und das sei der herrlichste Beruf des Weibes . Ich hatte zwar kein Vertrauen zu dem Herzen meiner Tante , aber großes zu ihrer Klugheit . Was sie da sagte , kam mir verständig und gut vor , und ist es auch , wenn nur das Weib , welches sich diesem heroischen Beruf widmet , in sich klar , fest und abgeschlossen genug ist , um nicht selbst dabei herabgezogen zu werden . Ich armes , unerfahrnes Geschöpf , ohne Leidenschaft , ohne Schmerz - diesen zwei Binde- und Löseschlüsseln des Wesens - konnte das damals nicht in Ueberlegung ziehen . Ich dachte , was die ganze Welt gut und zweckmäßig finde und was einen Menschen glücklich mache , daß müsse ich thun , und ich verlobte mich mit Obernau . Wollte ich sagen , er sei mir gleichgültig oder gar zuwider gewesen , und ich sei zu dieser Partie beredet oder gezwungen : so würde ich lügen . Nein , ich war ihm recht gut , und gab ohne Widerstreben seiner Werbung Gehör . Ich wollte ja auch meine herrliche Bestimmung erfüllen und recht etwas Gott und den Menschen Wohlgefälliges vollführen . Ueberdies sah ich meine seit drei Monaten verheirathete Schwester äußerst glücklich mit einem Manne , der mir unerträglich schien ; daraus zog ich den Schluß , der grade umgekehrt richtig ist : der Mann sei am liebenswürdigsten in der Ehe - und die Anstalten zur Hochzeit wurden gemacht . » Je näher aber der Zeitpunkt kam , desto beklommener ward mir . Ich , die nie träume , die nie eine bange Vorempfindung des Gewitters spüre , wandelte umher , als solle ein quälender Traum in Erfüllung gehen oder ein Unwetter losbrechen . Wenigstens bilde ich mir ein , daß diese Schwüle , diese Schwere , diese Angst ohne Grund und ohne Namen , denjenigen heimsuchen müsse , welcher Traum und Ahnung kennt . Zu wem sollte ich reden ? die Tante liebte nicht Erörterungen der Gefühle , wenn sie Entscheidungen herbeiführen konnten , welche ihren Absichten widersprachen ; sie wies sie nie ab , doch mit schlauer Geschicklichkeit wußte sie stets sie zu vermeiden . Meine Schwester , wie gesagt , war verheirathet : das war eine unübersteigliche Scheidewand zwischen uns . Sie war jetzt die Frau eines Mannes , nicht meines Gleichen , kein Mädchen mehr ! kaum daß sie mir noch wie meine Schwester vorkam . Es giebt eine Jungfräulichkeit des innern Seins , rührender und reizender als die , welche der Myrtenkranz repräsentirt , weil sie unendlich seltner ist . Aber leider ! leider ! geht sie oft vor dieser und fast immer mit dieser verloren ! sie widersteht nicht der materiellen Genußsucht . Meine Schwester war in kurzer Zeit ganz fraulich worden , verloren in ihren Familien- und Haus-Interessen , und mit unendlichem Behagen sich darin zurecht setzend , wie der Vogel auf seinem Nest . Sie gehörte zu den weiblichen Wesen , die von der Geburt an , möchte ich sagen , Frauen sind und im Hause Wurzel fassen und Blüten treiben . Sie ist glücklich dabei geworden , weil Temperament , Sinnesart , Character mit ihrem Schicksal Hand in Hand gingen , und weil man von ihr sagen darf - was ich jedoch nie ohne einen leisen Schauder auszusprechen wage : - sie würde jeden Mann glücklich gemacht haben ; - und dies wird doch zuweilen als Lob von einem Mädchen gesagt ! Nun , ich habe es nie verdient . - » Aber an wen sollte ich mich wenden in meiner Herzensangst ? Sehr verständig , wie mir scheint , wendete ich mich an Obernau , und sagte ihm an einem schönen Abend , wo wir allein im Garten waren und die melancholische Herbstnatur mit heimziehenden Wandervögeln und herabrieselnden Blättern mich noch trauriger stimmte , daß ich ihn lieber nicht heirathen wolle . » Ein romanhafter Mädchengedanke ! « antwortete er spöttisch wegwerfend . Ich verstummte blöde , und sann acht Tage lang darüber nach , ob er nicht wirklich Recht habe . Bisweilen kam es mir auch so vor , aber als über diesem Besinnen der Hochzeitstag mir bis auf vierzehn Tage nah gerückt war , so fand ich , Obernau habe Unrecht , und abermals verkündigte ich ihm meinen Entschluß und bat ihn dringend , mir mein Wort zurückzugeben . Statt der Antwort sprach er : » Ini , Du siehst zum Küssen lieblich aus , wenn Du bittest ! ich wäre ein großer Narr , wollte ich Deinen Willen thun . « Indessen da er sah , daß ich weinte , fragte er , ob ich etwa einen Andern , etwa den und jenen , den er nannte , heirathen wolle . Zufällig waren das närrische , fade , dümmerliche Leute , und Obernaus Frage kam mir possierlich vor - oder war es nervöse Aufregung - kurz , ich brach in lautes Lachen aus , und Obernau sagte beruhigt und beruhigend : » Wenn Du keinen Andern lieber hast , so kannst Du mich mit gutem Gewissen heirathen . « Trotz dieser Versicherung war aber immer eine Stimme in mir wach , die mir zurief : thu ' es nicht ! und zum dritten Mal , doch nun unter tausend heißen Thränen und mit bangem Flehen , bat ich um meine Freiheit . Da wurde er endlich anders , er gab das spöttelnde , scherzende Wesen auf , womit er bisher meine Einwendungen zunichte gemacht , er beschwor mich , ihn nicht grenzenlos unglücklich zu machen , er liebe mich zu sehr , um von mir lassen zu können , er wolle Alles thun , Alles sein , was ich gut und recht fände , er lag zu meinen Füßen , er weinte - ich hatte in meinem Leben weder ihn noch irgend einen Mann in solcher Bewegung gesehen , es machte einen schauerlichen , gewaltigen Eindruck auf mich , ich dachte kindisch : wohlan , lieber unglücklich sein , als unglücklich machen ! - nicht