Leonhard Hagebucher hatte einen Stuhl an das Lager des so bitter redenden Mannes gezogen und sagte jetzt merkwürdig ruhig : » Lieber Herr , als Sie mich zu Abu Telfan fanden , lag ich als ein Blödsinniger auf Ihrem Wege . Damals brachte Sie der Zufall zu mir , und mit dem letzten Hauch meiner Kräfte rief ich Sie an , als Sie über mich wegtraten . Durch Ihre Hülfe wurde ich gerettet und habe , mit großer Mühe freilich , die Bruchstücke meiner europäischen Existenz wieder aneinandergekittet ; was ist das nun heute ? Haben wir die Rollen jetzt vollständig getauscht ? Es ist kein Zufall mehr , was uns in diesem Augenblick abermals zusammenführt ; Sie sind krank und rufen mich , wie ich Sie damals rief . Lassen wir also alle weitern Erörterungen des Vergangenen : hier bin ich , Mann , was soll ich für Sie tun ? Was kann ich tun , um Sie aus Ihren Ketten zu befreien ? Sie verleugneten mir früher Ihre Nationalität ; werfen Sie jetzt alle Verkleidungen weg ; wir wollen einander klar in die Augen sehen , und ich denke , wir haben beide eine Schule hinter uns , welche uns vor aller Verirrung in die Phrase schützt . « » Ei , ei , Kamerad , wie besonnen ! « rief der Herr van der Mook , sich jetzt ganz von seinem Lager erhebend . » Aber Sie wissen doch nicht , wie sehr Sie recht haben . Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand ; da , ich grüße Sie herzlich , und daheim im Tumurkielande wird alles wohl sein , und die alten Freunde und Bekannten werden in alter Liebe Ihrer gedenken . Nun , vielleicht findet sich doch noch eine Zeit für diese gemütlichen Erinnerungen ; jetzt aber , ohne Phrase , wie Sie trefflich bemerken , o Leonhard Hagebucher , ich habe Sie nötig , und deshalb rief ich Sie . Sie sollen erfahren , wer ich bin und wer ich war ; aber es gehört mehr dazu , als Sie sich augenblicklich träumen lassen . Reden Sie jetzt , Leutnant . « Der Leutnant Kind hatte bis zu diesem Moment mit untergeschlagenen Armen am Tische gelehnt und nicht durch eine einzige Bewegung oder Muskelzuckung angedeutet , daß das Gespräch zwischen den beiden andern Männern auch für ihn einen Sinn habe . Nun schüttelte er sich ein wenig und sprach gegen die Wand oder vielmehr , als ob er seine Erzählung an den Degen über dem eisernen Feldbett richte . » Um von mir anzufangen , Herr Hagebucher , so bin ich gewöhnlicher Leute Kind aus einem Kleinbürgerhause in hiesiger Stadt und habe keine gelehrte oder auch nur ausreichende Erziehung genossen . Ich bin ein Friedenssoldat gewesen und habe nur einmal in meinem Leben Feuer im Ernst kommandiert . Fürs Militärwesen hatte ich eine Vorliebe , weil es ein pünktlicher und ordentlicher Stand ist und man sich drin reinlich und nach der Uhr halten muß und weil es keinen andern Stand gibt , in welchem man seine Pflicht und Schuldigkeit so weit und klar vorauskennt . Bin also Soldat geworden nach meiner Natur , und wenn ich kein kluger und gelehrter Mann war , so konnte ich doch lesen , schreiben , rechnen und nach den Kriegsartikeln stillstehen oder marschieren : damit brachte ich es im Verlaufe der Zeit und , wie gesagt , durch angeborene Ordentlichkeit , Pünktlichkeit und Adrettité zum Feldwebel . Dafür paßte ich , und weiter ist mein Wunsch nicht geflogen . Als Feldwebel nahm ich eine Frau und weiß heute noch nicht , wie ich dazu kam , einen andern Menschen so liebzuhaben , denn im Grunde bin ich leider Gottes ein harter Mann , das weiß ich , und habe wenig Freude am Leben , und das ist auch meine Natur . Ich liebte aber mein Weib , wie mir selbst zum Trotz , und sie mußte es wohl zuletzt merken , wie lieb sie mir war , obgleich es sicher schwer zu merken gewesen ist ; sie war eine gute Frau , wie die meisten , welche man anständig behandelt . Jetzt ist sie tot , und mein Kind ist auch tot ; ich aber weiß nicht , ob das mir recht ist oder ob es mir doch noch das Herz abfressen wird . Ich habe mich wenigstens auf das letztere mit bester Fasson eingerichtet , und so mag es kommen , wie es will . Mein Kind hatte ich auch lieb , und als es noch ganz klein war und auf meinem Schoß saß , da hab ich auch wohl Stunden gehabt , in welchen ich die Welt ebenso rosenrot und golden sah wie die andern Leute , welche der Herrgott nicht so aus Holz und Leder machte wie den Feldwebel Kind . Ein Junge hätte wohl besser zu mir gepaßt , allein ich nahm auch das Mädchen dankbar hin , und ein schönes Mädchen ist ' s geworden , viel zu schön und fein für unsereinen . - Was ist der Mensch , wenn er sich nicht etwas Rechtes zu sein dünket in allen Stücken , wenn er nicht das Geringste verrichtet , als ob er die allergrößeste Ehre damit einlegen müsse ? Ein armseliger Tropf ist und bleibt er , und ob ich gleich nur ein Friedenssoldat gewesen bin , so hab ich doch so was mein ganzes Leben lang nicht an mich herankommen lassen . Keiner hat mir was vorwerfen dürfen . Wenn der Mensch einmal seiner Natur nach ein Militär ist , dann soll er seine Ehre so blank halten wie seine Knöpfe mit dem Wappen seines Landesherrn , und kein Stäubchen soll er dulden , sowenig auf seiner Renommee als auf seiner Uniform . Es schickt sich nicht , ein Lump zu sein , und was sich nicht schickt , das mag Gott nicht in der Welt und der Oberst nicht im Regiment leiden . Glaubt ' s , ihr Herren