Knappen und Wassergräben verzichten - doch welcher von ihren Nachkommen lebt jetzt nicht sicherer und besser in den unverteidigten Landhäusern ? Welcher kann nicht bequemer die gebrauchten Waren sich verschaffen , wenn er sie in den Stadtläden einkauft , als wenn er sie durch Überfall fahrender Kaufleute sich erbeuten müßte ? Es kann kein Übel oder Leiden geben - wenn solches Übel und Leiden der einen den anderen auch Vorteil und Gewinn bringt - , dessen Fortschaffung nicht den anderen noch größeren Gewinn zuführte , als sein Bestehen ihnen gewährte . Darum : nur niemals erlahmen in der Bekämpfung einer als Übel erkannten Einrichtung ! Niemals zurückweichen aus Rücksicht für ihre Träger und Diener ; nicht die Sklaverei bestehen lassen wegen des Profits der Sklavenhändler , oder die Folter beibehalten wegen des Erwerbs der Folterknechte . Rücksichtslosigkeit ? Die gehört zu jeder Rettungsarbeit . Ertrinkende darf man bei den Haaren aus dem Wasser ziehen , aus brennenden Häusern mag man die Leute unsanft in die Rettungsschläuche stoßen , und aus sozialen Übelständen soll man die verblendet Zufriedenen durch rauhe Wahrworte zu befreien trachten . Befreien , erlösen : das sind nicht Aufgaben , die man erfüllt , indem man aus Füllhörnern Blumen schüttet , sondern « - der Sprecher trat noch einen Schritt vor und sprach mit lauterer Stimme - » sondern , indem man mit wuchtigen Hieben Ketten sprengt , mit kühn geschwungenem Speer Drachen fällt , oder mit zornig geschwungener Peitsche einen Tempel reinfegt ! « Lautes Händeklatschen . Da erschrak Rudolf und er fühlte sich erröten . Dieser Beifall erschien als Quittung für einen plumpen Theatereffekt . Von Hieben , Drachen und Peitschen hatte er gesprochen , dabei hatte seine Stimme gedröhnt , und das Publikum dankte ihm dafür , wie einem debütierenden Tenoristen für ein gut geschmettertes hohes C. Es hätte nur noch gefehlt , daß er sich höflichst verbeugte . Das tat er nicht . Er blieb mit verfinsterter Miene eine Weile regungslos ; dann hub er wieder an , indem er wie ruheheischend die Hand vorstreckte : » Es scheint mir , daß ich mißverstanden wurde . Axt und Speer und Peitsche , die mir einen Applaus eingetragen , als hätte ich diese Kraftwerkzeuge virtuosenhaft durch die Luft sausen lassen , die waren nur bildlich gemeint . Ich stehe hier , um gegen die rohe Gewalt zu sprechen ; aber für das Wort selber , diese Waffe des Gefühls und der Idee , wollte ich das Recht vindizieren , scharf und wuchtig zu sein - und kräftig und unerschrocken gebraucht zu werden , wie einst Axt und Speer und Peitsche gebraucht worden sind . Die Dinge , die ich bewältigt sehen wollte , waren da auch nur in bildlichem Sinne gedacht . Die Ketten sind nicht aus Eisen , die Drachen haben keine Schuppen und nicht auf steinernen Säulen ruhen die Tempel , die ich meine . Ich muß deutlicher werden - « Und nun ging er daran , in ruhigem Tone zu erläutern , was in seinen Augen die Ketten und Fesseln seien , mit welchen wir alle gebunden sind , und wie sie abzuschütteln wären ; was er sich unter dem hehren Tempel denkt , den die Händler entweihen , und wie man diese zu verjagen hätte ; und schließlich wie der Drache heißt , der in der Mitwelt so verheerend haust , und woraus die Sankt-Georgs-Tat bestehen soll , durch die das Ungetüm zu erlegen sei . » Jeder Mann wird als Sklave geboren . Er muß dienen , ob er will oder nicht , er muß ein vorgeschriebenes Lernpensum durchmachen , soll er nicht drei sondern nur ein Jahr dem Militärzwang unterliegen - und während er dieses Mußjahr dient , heißt er euphemistisch Freiwilliger . Von Freiwilligkeit und Selbstbestimmung sieht man im ganzen Gesellschaftsgetriebe nur wenig . Die Leibeigenschaft ist zwar aufgehoben - aber ist man nicht an die Scholle geklebt , wenn man nicht nach beliebigem Ziel und auf beliebige Zeit verreisen kann , ohne Deserteur zu heißen , und ist man etwa bewegungsfrei , wenn man die Galeerenkugel der Armut schleppt ? Wie all diese Ketten zu sprengen seien ? Durch die Lösung der sozialen Frage . Daß er diese Lösung hierher mitgebracht habe , in eine fertige Formel gedrängt : so viel törichte Vermessenheit würde man ihm hoffentlich nicht zumuten ; er habe nur diese Mahnung zu geben : die soziale Frage muß unablässig , ehrlich , wissenschaftlich studiert , Experimente müssen gewagt werden , so lange bis man die Lösung gefunden hat - der hehre Tempel , das ist die Natur , das ist das Leben selber . Beide so voll der Pracht und der Wunder , der Mysterien und der Schätze . Das Leben mit seiner angeborenen Lust - die Lebensfreude - und das Allerheiligste dazu - die Liebe . Die Natur in ihrer Ewigkeit und Unendlichkeit , in ihrer Allmachtskraft , ihren immerwirkenden Gesetzen und stetem Entfaltungswandel ... Und wie wird dieser Tempel - Natur und Leben , uns als Stätte der Andacht und der Seligkeit gegeben - wie wird der geschändet durch den darin betriebenen Täuschungsschwindel und Lügenschacher ! Heraus damit ! Zu dieser Reinigung braucht man nur das eine : Wahrheit und Wahrhaftigkeit . Mit anderen Worten : die Offenbarungen der Wissenschaft zum Dogma , - das stete Forschen nach Erkenntnis und deren mutige Verkündigung zum Kultus - und die unschuldigen Genüsse des Lebens zum Ritus erhoben . Genüsse , auf die alle den gleichen Anspruch haben sollen . Das haben die Kirchen gar wohl verstanden , daß auf ihre Feste und Feiern , auf Gnaden und Verheißungen alle gleich berechtigt sind - auch die Ärmsten und Niedrigsten - ebenso muß in dem Tempel , den ich meine , jeder gleichen Anspruch und Anteil an Lebensfreude haben - auch die Ärmsten und Niedrigsten . Oder vielmehr : Ärmste brauchte es nicht mehr zu geben , die Erde ist fruchtbar genug , damit keiner darbe - und niedrig darf niemand heißen , der