. Aber Männer , die die Leidenschaft zu früh blind gemacht , stehen unter einem unentrinnbaren Zwange . » O Gott ! nein ! daß Einhart nicht kommt ! « stieß nun auch Johanna heraus , gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend , und weil auch schon die Dämmerung in den Raum spann . Dann griff sie endlich eine leichte Hülle , einen bunten , leichten Seidenschal , um doch noch jetzt hinauszufliehen . Da waren Poncets Süchte plötzlich hart aufgebrannt , daß er sie atem-und lautlos von der Tür zurück und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und heiß brünstig geküßt hatte . Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange küssen lassen , mit hastigem , aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile drollig zärtlich gelacht , ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt . » Wie ? Was ? Pfui ! Pfui ! o ! Nein nein ! nein aber , wie Sie nur können ! « hatte sie noch herausgestoßen , als Einhart auf der Treppe draußen hörbar wurde . In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zärtlich zu Poncet hin gebeten , reckte sich aufrecht , sich gleich einfindend in eine gleichgültige Hantierung . Und als Einhart mit einem Strauß Maiglöckchen eintrat , ganz beglückt nur von der Absicht sprechend , bald in eine ländliche Einsamkeit , ins Gebirge oder ans Meer zu gehen , saß Poncet wieder als Schatten gegen das Dämmerlicht . Einhart war ganz achtlos und arglos . Er streichelte Johanna und begrüßte Poncet mit kräftigem Handdruck . Er achtete gar nicht , daß er fast ins Dunkel kam , worin die beiden gesessen . 10 Als der Frühling den vereinzelten Obstbaum im Hofe des Stadthauses , wo Einhart oben unter Dach sein Atelier besaß , blühen machte , drängte Johanna selber , aus der Stadt zu gehen . Es war wenige Wochen nach der Annäherung , die Doktor Poncet versucht hatte . Johanna war eine Drollige . Der Gedanke daran machte sie jetzt heimlich lachen mit ihrem lieblichsten Lachen . Und so oft Doktor Poncet auch gekommen war , er hatte in dem sanften , fröhlichen Leben von Johanna nur eine Hingabe an Einhart , aus den funkelnden Augen und erheiterten Worten ganz nur ein Mit-ihm-sein und -leben wollen spüren müssen . Gar nichts hatte ihn an eigene Vertraulichkeiten auch nur von ferne erinnert . Wenn ihn nicht gar eine herbe und strenge Miene , sobald Johannas große , feuchte Dunkelaugen ihm begegnen mußten , heimlich geradezu wie ein Vorwurf manchmal getroffen hätte . Johanna war nur innig zufrieden , daß Einhart arglos und voll frohen Arbeitssinnes ungestört vorwärts lebte . Um so mehr wünschte sie also jetzt ins Freie hinaus , ins Landleben . » Meinetwegen ins Gebirge , noch besser an die See ! « So waren Einhart und Johanna bald mit Packen und Malwerkzeugen nach dem Norden zu abgereist und hatten auch einsam und gut , nach dem Rate Poncets , eine friedsame Sommerherrlichkeit ausgefunden . Das Häuschen , worin sie Wohnung nahmen , lag mit seinem breiten Strohdach nahe einem alten Eichenwalde , ein kleines , gemächliches Fischerhaus mit vier ungewöhnlich großen und hohen Fenstern nach vorn . Um die Haustür und um das hölzerne , hohe Gartentor hingen Rosenranken , die eben ergrünten . Ringsherum dehnten sich Wiesen , von Sauerampfer blühend und glühend , deren schlanke , zitternde Pracht sich reichlich zwischen roten Nelken , Glockenblumen und Kamillen in die flüsternden Lüfte aufhob . In der Ferne strich der Wind das junge , grüne Korn der weiten Felder , wenn Johanna am Morgen die Fenster frei auftat . Dorther blinkten hinter Hecken und maigrünem Buschlaub die Silberflecken der spiegelnden Scheiben eines vornehmen Landsitzes mit Gutsgebäuden zu beiden Seiten . Dorther kam täglich nun den ganzen Sommer lang auch Johannas Freude . Johanna war jetzt losgebunden wie ein Vogel , ohne Pflicht , so recht hineingestellt in die lichte , freie , blühende und reisende Welt . Wenn die Herde Mutterschafe und die Lämmchen sich aus dem Tor der entfernten Gehöfte ergoß und in einer Wolke Staub naher und naher herankam , stand sie , alles vergessend , und harrte mit einem wahren Jubellachen , das Einhart viele Male heimlich entzückte . Johanna hielt dann schon ewig Büschel Blumen in ihren Händen , der Herde entgegen laufend , um sie den Lämmchen zum schrobenden Fraße anzubieten . Der alte Hirte , der einen verschmutzten Pelzflausch trug , war gegen Johanna äußerst scharmant . Er hätte ihr den ganzen Tag Geschichten vom guten Lämmchen erzählen wollen . Er wußte Schmeicheleien von ihrer Lieblichkeit und von ihren großen Augen , die wie schwarze Stiefmutterblumen im Schloßgarten wären , wohl anzubringen . Und Johanna stand ganze Morgen lang auf der weiten Blumenwiese unter den blökenden , grauen Mutterschafen und den wolligen Lämmern im Licht , hob sich die kleinen Schreihälse zärtlich auf den Schoß , oder vergnügte sich , ein zutunliches Lieblingslämmchen im Arme zu halten und an ihrer Brust zu wärmen . Wie eine frohe Heilige im Garten Gottes , verloren für sich in die Lüfte lachend . Der weiße , zottige Spitz räsonnierte von Zeit zu Zeit und schoß um die lässigen Wolltiere . Unterdessen Schäfer und Lüfte und Düfte , die Wolken im blauen Himmel und die Augen der Lämmer und der Schafe , und auch Johannas Blicke arglos und wohlig und eintönig verwehend über die Weide tändelten . Das waren Johannas Feierstunden jetzt am Morgen . Aber Einhart war in dieser Zeit leidenschaftliche Arbeit an Ecken und Enden . Einhart war dann gewöhnlich gleich nach dem Frühstück einsam gegen den Strand hin gegangen . Er besah sich jetzt die Erde neu von allen Seiten . Schon durch den Streifen Eichwald , der die Blumenwiesen vom Meere trennte , wanderte er mit wahrer Spannung . Er genoß entzückt den lautlosen Eintritt in die hohen , einsamen Wipfelwölbungen , um deren Tragesäulen Schmetterlinge taumelten , und Hummeln eilig vorüberbrummten . Er sah