- Weiter ? Es ist Alles - sagte sie . - Wenn Du keinen Gott mehr hast , bist Du auch kein Mensch mehr - - Sie wußte es nicht zu erklären - aber ich ging fort , dachte lange darüber nach und fühlt ' es : sie hatte Recht . « » Mir ist , als hört ' ich das dunkle Wort meiner Mutter von den Sternen herüber . « » Und die Armen - die Reichen ? « » Ach , nur Menschenrechte den Armen , sonst nützt es ihnen auch nicht , daß sie Gott haben ! « » Gebt uns Menschenrechte - gieb uns Menschenrechte , o Gott ! « » Sollen wir sie uns selbst nehmen ? « » Hebe Dich von mir , Versucher ! « VI. In der Fabrik » Laut läutet das Herz der Jungfrau ! Mit ihres Gebetes rauschender Harfe Begrüßt sie den Aufgang der Liebe , Des großgeaugten Sterns . « Karl Beck . Kammerjunker von Aarens erschien graziöser und eleganter als je auf Schloß Hohenthal . Vor einigen Tagen hatte ihn Elisabeth abweisen lassen - er hoffte sie heute mit ihren Eltern zu treffen und wollte sie durch unwiderstehliche Liebenswürdigkeit dafür bestrafen , daß sie sich bei seinem letzten Besuche unsichtbar gemacht , sie sollte dies bereuen . Die Gräfin Hohenthal hatte ihn empfangen , er war siegesbewußt eingetreten , sie hieß einen Diener Elisabeth rufen . Die Augen des Kammerjunkers leuchteten , er that einen Griff in die gebrannten Locken , kräuselte mit zwei Fingern den Schnurrbart , warf einen verstohlnen Blick in den Spiegel und lehnte sich selbstgefällig auf dem Sessel zurück . Da kamen Tritte - er wähnte schon Elisabeths seidnes Kleid rauschen zu hören - die Thüre öffnete sich - er sprang auf und warf sich in eine unnachahmliche Stellung - aber statt der Ersehnten trat ein Diener ein und sagte : » Das gnädige Fräulein ist vor einer Viertelstunde ausgeritten . Sie hat den Portier beauftragt , wenn nach ihr gefragt würde , da im Augenblick ihrer Entfernung die gnädige Frau Gräfin wohl noch Mittagsruhe halte , zu sagen , sie sei nach der Fabrik geritten und werde vielleicht erst in ein paar Stunden wiederkommen . « Aarens machte ein bestürztes und einfältiges Gesicht , er hatte bei dieser Enttäuschung alle Fassung verloren . Die Gräfin rang mühsam danach , die ihrige zu erhalten . » Ist meine Tochter allein ausgeritten ? « fragte sie . » Der Reitknecht hat sie begleitet - weiter war Niemand bei ihr . « » Es ist gut . « Der Diener war entlassen . » Liegt die Fabrik besonders schön , daß Ihre gnädige Fräulein Tochter dahin Ausflüge macht , noch dazu einen Ausflug von einigen Stunden ? « » Ich war niemals dort , « sagte die Gräfin ausweichend , » mir ist alles Fabrikwesen zuwider , ich habe eine , glaub ich , angeborene Abneigung dagegen . « » Diese theile ich vollkommen . Sowohl der Lärm dieser Maschinen , wie die Rohheit Aller , welche damit umgeben , ist das Abschreckendste , was ich kenne . Und nun besonders dieser Herr Felchner ! Man zeigte mir ihm neulich im Cursaal . Er kam mit vier Pferden angefahren wie ein Fürst - und aus dem Staatswagen stieg das kleine , zusammengedörrte Männchen , in dem schäbigsten grauen Anzuge , den man sich denken kann . Sein Benehmen war auch von der größten Unhöflichkeit , es war , als sage er mit jedem Blick : ich bin hier der Erste , denn ich bin der Reichste . Nein ! Es giebt nichts Entsetzlichers , als diese Geldmenschen , diese Industriekönige . « » Gewiß - « sagte die Gräfin und hätte das Thema gern auf einen andern Gegenstand gelenkt , aber Aarens war einmal im Zuge und fuhr in gleichem Tone fort : » Von seiner Tochter erzählt man die fabelhaftesten Dinge , ich selbst habe sie noch nicht gesehen , es soll ein niedliches Kind sein , welches auch fürstlich erzogen worden und erst seit Kurzem hier ist . Sie soll sich aus Ermangelung anderer Anbeter die hübschesten Fabrikarbeiter zu ihrem Umgang wählen - nicht etwa die Factoren , Buchhalter und Commis , die ihr vielleicht ebenbürtig sind , sondern Menschen der ausgeworfensten Classe , die um den niedrigsten Tagelohn arbeiten - in der That , das ist ein göttlicher Stoff zu einem Lustspiel - Seirbe sollte ihn benutzen . « » Das ist ja unmöglich , « sagte die Gräfin , » ein Mädchen von so guter Erziehung kann niemals so weit herabsteigen , und wenn sie auch von bürgerlichem Herkommen und die Tochter eines gemeinen Vaters ist . « » Eben darin liegt der größte Spas - der Vater ist in Verzweiflung über diese Aufführung seiner Tochter und bewacht sie deshalb streng - aber sie weiß ihn zu hintergehen . Wenn man nicht fürchten müßte , es wäre zu widerwärtig , müßte es eigentlich interessant sein , dies Mädchen einmal zu sehn . « Die Gräfin litt während dieser Rede unbeschreiblich , sie wollte es nicht zugestehen , daß dies Mädchen Elisabeths Freundin sei , und war doch gewiß , daß binnen Kurzem ein Zufall oder Elisabeth selbst es dem Kammerjunker verrathen würde . Die Gräfin konnte Paulinen nicht übel wollen , sie konnte nicht glauben , was Aarens von ihr erzählte , aber sie sah ungern die Freundschaft Elisabeth ' s mit diesem bürgerlichen Mädchen , welches die Tochter eines Mannes war , der ihr wie der ärgste Feind ihres Hauses erschien . Aber sie wußte , daß in dieser Sache ihren Vorstellungen Elisabeth kein Gehör gab , und dafür hatte ihr ja nun eben der gegenwärtige Augenblick einen Beweis geliefert . Der Umgang der Freundinnen hatte ihr abgebrochen geschienen seit den Differenzen zwischen dem Grafen und dem Fabrikanten - und jetzt wußte sie die Tochter auf dem Wege nach der Fabrik ! Elisabeth war noch keine Viertelstunde fort , wie sie