislaus , des letzten Königs gewesen , sie hatte Kosciusko durch ihre Schönheit und ihre Rede begeistert , ihr Gatte war mit ihm bei Maciejovice gefallen , fünf ihrer Söhne waren in den Napoleonischen Kriegen untergegangen , im Jahre zwölf hatte sie zu Napoleon gesprochen vom Königreiche Polen , vor wenig Tagen war ihr letzter Enkel bei Grochow in der Schlacht gewesen , und sie wußt ' es noch nicht , ob er noch lebte , und fragte auch nicht danach . Seit Kosciuskos Falle hatte niemand sie mehr lächeln sehen , und sie trug nun sechsunddreißig Jahre die schwarzen Kleider . » Wenn man von Wilna bis an die Karpathen kein russisch Wort mehr hören wird , « pflegte sie zu sagen , » dann sollt ihr mich mit einem weißen Kleide in den Sarg legen , und ich will im Tode wieder lächeln . Ich will auch nicht eher sterben , als bis dies geschieht , oder bis man noch einmal schreibt : Es gibt kein Polen mehr . Und ließe Gott , unser Gott , das letztere geschehen , dann sollt ihr meinen Leichnam auf das freie Feld werfen für die Vögel des Himmels , damit die Kunde von unserem Unglück durch alle Lüfte getragen werde , und Gott sie hören muß . « Es ist ein tiefes Geheimnis um die Heimat , und es ist ein wahres Wort : Was uns wohl tun soll , muß uns heimatlich werden . Valerius staunte die lange Grabesfrau an , er sah in das untraulich lächelnde Gesicht des Grafen , aber es war ihm kalt im Herzen . Er fühlte es mit tiefem Weh , daß ihn nur ein Begriff mit diesen Leuten vereine , kein Tropfen warmen Blutes ; daß die Nationalitäten , die ihm stets unwichtig erschienen waren , von gewaltiger Bedeutung und Trennung seien . Nur die Tochter des Hauses , die schöne Hedwig , erinnerte ihn an das frische polnische Element , an die ewige , tragische Jugend dieses Volkes , die nimmer klagt und wimmert , und unter Tränen lacht . Sie und der liebenswürdige Joel hielten seinen Mut aufrecht in dieser unnahbaren Fremde . Die Liebenswürdigkeit ist überall daheim . 7. Die beiden Jugendgestalten waren es allein , die seinen Geist ein wenig aufheiterten . War es Folge der Krankheit , oder rührte es von andern Einflüssen her : Valerius befand sich fortwährend in einer Stimmung , die ihm das Leben ohne alle Farben , ohne alle Reize darstellte . Er war durchgehends unzufrieden mit sich selbst , unzufrieden , daß er sich früher jedem Anregen zur Begeisterung hingegeben hatte , unzufrieden , daß ihm jetzt alles grau , unerquicklich , uninteressant erschien . Es war ein rauher Abend , als ihm diese Gedanken quälender als je auf Herz und Lippe traten . Er saß in dem großen Saale , wo die Familie zu Abend gegessen hatte . Die alte Gräfin und der Graf waren nach ihren Zimmern gebracht , Cölestin , der betagte Diener , räumte den Tisch ab und brachte die leeren Flaschen beiseit . Das war ein Geschäft , das der regierende Herr Graf alle Tage einigemal nötig machte . Der weite wüste Saal lag in unheimlicher Dämmerung , ein Licht , das für Valerius bestimmt war , brannte flackernd an einem Fenster , und der Luftzug , der durch die schlecht verwahrten Rahmen drang , drohte es zu verlöschen . Der alte Domestik ging leisen Schrittes schweigend ab und zu ; in dem fernsten Winkel des Saales stand Valerius und blickte in die unfreundliche Nacht hinaus . Hie