geheirathet hatte , bedurfte der ihm hinterlassenen Summe , um sein Geschäft zu vergrößern und Compagnon seines Schwiegervaters zu werden , mithin konnte ihm gar nicht einfallen , an Unterstützung seiner Verwandten zu denken . Louis beschloß , seinen noch nicht abgelaufenen Urlaub zu einer Reise nach Wien anzuwenden , um Annen nicht nur zur Fortdauer seiner Pension und zur Entsagung ihres Antheils von der Erbschaft zu seinen Gunsten zu vermögen , sondern auch , um , wie er sich ausdrückte , seinen vornehmen Schwager zur Anleihe einer namhaften Summe » breitzuschlagen « . Er hielt sich zu all diesen Anforderungen vollkommen berechtigt : je enger die Gemüther , je größer die Ansprüche , das fehlt nie ! Anna saß nach einem ganz kleinen Diner mit Kronberg , St. Luce und noch ein Paar Herren am Kaffeetische , den sich ersterer en petit comité nicht gern nehmen ließ . Geheimnißvoll neigte sich Duguet , indem er die silbernen Kannen auf den Tisch stellte , wie zufällig etwas tiefer als nöthig , und flüsterte ihr zu , wo möglich auf einige Minuten in das Nebenzimmer zu treten . Das war noch nie geschehen ; sie erschrak und eilte unter einem Vorwande hinüber . Hier fand sie den soeben den Händen der Mauth entronnenen , mit dickem Staub bedeckten Reisenden , dem sie in ihrer Herzensfreude laut aufjauchzend in die Arme flog . Ach ! nach wenigen Minuten schon ward diese reine Freude der Schwester getrübt ! Louis war zu sehr mit dem Drange seiner eigenen Angelegenheiten beschäftigt , um andern Gedanken Raum geben zu können . Die durchaus eigennützige Absicht seines Besuchs trat sogleich in das grellste Licht . Des Vaters Tod schien als Verlust gar keinen Eindruck ihm hinterlassen zu haben , die Enttäuschung in Hinsicht auf das geerbte Vermögen sprach sich scharf aus ; Klagen über sein Geschick und die sehr bestimmte Bitte , ihm nicht nur die Pension zu lassen , sondern zu seinem Vortheil der Erbschaft ganz und gar zu entsagen , folgten einander so schnell , daß Annen kaum Zeit blieb , eine Frage oder ein erwiderndes Wort einzuschalten . Die kleine Summe , meinte Louis , sei ihr ganz gewiß entbehrlich , er sähe jetzt recht ein , wie sie mitten im Golde sitze , und auf der Post habe ihm auch schon Jemand mitgetheilt , daß sein Schwager , den er übrigens noch nie gesehen , Millionär sei . Anna fühlte sich wie betäubt von dem Allen , sie war durchaus noch zu keiner klaren Auffassung der Umstände gekommen , als unglücklicherweise Kronberg , dessen unsinniger Argwohn durch ihr ungewohntes Verlassen der Gesellschaft geweckt worden , in ' s Zimmer trat . Es folgte eine für Anna sehr schwere halbe Stunde . Der junge Unteroffizier , seit Jahren an ganz untergeordnete Kreise gewöhnt , verletzte mit jedem Worte des Grafen Eitelkeit . Abwechselnd verlegen durch die vornehme Haltung und sichtliche Ueberlegenheit desselben , und familiär mit dem Manne seiner Schwester , trug er seine Geschichte augenblicklich , ohne weitere Einleitung , auch ihm vor . Kronberg wandte sich , ihn unterbrechend , zu Annen , die ihm leid that , und bat sie an seiner Statt auf ein Paar Minuten zu den Herren hinüberzugehen , um ihre längere Abwesenheit zu entschuldigen , zugleich aber Erfrischungen für ihren Bruder zu senden , der gewiß nach der Reise derselben bedürfe . Er winkte ihr freundlich mit den Augen und versprach , daß er sie gleich wieder ablösen werde . Anna hätte natürlich lieber gesehen , daß Kronberg drüben den Wirth gemacht hätte ; es lag aber nach langer Zeit wieder einmal die edle , milde Güte in seinen Zügen , die ihn immer ihr gegenüber den Sieg davontragen ließ ; und da dem vollströmenden Redefluß des jungen Kriegers ohnehin kein Einhalt zu thun möglich schien , ergab sie sich in das Unvermeidliche und ging . Sehr anmuthig sagte sie den noch um den Kaffeetisch versammelten Freunden , daß ein lieber unerwarteter Besuch aus der Heimat sie heute um die Freude ihrer Gesellschaft bringe und sie Kronberg allein das Vergnügen , sie zu unterhalten , überlassen müsse . Sie hatte kaum den Glückwünschen und Bedauern ihrer Gäste Genüge gethan , indem sie auf einen der nächsten Tage sie wieder einlud , um sich zu entschädigen , als Kronberg wirklich schon kam , um sie zu befreien . Aber , ach ! der schöne Strahl des Wohlwollens in seinen Zügen war erloschen , und sein convulsivisch zusammengekniffener Mund , sein ganz verändertes Aussehen erschreckten sie bis in das tiefste Herz . Drüben fand sie ihren Bruder in der Aufregung des heftigsten Verdrusses . Er war im Sprechen mit Roderich immer vertraulicher geworden , hatte nicht nur die von Annen ihm zugestandene Summe jährlicher Rente erwähnt , sondern auch geäußert , er habe ihr das eigentlich viel zu hoch angeschlagen ; wenn er gewußt hätte , wie reich sie sei , wie kostbar sie wohne und wie alles um sie her von Gold strotze , so würde ihm doch sehr schwer geworden sein , sich nicht mit größeren Ansprüchen an seine Schwester zu wenden . Es sei freilich einmal die schlimme Einrichtung in dieser Welt , daß der Eine in Sammt und Seide einhergehe , während der Andere barfuß laufe ; aber Geschwister sollten doch immer an einander halten , und was ihn beträfe , er sei nur ein armer Schlucker , würde aber , wenn Noth an den Mann gekommen , nie einen Augenblick angestanden haben , mit Schwester und Schwager sein bischen Salz und Brod zu theilen . Statt Salz und Brod verzehrte er im Eifer eine kalte Rebhühnerpastete und trank starken Ungarwein und Burgunder durcheinander , die ihm Duguet zur Auswahl hingesetzt . Der ungewohnte Wein stieg ihm zu Kopfe und raubte ihm die Besinnung . So , fuhr er fort zu peroriren , sollte Anna auch denken , und wenn sie ein rechtschaffenes Herz im Leibe habe , könne sie ihre Geschwister nicht in Schulden