Himmel , seit funfzig bis sechszig Jahren ist selbst im Stalle oder bei unsern Viehhirten jene liberale Sentenz nicht gehört worden , die der Herr Baron im Rittersaal , in Gegenwart der vornehmsten Damen , sich zu erlauben beliebten . Ich habe es oftmals bedenket und nachher auch bedacht und bin endlich überzeugt worden daß wir höchst traurigen Zeiten und Begebenheiten entgegengehen . Aber , was hilft ' s ? Der Himmel lenkt am Ende doch alles selbst mit eigner Hand . « Der Alte , gleich allen Dienern des Hauses , hatte großes Vertrauen : zu Leonhard , und deshalb hatte er sich auch während seiner langen Rede zu ihm gesetzt , was Leonhard sich schon vorlängst als ein Zeichen des Wohlwollens vom Alten erbeten hatte . » Ja « , fuhr er jetzt fort , » können Sie durch Ihren Einfluß unsern jungen Baron dahin stimmen , daß dergleichen nicht wieder geschieht , daß er von solchem neumodigen Treiben abläßt , so werden Sie sich einen Gotteslohn um ihn und uns alle verdienen . Er ist gut , aber er hat zu wenig vom seligen Herrn . Zwar wurden vor vielen vielen Jahren auch hier im Schloß einige kleine Proverbes gespielt , Hausherr und Gemahlin spielten auch selbst mit ; das war aber alles so fein und manierlich , daß es eine Lust war mit anzusehen , ja daß es beinahe zu einer Erbauung gereichen konnte . Ich habe es vielfach durchdenket und auch durchdacht , daß es ein großes Unglück für die Weltgeschichte ist , daß es in den damaligen Zuständen und Verfassungen nicht hat bleiben können ; das war alles sicher und begründet ; Sitten , Feste , Religion , Adel , Bürger , Handwerker , alles , was man nur nennen kann , hing , wie in einer gutgeordneten Bildergalerie , jedes in seinem schönen festen Rahmen ; zu jeder Gesinnung gab es im Katalog gleich Nummer und Erklärung . Aber jetzt ist die ganze Galerie durcheinandergeworfen , die Rahmen sind abgerissen , viele Bilder stehen auf dem Kopf , die besten sind umgekehrt an die Wand gelehnt , daß kein Mensch sie finden kann , und der Dummkopf und rohe ungebildete Mensch läßt sich nun von den Meisterwerken nicht mehr imponieren , er weiß sie nicht zu achten , weil die glänzenden Rahmen fehlen , und alles wie Kraut und Rüben durcheinanderliegt . « Leonhard ergötzte sich an diesem Geschwätz , und , um den Alten noch näher kennenzulernen , sagte er jetzt » Lieber Herr Haushofmeister , schon neulich wollte ich Sie darum befragen , aber wir wurden gestört - was machen Sie für einen Unterschied , wenn Sie sagen : Ich habe es gedenket und gedacht ? « » Haben Sie das bemerkt ? « sagte der Alte schmunzelnd und mit dem Ausdruck der liebenswürdigsten Freundlichkeit . » Werter Herr Professor , ich bin kein Gelehrter , Schriftsteller oder Sprachforscher , aber ich habe denn doch auch , wie der beste , meine eigenen Grillen und mir auf meinem Wege so manches herausgegrübelt . Wir gehen mit unserer lieben deutschen Sprache barbarisch um , machen nirgend Unterschiede , oder unterdrücken sie gar da , wo sie sich schon finden . Bedenken , Erdenken , Denken und bedenklich hängt genau zusammen ; die Sache ist noch nicht fertig , und darum sage ich : Ich bedenkete , es ist bedenket . Aber wenn es nun fertig ist und unwiderruflich , dann heißt es : Es ist bedacht . Merken Sie wohl ? Fertig ist es , und ein Dach darüber gegen Sturm und Regen , nun kann es nicht wieder verdorben werden . Ein Gedachtes , Bedachtes kann niemals wieder etwas Bedenkliches werden . So ist es auch mit unsern Reimen . Sie würden uns niemals wohlgefallen , die ganze Dichterei hätte sich niemals auf diesen Widerton und den angenehmen Gleichlaut begründen können , wenn nicht ein geheimer Zusammenhang in Klang und Gedank wäre , so wie in Ranken , Schwanken , Danken , Wanken , Gedanken , Erkranken , Sanken , Banken . « Leonhard lächelte und sagte : » Auch Gestank und Gedank reimt . « » Richtig « , fuhr der Alte fort , ohne sich irremachen zu lassen : » es läßt sich auch oft mit Gedanken so lange hantieren und wirrwarren , bis das an sich Richtige endlich zum Widerwärtigen ausschlägt . Das erleben wir ja alle Tage . « Leonhard war über den kleinen alten Mann in Verwunderung , dem er so viel Eigenheit und seltsame Philosophie nicht zugetraut hatte . Der Kammerdiener erriet seine Gedanken und sagte sehr freundlich , indem er in sein runzelvolles Gesicht noch mehr Falten hineinzog : » Ja , mein junger Herr Professor , wir haben so unser eigenes Wesen und mancherlei Vorstellungen . Man kann das Denken nicht immer unterlassen , wenn man auch sonst kein Wohlgefallen daran hat . Man ist oft allein , man ist krank , und Krankheit ist der allerbeste Schulmeister und auch so geduldig und so unermüdlich . Von jungen Leuten habe ich wohl manchmal gehört , wenn sie so die eigentliche Schulphilosophie studierten : Ja , unser Meister , sein Werk , sein System klärt uns doch über alles auf , über das ganze Leben , und es kann nichts vorkommen , was uns nach diesem herrlichen System nicht durchaus verständlich wäre . - Wissen Sie , wie mir das vorgekommen ist ? - Sehen Sie einmal die hübsche Fußdecke an , hier die vielen Vierecke , Rosetten , Bogen , Punkte ; wenn man so nachdenklich sitzt , so kann man sich alle diese Figuren bald in größere , bald in kleinere Verbindungen und Verhältnisse setzen . Nun mache ich ein Dreieck , jetzt ein Viereck , ein Achteck , einen Kreis , oder was ich will . Auch kreuzweis , rechts , links , oben , unten kann meine Phantasie eine regelmäßige Gestaltung herausschneiden , und immer paßt alles , und immer