Er nahm den regenschweren Rock über den Arm , den Hut in die Hand und verbeugte sich steif , ohne einen Schritt näher auf sie zuzugehen , ohne ihre Hand zu berühren . » Lebwohl , Lotte . « Sie hatte ein paar Schritte auf ihn zu gemacht . Sie brachte es nicht übers Herz , ihn so gehen zu lassen . Sie streckte ihm die Hand entgegen , die er zögernd ergriff , und wie eine Liebkosung klang ihre Stimme , als sie jetzt sagte : » Adieu , Franz , und auf Wiedersehen ! Gebe Gott , dass Du verschmerzt hast , was ich Dir anthun musste , bis wir wieder beisammen sind . « Er sagte nichts mehr , sondern starrte sie nur aus trostlosen Augen an , dann wandte er sich kurz und zog die Thür rasch hinter sich zu . Sie drückte den Veilchenstrauss an die Lippen und blickte ihm schmerzverloren nach , aber sie brach nicht zusammen . Das Bewusstsein hielt sie aufrecht , den schwersten Sieg errungen zu haben , den ein Mensch zu erringen vermag , den Sieg über sich selbst ! Lena hatte Franz ' Besuch täglich erwartet . Sie war sehr ungehalten darüber , dass er ausblieb . Vernachlässigung war sie nicht gewöhnt . Aber gerade , dass sie ihr einmal zu teil wurde , steigerte ihren Wunsch , Franz zu gewinnen bis ins unermessliche . Sie stieg zu Lotte herauf , die sie jetzt selten genug besuchte . Wenn sie sich getäuscht haben sollte , wenn diese beiden dennoch einig mit einander geworden wären ! Lena überzeugte sich bald von dem Gegenteil . Franz war längst abgereist , und Lotte schien nicht das geringste Interesse weder an dieser Abreise , noch an Franz überhaupt zu nehmen . Sie hatte nur Sinn für Luischen . Luischen war ihr drittes Wort . Ob Lena denn nicht endlich einmal mit ihr nach Schmargendorf heraus wolle , das liebe kleine Geschöpf kennen zu lernen ? » Im Frühjahr , ja . Hat Franz nicht gesagt , wann er zurückkommt ? « » Ich glaube , um Ende März . « Das war alles , was sie aus Lotte herausgebracht hatte . Daran musste sie sich bis auf weiteres genügen lassen , aber ihre Laune wurde durch dies negative Ergebnis ihrer Nachfragen nicht gerade verbessert . Am schwersten hatte Bornstein unter Lenas Stimmung zu leiden , und da er sie noch immer wirklich gern hatte , litt er in der That . Zuweilen schalt er sich einen ausbündigen Narren , dass er noch immer um ein Mädchen sich bemühte , das trotz allem was er für sie gethan hatte , nicht gewillt schien , auch nur um Haaresbreite seinen Wünschen entgegen zu kommen . Aber gerade das reizte ihn . Sollte er nun , da er so lange um sie geworben hatte , unverrichteter Sache wieder abziehen ? Er wollte sich wenigstens sagen dürfen , dass er einmal sein Herrenrecht geltend gemacht , dass er sie einmal besessen hatte . Einstweilen schien er indess weniger Aussicht zu haben denn je , seine Stellung Lena gegenüber zu verbessern . Hatte sich die kleine Launenhafte den ganzen Winter über nicht gerade hingebend gezeigt , hatte sie den meisten seiner Wünsche einen unbeugsamen Trotz entgegengestellt , war es ihr niemals eingefallen , Rücksicht darauf zu nehmen , dass er doch wohl das Recht habe , ihre Gesellschaft zuweilen allein zu geniessen , hatte sie , im ausgesprochensten Gegensatz zu diesen seinen Wünschen , sich nur um so häufiger mit einer förmlichen Schar von Verehrern und Freunden umgeben , so schien Lena jetzt nach dem Frühjahr zu dies alles noch zuspitzen zu wollen . Bornstein war so gereizt , dass er schon daran gedacht hatte , sie vor die bündige Entscheidung zu stellen : » Entweder Du änderst Dich , oder wir sind geschiedene Leute . « Da er aber Lena dazu im stande hielt , dem letzteren Vorschlag mit ihrem pikantesten und überlegensten Lächeln zuzustimmen , verschob er den entscheidenden Schritt von Tag zu Tag . Um die zweite Hälfte März musste Bornstein nach Dahlow hinaus . Es war nicht unmöglich , dass er vierzehn Tage dort festgehalten werden würde . Neuanlagen , Umbauten waren zu besprechen . Der Verwalter war nicht mehr so auf dem Posten wie früher , die Leute nicht mehr ordentlich im Zuge . Es war höchste Zeit , dass er selbst mal nach dem Rechten sah . Er ging schwereren Herzens denn je . Wenn er nur jemanden gehabt hätte , der ihm während seiner Abwesenheit zuverlässigen Bericht über Lena hätte zugehen lassen ! Er schwankte lange , schliesslich bat er Kurt um diesen Freundschaftsdienst . Strehsen war selbstverständlich , wie stets bereit , Bornstein zu willen zu sein . Selbst wenn Kurt nicht gewollt hätte , er hätte nicht anders gekonnt , denn er war mit der Zeit völlig abhängig von Bornstein geworden . Er hätte einfach quittieren oder sich eine Kugel durch den Kopf schiessen müssen , wenn der Freund die Hand von ihm abgezogen hätte . Ein Bedenken , ob er den delikaten Auftrag übernehmen oder ablehnen solle , gab es also nicht . Es blieb Kurt keine Wahl , als Bornstein auf Ehrenwort zu versichern , dass er ein aufmerksames Auge auf Lena haben und ihm alles auffällige unverzüglich melden würde . Verhältnismässig beruhigt fuhr Bornstein ab . Er wusste , er durfte sich auf Kurt verlassen . Er wollte ja auch nichts weiter , als , nachdem er weit über ein Jahr um Lena geworben hatte , nicht gerade einen andern die Früchte pflücken sehen , die für ihn stets zu hoch gehangen hatten . So war Kurt jetzt täglicher Gast bei Lena , Oberspion , wie er selbst sich nannte . Seine Besuche waren ihr augenscheinlich ebenso gleichgültig , wie die aller andern . Sie machte keinen Unterschied und behandelte jeden , der über ihre Schwelle kam , mit derselben kühlen Nachlässigkeit . Kurt konnte die