den Vorhang vor dem Allerheiligsten des Tempels , schlug eine Oeffnung in das Herz Mardochai ' s , durch die ich nur einen Augenblick lang hinabschauen konnte in die unerforschten Geheimnisse , die darin ihre stammenden Häupter träumerisch zu Boden gesenkt hielten . « » Ich kenne ein Mittel , « sagte er , » aber Sie werden sehr wahrscheinlich anstehen , es zu gebrauchen , schon deshalb , weil ein starker Glaube an die Unfehlbarkeit desselben durchaus unerläßlich ist . Sie glauben nicht mehr , da Sie wissen , darum . - « » Der Ungläubige ist mindestens abergläubig , « fiel ich ein , » und die Verzweiflung gebiert zuweilen eine Gedankenfestigkeit , die an Glauben grenzt . Sollte sie nicht dieselbe Kraft haben ? « » Gewiß , « versetzte Mardochai , » und sind Sie im Stande sich einige Tage lang mit diesem Gedanken zu tragen , so will ich Ihnen das Mittel sagen . « » Ich war es zufrieden . Der Schmerz , vielleicht weniger um meine Unschuld , als um die Entbehrung einer Sünde , die mich im Genusse den Ekel vergessen ließ , womit das bloße Leben mich sonst berührte , steigerte meine Ungläubigkeit zu wahrhaftigem Glauben . Mit Ungeduld erwartete ich den Tag , wo Mardochai als ein zweiter Schöpfer meines Ich ' s mir die verlorne Hälfte des Lebens wiedergeben wollte . Der Tag erschien , es war ein Bußtag - und indem ich dies schreibe , wüthet noch die Erinnerung daran , wie ein Tiger in allen meinen Nerven , und ich flehe Denjenigen , dessen Auge zuerst diese Bekenntnisse überfliegt , in der Angst meines ohnmächtigen Gewissens an , Gott zu bitten um ein Verhüllen der Sonne und Sterne , damit Niemand belausche die Zornröthe auf seiner reinen Stirn , und ist er selbst ein Frevler , die Schamgluth , die purpurn fällt über sein Angesicht ! Mardochai trat in mein Zimmer , zum ersten Male in der Tracht des Orients , als Jude , als Hoherpriester seiner Brüder . Ihm folgten Casimir , in einem langen Mantel , unter dem er ein Harlekinskleid trug . Der Dritte war Friedrich mit seiner Geige . - Ich war verwundert über diesen Aufzug und verlangte den Grund davon zu wissen . Sind Sie bereit ? fragte der Jude . Ich bejahte dies . Dann kommen Sie mit uns . Unterwegs sollen Sie erfahren , was zu Ihrer Gesundheit dient . Dämmerung umhüllte schon das Thal , als wir die Stadt verließen . Mardochai führte mich die Allee hinaus nach Poppelsdorf . Um das Kirchlein des Kreuzberges flogen die Funken der niedergehenden Sonne , wie brennende Rosenblätter aus dem Brautkranz der Natur . Casimir und Friedrich gingen uns voran , ich folgte mit Mardochai in einiger Entfernung . Lieber Gleichmuth , hob der Jude an , im Fall Sie nicht der starke Geist sind , den ich immer in Ihnen zu erblicken glaubte und der mich so fest an sich kettete , daß ich selbst Liebe und Freundschaft Ihnen gegenüber fühle ; so muß ich bitten , abzustehen von dem , was ich verlange und sich in Ihr Schicksal zu ergeben . Es trägt unser jetzt durch Noth gebotenes Handeln den Schein der Sünde , doch , ruhig betrachtet , es ist keine , überhaupt nichts , als ein Hingeben an die Natur , die ja etwas Anderes nie verlangt , diese aber stets fordert . Es ist nöthig , Gleichmuth , daß Sie jetzt einmal den Glauben und die Natur des Glaubens lieben , wie Sie die Schönheit umarmt und an ihren Brüsten der Natur einen zu reichen Zoll gegeben haben . Wie soll ich dies verstehen ? fragte ich meinen Begleiter . Einfach und mystisch zugleich , wenn Sie wollen , fuhr der Jude fort . Durch Sympathie heilt die Natur leichter und sicherer Uebel , die von einer Art Sympathie erzeugt wurden , als durch andere künstliche Mittel . Diese Heilung will ich an Ihnen versuchen und sie wird gelingen , wenn Sie Glauben haben . Wahrlich den Hab ' ich ! rief ich betheuernd aus . Nur schnell gesagt , wodurch mir geholfen wird ! Ruhe ist auch beim Glauben zu empfehlen , fiel Mardochai ein . Sobald wir an Ort und Stelle sind , werden Sie das Uebrige erfahren . Unter zitterndem Bangen erreichte ich Poppelsdorf . Mit der Last einer einstürzenden Welt auf dem Herzen erstieg ich an Mardochai ' s Hand den Kreuzberg . In der Kirche hatte die letzte Messe begonnen , viele Menschen lagen vor der Kirchthür auf den Knien . Andacht senkte ihren Fittig schützend über den Tempel und die dämmernde Natur . Wir sind zur Stelle , sprach Mardochai . Er rief Casimir herbei und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr . Der grauenhaft-geniale Mensch lachte und ging in die Kirche . Der Jude setzte sich an die Erde neben die heilige Treppe , die nahe der Kirche liegt und von welcher der letzte Gläubige auf den Knien herabstieg . Aus der Kirche hallte dumpf das Benedicite ! das Dominus vobiscum ! Der ganze tönende Stolz der Messe zog im Echo vorüber an meinen umdüsterten Sinnen . - Ich hörte Casimir zurückkommen , er lachte und warf einige jener colossalen Gedanken bedachtlos in die warme Abendluft , wie sie ihm nun einmal zur Natur geworden waren . Unterdeß trug Mardochai in kalten , skeptischen Reden mir die Notwendigkeit gewisser Lebensversuchungen vor , und wußte seine Gedanken dabei doch in eine so fromme Mystik zu hüllen , daß ich momentan sogar die Ueberzeugung gewann , mein geheimnißvoller Freund und Rathgeber sei , wann nicht längst schon Christ , doch nahe daran , es zu werden . Lauschend seinen mild erwärmenden Worten , ergab mein selbstständiges Denken sich dem Willen meines Begleiters . Ehe ich es noch ahnte , hatte Mardochai docirend , erzählend , Mährchen dichtend , oft seine Seele in schluchzender Wehmuth auszittern lassend , mein ganzes Wesen auch so