Not sie treffen sollte . In der schrecklichsten , bangsten Stunde ihres Lebens waren sie ohne den Halt und Trost seiner Liebe gewesen . In den letzten , erstickenden Minuten der Todesnot hatte er nicht als Wächter am Bette des Kindes gesessen , und warum nicht ? Severina hatte nicht den Mut gehabt , ihn zu sehen . Wegen seiner wankelmütigen Liebeständeleien hatte er dem geliebten und gefürchteten Bruder gegenüber sich diese Schuld , diese nie verzeihbare Unterlassungssünde aufgeladen . Er blieb wie versteinert . Fanny , nachdem sie noch lange liebevoll mit Adrienne gesprochen , zog sich zurück , nicht ohne mit leiser Hand Joachims Rechte geliebkost zu haben . Doch er schien diese ihre Berührung nicht zu bemerken . Lanzenau hatte unterdes seine Anordnungen getroffen , nicht nach Driesa weiterzufahren , sondern mit Taiß hierzubleiben . Beiden schien es klüger , in der steten Nähe der Trauernden zu sein und diese durch ihre Gegenwart vor allzu heftiger Hingabe an den Kummer zu bewahren , denn sie wußten beide , daß Fanny alles mitfühlen würde , als sei ihr selbst ein Kind gestorben . Lanzenau sprach auch mit Severina einige liebevolle Worte , er sagte ihr , daß Joachim in wenig Tagen der Inhaber einer vielbeneideten Stellung sein würde und daß man dann , wenn nur erst der frische Gram Adriennens ein bißchen verwunden sei , an Verlobung und Hochzeit denken könne . Er wunderte sich , daß Severina dies mit dem Gesicht einer Sphinx anhörte , steinern und rätselhaft im Ausdruck . Dann zog er sich mit Taiß in ihre Zimmer zurück , wo beide Herren allein ihr Mahl nahmen und sich die Zeit mit Schachspiel kürzten . Nachdem Fanny sich ein wenig besonnen und erfrischt hatte , kehrte sie zu Adrienne zurück , schickte Joachim fort , damit er mit dem Pastor das Nötige wegen der Beerdigung verabrede , die sie auf den nächsten Abend bestimmte , und versuchte ihr möglichstes , die junge Frau zu überreden , daß sie sich ein wenig zu Bett lege . » Komm in mein Zimmer , das Mädchen kann so lange den Kleinen bewachen . Du mußt jetzt Deine Gesundheit doppelt schonen , denn wenn Arnold heimkehrt , soll zu dem Kummer über sein Kind nicht die Sorge für sein Weib kommen . « Endlich halfen diese in allen Formen wiederholten und veränderten Vorstellungen , und Adrienne , die in der That vom Wachen und Weinen ganz entkräftet war , ließ sich in Fannys Bett legen , worauf Fanny dann ging , um endlich , endlich ein Wort mit » Achim « reden zu können . Dieser war , nach schnell beendetem Geschäft beim Pastor , ins Haus zurückgekehrt und saß in jenem Wohnzimmer , wo Fanny ihn porträtirte und wo Severina ihnen das wilde Lied von Ginevra und Lanzelot gelesen . Er starrte zum Fenster hinaus in den winterlichen Park , in dessen Wegen kleine Wirbel welker Blätter entlang tanzten , und dachte , ob es nicht ein Traum gewesen , daß vor wenig Tagen noch Fanny , schön , vielgefeiert und geehrt , sich ihm zu eigen gegeben . So fand ihn Severina , die ihn seit seiner Ankunft noch nicht gesehen . Langsam kam sie auf ihn zu , ihre Augen wurzelten ineinander . Sie konnten beide nicht sprechen , den beiden schlug das Herz bis zum Halse hinauf , und die heiße Erregung der Angst schnürte ihnen die Kehle zu . Jeder fürchtete , vom andern sein Todesurteil zu hören , Joachim , daß sie sagen würde : » Ich verachte Dich , « und sein ganzes Wesen wallte doch auf im Wunsche , sie zu küssen , Severina , daß er sagen könne : » Ich liebe Fanny allein , « und doch hätte sie ihr Leben dafür gegeben , noch einmal an seinen Lippen zu hängen . » Severina , « murmelte er endlich , » kannst Du mir verzeihen ? Bei Gott , es ist keine Lüge , ich liebe Dich ! « Severina atmete tief ; es klang wie ein Seufzer . Eine seltsame Härte breitete sich plötzlich über ihre Züge . » Du wirst Fanny die Wahrheit sagen , « sprach sie hart , » die Wahrheit , daß Du mein bist . « » Wie kann ich das ? « sagte er verzweifelt ; » Fanny einen Schmerz zufügen - Fanny , der ich so vielen Dank schulde ? « » Das hättest Du Dir ins Gedächtnis rufen sollen , ehe Du ihr Herz betrogst . « » Es ist kein Betrug . « Severina zuckte die Achseln . » Was soll denn werden ? « fragte sie . » Habe nur Geduld , ich muß ja einen Ausweg finden . « Hier trat Fanny ein . Dasselbe unbestimmte Gefühl von Angst , das sie im Wagen schon empfunden , kehrte zurück , als sie die beiden allein mit Spuren tiefer Erregung im Gesicht fand . Es stieg , als Severina rasch , ohne ein Wort oder Blick an sie zu richten , hinausging . » Was hat Severina ? « fragte sie . » Nichts . Was sollte sie haben ? « fragte er befangen entgegen . Fanny trat zu ihm , legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihn tief an . » Ich hatte Severina gefragt , wie alles gekommen und verlaufen sei mit der Krankheit des Kleinen , « antwortete er , errötend auf diesen Blick . » Nein , « dachte Fanny , » das wäre zu schlecht - lügen - mir Aug ' in Auge . Das kann er nicht . « Aber sie sprach doch noch - all ihre Liebe lag in den schmeichelnden Lauten ihrer Stimme - sie sprach doch noch : » Nicht wahr , Du hast Vertrauen zu mir , Du weißt , daß meine Liebe so groß ist , Dir alles zu verzeihen , nur das Verbrechen der Unwahrheit nicht ? « Ihn wandelte das Gelüst an