herab , aber nun zum ersten Male seit lange , seit er zuletzt im Schnee geglitzert , lag der Sonnenschein verklärend über der traurigen , endlosen , verregneten Ebene und die Luft war feucht , aber warm . » Frühling , Frühling « , murmelte Sender , als er in der ersten Frühe das Fenster seines Kämmerchens öffnete , und beugte sich weit vor , diese reine Luft einzufangen . » Gottlob , Frühling ! « Er lächelte beglückt vor sich hin . » Mein letzter Frühling in dieser Kammer ! « Und dann folgte der letzte Sommer und wie rasch war der Herbst da und dann - zu Neujahr ... Er schloß die Augen , als könnte er den Glanz des Glücks nicht ertragen , in dem sein Leben vor ihm lag , soweit ihm der Blick reichte . Bisher hatte ihn eine trotzige oder kecke Zuversicht erfüllt , heute , an diesem ersten Frühlingsmorgen , da ihm jedes Hindernis beseitigt schien , war ihm so weich und zugleich so selig zu Mute wie nie zuvor . Mit anderer , höherer Empfindung als sonst langte er nun die Gebetriemen aus dem Schrein und schlug sein Andachtsbuch auf , das Morgengebet zu sprechen . Es war ein abgegriffenes Büchlein mit mürben Blättern , das wohl einst in schwarzes Leder mit Goldschnitt gebunden gewesen ; heute war der Einband grau und zerfetzt , der Druck fast verwischt . Ein altes Büchlein , und er hatte es nie neu gekannt ; die Mutter hatte es ihm einst , als er beten gelernt , geschenkt ; es habe früher einem Verwandten gehört . Aber so alt es war , ihm diente es gut , und gar beim Morgengebet konnte ihn der undeutliche Druck nicht stören ; dies Gebet kannte er ja , wie jeder Jude , auswendig , und hielt beim Beten nur deshalb den Blick auf das Buch geheftet , weil es die Sitte so gebot . Und vielleicht sprach er auch das Gebet all diese Jahre oft genug aus keinem anderen Grunde - die Unterlassung wäre Sünde gewesen , warum sollte er sündigen ? Heute aber , im Glanz dieses Frühlingstages , quollen ihm die Worte nicht bloß von den Lippen , sondern auch aus dem Herzen . Er war sich dessen wohl selbst kaum bewußt , und noch weniger hätte er sich über den Grund Rechenschaft geben können - verstanden hatte er diese hebräisch-chaldäischen Worte wohl auch sonst , heute schienen sie ihm für ihn selbst geschrieben : » Dank dir , Gnadenreicher , der du erfüllest , wonach unser Herz schmachtet ... Erbarme dich über uns und gib uns in das Herz , zu verstehen und zu erkennen , zu hören und zu lernen ... « Und als er an die Stelle kam : » Gepriesen seist du , der du die Siechen genesen machst und alle Krankheit von uns nimmst « - erhob er die Augen zum Himmel . Ja , auch diese Last war nun von ihm genommen , die einzige , die ihn noch bedrückt . Er hatte das » bißchen Husten « nicht schwer genommen , aber es war doch recht lästig gewesen , und er hatte gelogen , wenn er der Mutter versichert , er empfinde keinen Schmerz dabei . Aber er hatte immer gehofft , das werde besser werden , wenn nur erst der Winter vorbei sei , und wirklich war schon während der Frühlingsregen der Hustenreiz geringer geworden . Heute quälte er ihn kaum mehr , und wenn er atmete , fühlte er kein Stechen in der Lunge . Wohl aber hatte er dabei eine andere Empfindung , die ihm wohl ungewohnt , aber nicht peinigend war , ein Gefühl der Schwere und Wärme in den Lungen , und es wuchs , je mehr er die feuchte , schwüle Luft dieses Frühlingsmorgens einsog . Es war , als hätte der Erdgeruch , der sie erfüllte , etwas Berauschendes ; seine Pulse klopften , der Atem ging hastiger , das Blut drängte ihm zu Kopfe , und als er sich am Schluß des Gebetes , wie es die Satzung vorschrieb , dreimal tief gegen Osten verneigte , überkam ihn ein Schwindel , daß er sich am Bettrand festhalten mußte , um nicht umzusinken . Aber das ging so rasch vorbei , daß es ihn nicht weiter ängstigte . Als er in die Wohnstube trat und der Mutter den Morgengruß bot , blickte sie ihn mit freudigem Staunen an und sagte : » Heut ' geht ' s dir gottlob wieder ganz gut , nicht wahr ? Du hast ja ordentlich rote Backen , wie ich sie eigentlich noch nie an dir gesehen hab ' ! « » Ich fühl ' mich auch ganz gesund ! « sagte er . » Was hab ' ich dir immer gesagt ? Der Husten ist nicht der Rede wert ! « » Es war ja nur , weil du so mager bist ! « Sie überflog das scharfgeschnittene Antlitz , die hochaufgeschossene , bewegliche , aber schmalbrüstige Gestalt . » Dir schlägt ja kein Essen an , du bleibst wie ein Windhund ! « » Jetzt soll ' s anders werden « , erwiderte er lachend und machte sich über die Frühstückssuppe her . » Gib acht - du wirst mich bald ums Geld zeigen können , so fett werd ' ich . « Mit dem Essen ging es aber doch auch heute nicht recht , so wenig wie früher , und jene seltsame Empfindung der Schwere in den Lungen wollte nicht weichen . Um es der Mutter zu verbergen , führte er den Löffel fleißig , aber fast ungefüllt zum Munde . Es kam ihm sehr gelegen , daß eben ein Wagen am Schranken hielt , nun mußte die Mutter das Zimmer verlassen . Aber Frau Rosel blieb auf ihrem Sitz am Fenster , statt ihrer trat die alte Kasia , die sonst am Sabbat den Dienst für sie verrichtete , an den Kutscher heran und