trug sie Antigones Los in diesen Frühlingstagen . Ihr Höchstes , Teuerstes , ihr Vater , litt schwer , seine Kraft war gebrochen , scheinbar plötzlich , aber aus altem Keim . Es krankte sein Herz , auch was der Arzt so nennt ; jachen Erstickungskämpfen folgte Todesmattigkeit . Der Wechsel im Regiment , auf welchen der eifrige Mann so zuversichtlich gerechnet , hatte sich seit Jahren vollzogen , ohne seine Erwartungen zu erfüllen ; während Professor Zacharias der öffentlichen Wirksamkeit entsagen mußte , war von der seines Antagonisten der Bann , stillschweigend wie er auferlegt ward , genommen worden ; aber als Duldung , nicht als Triumph , und gering auch nur war die Zahl der Getreuen , welche die Satzung der Toleranz vorgezogen hatten . Herber hätte ein Mann wie Joachim von Hartenstein nicht enttäuscht werden können . Sollte er seiner stolzen Zurückgezogenheit entsagen , um ein Sektenpriester zu werden ? Dennoch würde er sich noch einmal in den Streit der Welt gewagt haben , wenn jenes zunehmende Körperleiden ihn nicht so empfindlich gehemmt hätte . Nun ergriff ihn eine Unruhe , die ihn heute vorwärts drängte , morgen zurück , und es war nicht der Aposteleifer allein , der in ihm rang , es war , wenn auch nur wenige es ahneten und nur die Tochter , seine vertraute Geschäftsführerin , bis zu einer gewissen Grenze es wußte , es war die Vatersorge . Seine apologetischen Schriften hatten ihn noch weniger goldene Früchte ernten lassen als die kritischen des Professor Zacharias ; nicht das gedruckte Wort , das gesprochene war seine Stärke . Von Jahr zu Jahr in der Zuversicht einer demnächstigen Rehabilitierung , hatte das Stilleben in Werben , so beschränkt es der Familie nach ihrem früheren Zuschnitt erschien , den Rest des mütterlichen Vermögens bis auf einen verschwindenden Bruchteil aufgezehrt , der berufene Ernährer aber sah sich alternd , krank , verlassen und von fünf Kindern nur den ältesten Sohn , der kürzlich Offizier in einem Infanterieregimente geworden war , notdürftig versorgt . Der stolze Mann , der nach seines großen Meisters Vorbild zeitliche Güter so gering geachtet hatte , nun wurde er um zeitlicher Güter willen » zwischen Tod und Hölle « hin und her geworfen und der Gedanke des Lebens wie des Sterbens ihm zu gleicher Marter . In solchen zweifelhaften Zuständen schwebten , außerhalb des Pfarrhauses , fast alle Menschen , zu welchen Dezimus liebend und ehrerbietig in die Höhe blickte , ja schwebte in gewissem Sinne auch er selbst , da er binnen kurzem aus der Heimat scheiden sollte , als unerwartet die Kunde von dem Ableben der greisen Gutsherrin in Werben eintraf . Der junge Doktor von Hartenstein hatte die Todesbotschaft dem Justitiarius zukommen lassen , zum Zweck der Mitteilung an die Familie und der Maßnahmen für die demnächstige Beisetzung . Er selbst war im Begriff , nach Rom abzureisen , um seine Schwester heimzugeleiten . Über das Ende seiner Verwandtin berichtete er nur flüchtig , daß es ohne vorhergehendes Krankenlager , bei klarem Bewußtsein erfolgt sei . » Warum kann solch ein schönes Leben nicht von vorn angefangen werden ! « wären ihre letzten Worte gewesen . Sie hätte für die Einbalsamierung ihres Leichnams und für den aufzulösenden Hausstand exakteste Vorschriften hinterlassen , wie denn auch schon bei ihrer kurzen Anwesenheit vor neun Jahren in dem Archiv des Schlosses die Anordnung ihrer Bestattung niedergelegt worden , von welcher nun unverzüglich Kenntnis zu nehmen sei . Im Umkreis der Heimat hatten nur wenige die Abgeschiedene gekannt , keiner sie geliebt ; und wie kleinlaut äußert sich denn überhaupt die Totenklage um einen Achtziger , auch wenn er gekannt und geliebt worden ist ? Um so lebhafter beschäftigte man sich mit den äußeren Veränderungen , welche der Todesfall nach sich ziehen mußte . Konjektur über Konjektur bei hoch und gering ; nur Pastor Blümel versenkte sich mit Innigkeit in das entschwundene Leben - schon um der Parentation willen , welche der Würde wie der Wahrheit gemäß abzuhalten er nicht nur als Pfarrer , sondern mehr noch als Vertrauensmann , den sie Freund genannt hatte , verpflichtet war . Wie er aber auch sinnend ihre Spur verfolgen , wie er ihre Briefe durchgrübeln mochte , es wollte ihm nicht gelingen , die Widersprüche dieser Natur zu einem Kettenschluß ineinanderzufügen : den scharfen Verstand und die Bizarrerien ; das gütige Bezeigen und den Mangel an Liebe ; den weichen Künstlersinn und die ätzende satirische Ader ; die Unfähigkeit zum Glauben und das Bedürfnis , jegliches wahrhafte übersinnliche Streben zu ergründen und zu ehren ; die unverwüstliche Daseinslust und die Bereitwilligkeit aufzuhören . Sooft Konstantin Blümel bei eines Menschen Tode die Magie seines Lebens erspürt hatte , hier fand er die Zauberformel nicht . Nun ja , ihr fehlte das Organ für den Schmerz . War es aber darum allein , daß die glückliche Harfenkönigin sich ihm nicht zu einem Dichtergebilde verklärte wie einst das elende Hirtenweib ? Indessen hatte in seinem Pfarrbereich ein lebhaftes Treiben Platz gegriffen . War die Kirche selbst von innen und außen schon vor Jahr und Tag säuberlich hergestellt worden , hatten selbst die ehrwürdigen schwarzen Herren am Altar sich eine Wäsche und einen aufmunternden Pinselstrich gefallen lassen müssen , so galt es nun schleunigst , die Gruft unter der Kirche zum Empfang des letzten Herbergsgastes würdig zu erneuern . Alle Hände voll waren zu tun , um den modernden , kellerartigen Raum in ein blaues Himmelsgewölbe umzuwandeln , es mit goldenen Sternen zu besäen , bunte Fensterscheiben einzulassen , den Fußboden mit Granitplatten zu belegen , die alten Särge aufzupolieren und , wo selbige mürbe geworden , in neue Gehäuse einzukapseln . Kein Pünktchen über dem I war in der eigenhändigen Vorschrift ausgelassen . Sobald der Sarg in die Gruft gesenkt worden , sollte die goldene Harfe darauf befestigt und ihm zu Häupten eine Marmorstatue aufgerichtet werden , welche , unter den Jugendzügen Thusneldas von Werben , die Muse der Tonkunst darstellte und , von dem ersten Meister