gleich hinter ihnen , wie ein Himmelsbote , die allerliebste Anna , welche , blaß und aufgeregt , mir flüchtig das Händchen reichte und schimmernde Tränen darüber fallen ließ . Weil ich seltsamerweise gar nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte , schwebte sie mir jetzt um so überraschender vorüber . Zuletzt erschöpfte sich doch die Frauenwelt , und wir traten vor das Haus , wo eine unabsehbare Schar bedächtiger Männer harrte , um mit uns , die wieder eine Reihe bildeten , den gleichen Gebrauch vorzunehmen . Sie machten es zwar bedeutend kürzer und rascher als ihre Weiber , Töchter und Schwestern , allein dafür gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hände wie Schmiedezangen und Schraubstöcke , und aus mancher Faust brauner Ackermänner glaubte ich meine Hand nicht mehr heil zurückzuziehen . Endlich schwankte der Sarg vor uns her , die Weiber schluchzten , und die Männer sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder ; der Geistliche erschien auch und machte seine Würde geltend , und ohne viel zu wissen , wie es zugegangen , sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann in die kühle Kirche versetzt , welche von der Gemeinde ganz angefüllt wurde . Ich hörte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprünglichen Familiennamen , die Abstammung , das Alter , den Lebenslauf und das Lob der Großmutter von der Kanzel verkünden und stimmte von Herzen in das Versöhnungs- und Ruhelied , welches zum Schlusse gesungen wurde . Als ich aber die Schaufeln klingen hörte vor der Kirchentür , drängte ich mich hinaus , um in das Grab zu schauen . Der einfache Sarg lag schon darin , viele Menschen standen umher und weinten , die Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmählich ; ich sah erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor , und die Tote in der Erde erschien mir auch fremd , und ich fand keine Tränen . Erst als es mir durch den Sinn fahr , daß es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen , und an meine Mutter dachte , welche einst auch also in die Erde gelegt werde , da vergegenwärtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem Grabe und das Wort : » Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht ! « Der eingeladene Teil der Versammlung begab sich nun wie der nach dem Trauerhause , dessen Räume alle von den Vorrichtungen des Leichenmahles belebt waren . Als man zu Tische saß , versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des finstern Witwers , wo ich zwei volle Stunden aushalten mußte , ohne mit jemandem sprechen zu können , solange die erste herkömmliche Essenszeit mit allen ihren unvermeidlichen Gerichten dauerte . Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte den Schulmeister und sein Kind , welche auch anwesend waren ; sie mußten aber im anstoßenden Zimmer sein , denn ich fand sie nicht . Anfänglich wurde mäßig und bedächtig gesprochen und die Speisen in großer Ehrbarkeit eingenommen . Die Bauern saßen aufrecht an ihre Stühle oder an die Wand gelehnt , in beträchtlichem Abstand vom Tische , und stachen die Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem Arme an , die Gabel am äußersten Ende haltend . So führten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum Munde und tranken den Wein in kleinen , züchtigen , aber häufigen Zügen . Die Aufwärterinnen trugen die breiten Zinnschüsseln in erhobenen Händen in der Höhe ihres Gesichtes heran , mit gemessenem Paradeschritt , die Hüften gewaltig hin und her wiegend . Wo sie die Tracht auf den Tisch setzten , mußten die beiden Zunächstsitzenden einen Wettstreit beginnen , indem sie ihnen ihre Gläser zum Trinken boten und jeder wenigstens zwei gute Witze flüsterte ; dieser kleine Kampf wurde dann dadurch geschlichtet , daß die Aufwärterin aus jedem Glase nippte und mehr oder weniger zufrieden mit der Ausführung dieser Etikette sich zurückzog . Nach Verfluß zweier langen Stunden näherten sich die Roheren unter den Gästen immer mehr dem Tische , legten die Arme darauf und begannen nun erst ein fleißiges Essen , wozu sie den Wein in tiefen Zügen schluckten . Die Gesetzteren aber wurden lauter im Gespräche , rückten ihre Stühle mehr zusammen und ließen die Unterhaltung allmählich in eine mäßige Fröhlichkeit übergehen . Diese war wohl zu unterscheiden von einer gewöhnlichen lustigen Stimmung und eine symbolische Absicht , welche eine heitere Ergebung in den Lauf der Dinge und das Recht des Lebens gegen den Tod bedeuten sollte . Ich fand nun endlich Raum , meinen Platz zu verlassen und umherzugehen . Im nächsten Zimmer fand ich an einer kleineren Tafel Anna neben ihrem Vater sitzen , welcher im Kreise einiger Klugen und Frommen die weise und fröhliche Ergebung in das Unvermeidliche mit ausgezeichneter Kunst übte . Er machte einigen bejahrten Frauen den Hof und wußte jeder noch zu sagen , was sie vor dreißig Jahren gern gehört ; dafür schmeichelten sie der kleinen Anna , lobten ihre Manieren und priesen den Alten glücklich . Zu dieser Gruppe setzte ich mich und horchte neben Anna auf die beschaulichen Reden der Alten . Dabei hielten wir zwei , denen nun erst vergnüglich zu Mute wurde , noch eine kleine Mahlzeit aus der gleichen Schüssel und tranken zusammen ein Glas Wein . Auf einmal fing es über unseren Köpfen an zu brummen und zu pfeifen . Geige , Baß und Klarinette wurden angestimmt , und ein Waldhorn erging sich in schwülen Tönen . Während der rüstige Teil der Versammlung aufbrach und nach dem geräumigen Boden hinaufstieg , sagte der Schulmeister : » So muß es also doch getanzt sein ? Ich glaubte , dieser Gebrauch wäre endlich abgeschafft , und gewiß ist dies Dorf das einzige weit und breit , wo er noch manchmal geübt wird ! Ich ehre das Alte , aber alles , was so heißt , ist doch nicht ehrwürdig und tauglich ! Indessen mögt ihr einmal zusehen , Kinder , damit ihr später noch davon sagen könnt ;