! ich sage nur daß jene Geselligkeit mir schwerfällig erschienen ist und höchst reizlos . Mein Verkehr war lebhafter mit den Personen zu denen ich als Herrin von Engelau in Beziehung stand . Wie das zur Zeit meines Vaters gewesen war , so richtete ich es wieder ein : an jedem Sonntag speisten meine beiden Pfarrer , mein Arzt , mein Gerichtshalter , und etwa ein oder zwei Pächter mit ihren Frauen und Töchtern bei mir . Das war kein eleganter und kein geistreicher Zirkel ; aber er war hausbacken praktisch . Ich lernte durch ihn Verhältnisse , Zustände , Ansichten und Bedürfnisse kennen , die mir sonst fremd geblieben wären - was immer ein Mangel ist ; und hauptsächlich lernte ich Theilnahme gewinnen für das Leben im kleinen Zuschnitt , an welchem man , wenn man es größer und weiter gekannt hat , so leicht wie an etwas Geringem und Kleinlichen vorübergeht - und das ist ein großer Gewinn . Man kommt durch ihn zur Erkenntniß der einzigen Gleichheit , welche zwischen den Menschen etwas Andres als ein Phantom ist : zu derjenigen , daß , welchen Platz der Mensch auf der socialen Leiter einnehmen möge , Licht und Schatten wird ihn immer umgeben , und immer werden sich Licht und Schatten ungefähr die Waage halten . Das soll nicht heißen , man dürfe nun gleichgültigen Auges auf Leid und Elend und Armseligkeit blicken . Nein , im Gegentheil ! es ist eine dringende Auffoderung , so viel an uns ist den Mangel an gleicher Vertheilung von Licht und Schatten zurecht zu rücken , damit dieser nicht jenes überwuchere - denn der Schatten wird ohnehin nimmer fehlen . Was ging mir ab um mich in diesen friedlichen Verhältnissen glücklich zu fühlen : freiwillige Beschränkung - denn ich war nicht vernünftig ! Resignation - denn ich war nicht fromm ! Ich sprach zu mir selbst : Du erfüllst Deine Pflicht , Du thust das Gute , Du suchst es in Andern zu wecken und zu fördern - warum giebt Dir das denn nicht Befriedigung ? Wo das Leben ein klarer stiller reiner Bach ist , sollte da der Durst nicht aus dessen Wassern gelöscht werden können ? - - O mit welcher heimlichen trostlosen Verzweiflung that ich mir nicht tausendmal diese und ähnliche Fragen . Ich vergaß nur daß ich meine Befriedigung nicht da suchte wo ich sie hätte finden können , weil ich fortwährend von einem idealen Glück träumte - und meinen Durst mit einem Nectartrank stillen wollte , der freilich aus meinem Bach nicht zu schöpfen war . Inzwischen lernte ich fleißig und gern - wenigstens in den beiden ersten Jahren . Da waren mir die Sachen noch fremd genug um mich durch den Reiz des Unbekannten zu locken . Geheimnißvolles Licht spielte über der untergegangenen schönen Alterthumswelt , wie über vergrabenen Schätzen blaue Flämmchen tanzen . Aber je mehr ich die Schwierigkeit des Studiums überwand , desto mehr schwand auch jener Reiz . Ja , ich las mit großem Vergnügen Homer und Sophokles ; ja , ich folgte mit tiefem Interesse der antiken Weltanschauung - allein mit dieser nämlichen , gleichsam unpersönlichen Freude , hatte ich auch Shakspeare , auch Dante gelesen . Der Horizont welcher sich um die Geschichte der Menschheit wölbte wurde weiter ; aber mein blödes Auge kehrte immer wieder zu dem eigenen zurück , den es , trotz dessen Enge , nicht überblicken lernte . - Und dann erschrack ich auch vor dem ungeheuern , titanischen Ringen des Geistes zu allen Epochen , in allen Religionen , unter allen Formen , welches - was Glück spenden und Glück genießen betrift - so geringe Resultate gehabt hat . Jeder Mensch muß sein eigenes Leben von der Wiege bis zum Sarge durchleben ; Einer wie der Andre muß die Befangenheit der Kindheit , den Rausch der Jugend , die Erkenntniß reiferer Jahre , die Hinfälligkeit des Alters willenlos erleiden , und die Freuden , Leidenschaften , Erfahrungen und Schwächen , welche mit diesen vier großen Epochen verbunden sind , willenlos annehmen . Er kann sie ein wenig modificiren und ordnen - darin besteht sein freier Wille ! - aber er kann nicht heraus aus dem Bannkreis der Natur . Wenn er Alles liest was über das Glück geschrieben ist - Alles thut was Andre gethan haben um glücklich zu sein - Alles studirt und bewundert , wodurch Andre das Glück erstrebt oder erlangt haben : so hilft das gar nichts , sobald er nicht seine volle ganze Seele mit in den Kauf giebt und daran setzt . Es ist mit dem Glück wie mit dem Reich Gottes von dem geschrieben steht : » Siehe , es ist inwendig in Euch . « Und eben darum verhilft uns die ganze majestätische Erscheinung einer vieltausendjährigen Weltgeschichte nicht dazu . Bei der Mathematik war mir nun vollends zu Muth wie dem Fisch auf dem Trocknen ! Ich , die immer auf den Grund der Dinge losging , die sich nicht abfertigen ließ mit der äußern Erscheinung sondern den Lebenspunkt in ihr suchte - ich hatte mir von der Mathematik ich weiß nicht welche Grunderkenntniß alles Daseins versprochen - ich weiß nicht welche Wissenschaft , die mir das Räthsel der Natur , den Zusammenhang zwischen dem Endlichen und Unendlichen , offenbaren würde ; - und statt dessen fand ich eine Methode , welche die Auffindung der quantitativen Verhältnisse der Dinge erleichtert . Indessen - ich hatte mir vorgenommen drei Jahr lang Mathematik zu treiben ; und ich that es - aber immer matter und matter . Hätte mein guter alter Müller nicht seine Bewunderung und Freude der ersten Zeit allmälig in Wolwollen für mich verwandelt , so vermuthe ich , daß er sich mit gänzlicher Nichtachtung von seiner ignoranten und oberflächlichen Schülerin abgewendet haben würde . Die Tage vergingen ; mit ihnen die Zeit sehr schnell , zu schnell . Ich habe nie begreifen können warum die Menschen so oft freudig sagen : Schon wieder sechs Monat vorüber !