wäre er entsetzt gewesen von dem endlosen Krieg , der über ihm tobte , von den Schicksalen , die in das Stampfen der Motore verwoben waren ! Dabei hatte er vielleicht nicht einmal das wirkliche Licht erblickt , sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle . Enttäuscht und gelangweilt legte Bojesen das beschriebene Blatt Papier in eine Schublade . Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz , den ihm jener Brief zugefügt hatte . Jeanettens Bild stieg heraus . Nun wußte er auch sein ruheloses Forschen zu deuten , und er blickte im Zimmer umher , als ob er sich vor den Möbeln schäme , daß er sie je getäuscht und hintergangen durch sein nächtliches Wachen . Er sah Jeanette unbeweglich stehen , wohin er auch blicken mochte , er sah sie in einem dunkelgrünen Kleid , das rote Haar gelöst , in den Augen eine schwermütige Ruhe , die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt . Er ging im Zimmer umher und dachte an nichts anderes , als wie er sie wieder gewinnen könne , und der törichteste Ausweg erschien ihm schließlich als der beste . Er schickte sich an , zu Baron Löwengard zu gehen . Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein , daß Jeanettes Vater vielleicht Macht über sie besaß , oder daß es mit dessen Hilfe gelingen könne , Jeanette durch eine List zur Rückkehr zu bewegen . Er wußte kaum , was er tat . Eine Viertelstunde später trat er ins Löwengardsche Haus . Noch immer trugen die Karyatiden geduldig die Last des Balkons , noch immer besann sich Merkur auf dem Dache , ob er stiegen solle oder nicht . Außerdem tropfte das Schneewasser von den Rinnen und Brüstungen , so daß die Riesen zu schwitzen schienen , und eine ahnungsvolle Sonne vergoldete die Fassade . Auch im Innern des Hauses hatte sich nichts verändert . Die alte Pracht bestand noch ; nicht , als ob der Besitzer dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und Hunderte in Not gerissen hätte , sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen Stille sei . Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen . Mit zusammengepreßten Lippen stand er vor dem Kaufmann , der ihn einige Zeit unbekümmert musterte , ehe er sich entschloß , ihm einen Sitz anzubieten . » Ich komme wegen Ihrer Tochter , « sagte Bojesen mit stockender Stimme . Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu . Er richtete sich straff empor , schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde steinern , als er antwortete : » Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu tun . Wenn dies also der Zweck Ihrer Anwesenheit ist , muß ich bedauern . Wenn meine Tochter in Not ist , hat die Firma keinen Grund , diesem Umstand Aufmerksamkeit zu schenken . « » Ihre Tochter ist nicht in Not , « entgegnete Bojesen stirnrunzelnd . » Ich wollte nur fragen , ob Sie nicht Auskunft über ihren gegenwärtigen Aufenthalt wünschen oder ob Sie sie vielleicht zurückrufen wollen . In diesem Fall wäre ich bereit - « » Verehrter Herr , ich sagte Ihnen schon , daß meine Tochter mit den Angelegenheiten der Firma nichts zu schaffen hat . Sie ist tot für das Haus Löwengard . Ich sehe deshalb keinen Anlaß , dies Gespräch fortzusetzen . « Das war ein deutlicher Wink ; aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit finsterem Blick dem Auf-und Abgehen des Bankiers , der die Hände auf dem Rücken hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte , wie wenn man den Pfropfen aus einer Flasche reißt . » Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht ? « sagte er , empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete flüchtig . » Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus , « erwiderte der Bankier kalt . » Und Sohnesgefühle ! « fügte Bojesen verächtlich hinzu , indem er an Gedaljas Schicksal dachte . » Herr ! « rief der Bankier , feig werdend . Seine tückischen Augen blickten unsicher nach der Türe . Als Bojesen ging , war die Sonne im Sinken und ergoß Ströme purpurroten Lichts auf die tauenden Schneeflächen . Der Himmel , einem Teppich gleich , war mit seltsam regulären Wolkenmustern besät , und in der Tiefe des westlichen Horizonts stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden , eine gleichmäßig-brennende Röte hinter sich lassend . Bojesen schritt vorbei an den Schreibzimmern der Firma Löwengard , wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet wurde , und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster . Pult an Pult ; Kommis neben Kommis : bleiche , langnasige Menschen mit trüben Augen , mit Augengläsern , mit beschäftigten , sorgenvollen Mienen , freudlose Rechenmaschinen . Staub ! Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus , nicht anziehender geworden durch die blendenden Abendgluten . Eisenbahnremisen , ein abgebrochener Zaun , durcheinanderlaufende Schienen , rötlich schimmernd im Widerschein des westlichen Feuers , einzelne Güterwagen , eine Lokomotive , stumm und kalt , ein Lastwagen , Bahnwärter- und Signalhäuschen , Telegraphenstangen , Güterhallen und weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald , mit letztem Schnee behangen , und das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün einer Wiese . Und all das weckte in Bojesen auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit , ließ Bilder der Heimat in ihm wachsen , und er hatte Heimweh . Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft , und da er nicht weit von Nieberdings Villa entfernt war , wandte er sich dorthin . Er schritt an den feuchten Hängen hin , zwischen Gesträuchern ; zur Rechten war die Mauer des Kirchhofs , tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene Tal , das vom Horizont verschlungen wurde . Er fand das Tor der Villa offen , schritt die Treppe hinauf und pochte , da er niemand sah , an die nächste Tür und als niemand antwortete , ging er hinein . Das Zimmer