mich nur , daß ich immer höchst ermüdet und abgespannt aus diesen Diskussionen hervorging , und jetzt weiß ich , daß diese Ermüdung von dem » Im-Kreise-nachlaufen « kam , zu welchem mich meines Vaters Streitweise zwang . Der Schluß war dann doch jedesmal ein seinerseits mit mitleidigem Achselzucken gesprochenes » Das verstehst Du nicht « , welches - da es sich um militärische Dinge handelte - im Munde eines alten Generals , einer jungen Frau gegenüber , gewiß sehr gerechtfertigt klang . Neujahr 1866 . Wieder saßen wir alle - bei Punsch und Faschingkrapfen - um meines Vaters Tisch versammelt , als die erste Stunde dieses verhängnisvollen Jahres schlug . Es war ein heiteres Fest . Zugleich mit Sylvester feierten wir eine Verlobung : Konrad und Lilli . Als der Zeiger auf Zwölf wies und auf der Straße einige Freudenschüsse losgingen , umschlang mein unternehmender Vetter das neben ihm sitzende Mädchen , preßte - zu unser aller Staunen - einen Kuß auf ihre Lippen und fragte dann : » Willst Du mich in 66 ? « » Ja - ich will , « antwortete sie ; » ja - ich hab ' Dich lieb , Konrad . « Das war nun von allen Seiten ein Gläser-erklingen-lassen und umarmen und Händeschütteln , und Glück- und Segenwünschen ohne Ende : » Das Brautpaar soll leben « - » Konrad und Lilli - hoch ! « - » Gott segne eueren Bund , Kinder « - » Gratuliere herzlichst , Vetter « - » Sei glücklich , Schwester « und so weiter und so weiter . Eine freudige und gerührte Stimmung bemächtigte sich unser aller . Vielleicht nicht bei allen ganz neidlos ; denn so wie der Tod das traurigste und bedauernswerteste Ereignis abgibt , so ist die Liebe - die zum lebenschaffenden Bunde sanktionierte Liebe - das fröhlichste und beneidenswerteste . Ich konnte zwar von Neid nichts spüren , denn mir war das der neuen Braut erst verheißene Glück schon zum wirklichen und festen Besitz geworden ; es beschlich mich eher ein Gefühl des Zweifels : » So ein vollkommenes Glück , wie es mir von Friedrich bereitet wird , kann wohl der armen Lilli kaum zu teil werden ... Konrad ist zwar ein allerliebster Mensch , aber - es gibt nur einen Friedrich ! « Mein Vater machte dem Gratulationstumult ein Ende , indem er mit dem an seinem kleinen Finger befindlichen Siegelring an das Glas klopfte und sich zum sprechen erhob : » Meine lieben Kinder und Freunde « - sagte er ungefähr - » das Jahr sechsundsechzig fängt gut an . Mir bringt es schon in der ersten Stunde die Erfüllung eines Lieblingswunsches - denn auf den Konrad als Schwiegersohn hatte ich es lange abgesehen . Hoffen wir , daß dieses freundliche Jahr auch unsere Rosa unter die Haube und euch - Martha und Tilling - einen Storchbesuch bringt ... Ihnen , Doktor Bresser , soll es zahlreiche Patienten verschaffen - was zwar mit den vielen Gesundheitswünschen , die heute ausgetauscht werden , nicht recht klappt ... und Dir , liebe Marie , bescheere es - vorausgesetzt , daß es Dir bestimmt sei , ich kenne und ehre Deinen Fatalismus - einen Haupttreffer , oder einen vollständigen Ablaß , oder was Du Dir sonst wünschen magst ; ... Dich , mein Otto , beschenke es mit zahlreicher » Eminenz « zu Deiner Schlußprüfung und mit allen möglichen soldatischen Tugenden und Kenntnissen , damit Du einst eine Zierde der Armee und der Stolz Deines alten Vaters werdest ... Letzterem muß ich doch auch einiges Gute zukommen lassen , und da dieser keine höheren Wünsche kennt , als das Wohl und den Ruhm Österreichs , so möge das kommende Jahr dem Lande einen großen Gewinn bringen - die Lombardei oder - was weiß ich ? - die Provinz Schlesien ... Man kann nicht wissen , was sich da alles vorbereitet - es ist gar nicht unmöglich , daß wir dieses , der großen Maria Theresia entwendete Land den frechen Preußen wieder abnehmen « ... Ich erinnere mich , daß der Schluß von meines Vaters Trinkrede » eine Kälte « verbreitete . Die Lombardei und Schlesien - wahrlich , nach diesen fühlte niemand unter uns ein dringendes Bedürfnis . Und der darunter versteckte Wunsch : » Krieg « - also neuer Jammer , neue Todesqual - der stimmte schon gar nicht zu der weichen Fröhlichkeit , welche diese , durch einen neuen Liebesbund geweihte Stunde in unseren Herzen wachgerufen . Ich erlaubte mir sogar eine Entgegnung : » Nein , lieber Vater - für die Italiener und für die Preußen ist heute auch Neujahr ... da wollen wir ihnen kein Verderben wünschen . Mögen im Jahre 66 und in den folgenden alle Menschen besser , einträchtiger und glücklicher werden ! « Mein Vater zuckte die Achseln ! » O , Du Schwärmerin , « sagte er mitleidig . » Durchaus nicht , « nahm mich Friedrich in Schutz . » Der von Martha ausgedrückte Wunsch beruht nicht auf Schwärmerei - denn seine Erfüllung ist uns wissenschaftlich verbürgt . Besser und einträchtiger und glücklicher werden die Menschen beständig - seit den Uranfängen bis auf heute . Aber so unmerklich langsam , daß eine kleine Spanne Zeit , wie ein Jahr , kein sichtbares Vorwärtsschreiten aufweisen kann . « » Wenn Ihr so fest an den ewigen Fortschritt glaubt , « warf mein Vater ein , » warum dann euer häufiges Klagen über Reaktion , über Rückfall in die Barbarei ? « ... » Weil « - Friedrich zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete auf ein Blatt Papier eine Spirale - » weil der Gang der Civilisation so beschaffen ist wie dieses ... Bewegt sich diese Linie , trotz ihrer gelegentlichen Rückwärtskrümmungen , nicht sicher voran ? Das beginnende Jahr kann freilich eine der Krümmungen vorstellen , besonders wenn , wie es den Anschein hat , wieder ein Krieg geführt werden sollte . So etwas schleudert die Kultur - in jeder