in der Verlobungszeit geschrieben ; der Staatsanwalt suchte die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben , die Freunde redeten ihr zu , daß sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten möge ; da gab sie die Briefe zurück , das feurige Rot der Scham im Gesicht , warf die Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke , wo die Freundin sie mit unterdrückter Stimme zu trösten suchte . Unterdessen fuhren die andern mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise , indem sie selbst die Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten , den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemühten . Mit einem Eifer und einer Ernsthaftigkeit verfuhren sie , als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden , durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde , und das glaubten sie auch wohl wirklich . Weiland hatte der Gesellschaft den Rücken gekehrt und sah schweigend durch die Fensterscheiben , weil er vermutete , daß er einen Ausweisungsbefehl bekommen werde , wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen mußte , und er wußte nicht , was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden sollte , bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte ; denn durch die Natur seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen , wo es Fabriken gab , in denen er arbeiten konnte ; die standen aber meistens unter dem Belagerungszustand . Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle für sich ausfindig machte , wo er vor neuer Ausweisung sicher war , so dauerte es doch erst eine Weile , bis er wieder zu seinem gegenwärtigen Lohn kam , denn als ein tüchtiger und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt ; und dann machte der Umzug noch große Kosten , die er gar nicht aufzubringen vermochte , weil sie beide ihre Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten . In Gedanken sagte er halblaut zu sich : » Das ist doch unrecht , das ist doch unrecht . « Hans , der neben ihm stand , drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl die Hand . Auf dem Tisch unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des » Kapital « von Marx , als ein Geschenk von Hans . Der Sekretär schlug das Buch auf , wies dem Staatsanwalt eine Seite mit vielen Formeln , die sehr gelehrt und schwer verständlich schien , und zuckte dabei als ein hochmütiger Subalterner die Schulter , indem er dabei doch die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug . Hierauf wurde sehr genau das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen und nach Schriftlichem durchblättert , und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere Bücher und Hefte fanden , die verboten waren , so wurden die dem einen Schutzmann zum Mitnehmen übergeben . So gedrückt und unfrei allen zu Mute war , so mußte sich doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verängstigten Gesicht , das dieser machte , wie er die gefährlichen Drucksachen in seine braven , dicken Hände nahm . Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden , erwachte die Kleine und begann jämmerlich zu schreien ; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab , ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus ; aber die vielen Menschen und die ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben , daß es sich gar nicht beruhigen wollte . Der Schutzmann , dem die Bücher anvertraut waren , holte eine Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen , indem er die vor ihr bewegte , und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt , versuchte nach ihr zu greifen , fing endlich an zu lachen , und am Ende packte sie den Mann mit beiden Händen in seinen dichten , blonden Vollbart , und erst wie er mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann , zog sie erstaunt die Händchen wieder zu sich . Dadurch aber war die Mutter so aufgeräumt geworden , daß sie gleichfalls lachte , zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach . Plötzlich zwar hielt sie erschreckt inne , denn es kam ihr alles wieder zum Bewußtsein ; aber es war doch , als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen . Wie als eine Entschuldigung sagte der Mann : » Wir müssen doch unsre Pflicht tun . « Drittes Buch Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung vor den Universitätsrichter , denn die Polizei hatte der Universitätsbehörde Mitteilung davon gemacht , daß sie die beiden in Weilands Wohnung angetroffen , auch weitere Angaben über ihren sonstigen Umgang zugefügt , den sie bereits seit einiger Zeit mit Sorgfältigkeit beobachtet hatte . Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und bekümmerten Mienen , legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte , ob sie die Nachrichten für richtig anerkannten ; da waren allerhand wunderliche Dinge berichtet , daß die beiden einmal in einer Wirtschaft an einem Tische mit bekannten Sozialdemokraten gesessen , und daß sie ein andermal auf der Straße beim Abschiednehmen gerufen : » Auf Wiedersehen am Wahltage ! « Die beiden waren durch die Feierlichkeit der Umstände befangen und gestanden mit stockender Stimme zu , daß die Nachrichten alle richtig seien ; da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen zu reden , daß sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen zusammentun wollten , welche die Fürsten ermorden und alles umstürzen möchten , was uns heilig sei . Über diese Rede kam Hans in einen heftigen Ärger , daß er die jugendliche Schüchternheit gegen den weißhaarigen und würdigen Mann überwand und entgegnete , solche Meinungen über ihre Absichten seien unrichtig und wollte eine lange Auseinandersetzung beginnen . Diese schnitt der Richter aber kurz ab , indem er mit verächtlicher Gebärde fragte , ob er sich denn zu der Partei zähle ; und wie Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklärung fortfahren wollte , unterbrach