seine Haltung gemäßigter wurde . Er kehrte endlich zu dem seiner mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurück , und das bleiche , mit kaltem Schweiße bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte selbst diesen , der ihm feindlich gegenüber stand . Herr Graf , sagte St. Julien mit tonloser Stimme , Sie haben vermuthlich erwartet , daß nach den Mittheilungen , die Sie mir gemacht haben , kein Wort weiter zwischen uns nöthig sei , als die Bestimmung des Orts , wo wir uns beide noch ein Mal treffen , und den nur Einer lebend verläßt , und ich gestehe , daß mir dieß selbst ganz natürlich vorkommen würde ; da aber auch ich nicht bloß mich zu berücksichtigen habe , so muß auch von meiner Seite eine Erklärung vorangehen . Er erzählte ihm nun , wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein Haus genommen habe . Die Erinnerung , wie zart und edel er von der ganzen Familie behandelt worden war , füllte wieder seine Seele und löste die Bande , mit denen Haß und Wuth sein Herz umschnürt hatten . Mit weniger Empfindung erwähnte er , wie das Wohlwollen des Grafen für ihn täglich zugenommen habe und wie in seiner Seele die dankbare Verehrung täglich gewachsen sei . Dieß sind die Bande , rief er , die mich an dieß Haus fesseln ; dieß sind die Gefühle , die ewig unauslöschlich in meiner Seele ruhen , und wahrlich , setzte er hinzu , heute fühle ich , daß ich der Liebe des Grafen nicht unwerth bin , da das Gefühl der Dankbarkeit mich bestimmt , so unerhörte Beleidigungen nicht sogleich auf die einzige Art , die hier unter Männern von Ehre denkbar ist , zu rächen . Da die lächerliche Verläumdung dem Grafen bekannt wurde , fuhr er fort , daß man mich als einen Kundschafter darstellen wollte , den er in seinem Hause hielte , um Frankreich zu dienen , so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab , sein Haus nicht ohne seinen Willen zu verlassen , damit er mich vor die Behörde stellen kann , die sein König ernennen mag , um diesen Flecken von dem Namen des besten der Menschen zu vertilgen ; und Sie sehen also , sagte er bitter lächelnd , daß , wenn ich auch so feig sein wollte , mich Ihren Wünschen zu fügen , ich dieß nur mit dem Willen Ihres Oheims thun könnte . Was sein Vermögen betrifft , so kann ich nicht beurtheilen , in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt ; ich weiß nur , daß er den edelsten Gebrauch davon macht . Ihre Befürchtung aber , daß ich mich als sein Erbe eindrängen wolle , ist völlig grundlos . Ich habe selbst Anspruch auf ein großes Vermögen , und die Summen , die ich von dem Grafen als Darlehn empfangen habe , sind in Beziehung auf sein , wie auf mein Vermögen unbedeutend , und da ich täglich Briefe aus meiner Heimat erwarte , die mich in den Stand setzen werden , meine Verpflichtung zu lösen , so mag die Rückzahlung alsdann durch Ihre Hände gehen , um Sie völlig zu beruhigen . Alles dieß habe ich gesagt , schloß St. Julien , um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten , wenn mich ein unglückliches Schicksal zwingen sollte , seinen Verwandten beinah unter seinen Augen zu tödten , oder wenn er über die Leiche eines Freundes trauern muß , dem er seine Liebe geschenkt hat ; und jetzt , Herr Graf , erwarte ich , welche Genugthuung Sie mir nach der mir zugefügten Beleidigung anbieten werden . St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Gepräge der Wahrheit , und unangenehme Gefühle kämpften in der Seele des jungen Grafen . Er mußte sich gestehen , so schmerzlich ihm dieß als Sohn auch wurde , daß nicht immer die edelsten Beweggründe seinen Vater leiteteten , er konnte es nicht abläugnen , daß er nicht immer der Wahrheit treu blieb , um seinen Zweck zu erreichen , und doch hatte er keine andern Beweise für alle seine Anschuldigungen , als die Worte eben dieses Vaters ; er erinnerte sich , daß ihm dieser selbst jedes offene , gewaltsame Unternehmen dringend widerrathen und von ihm begehrt hatte , er solle zu Falschheiten und Verläumdungen sich herablassen , die sein ganzes Herz verabscheute ; ja er mußte es sich bekennen , daß der Inhalt aller Aufträge seines Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei , als auf jeden Fall eine Summe Geldes von seinem Verwandten zu erhalten , um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden . Diese Betrachtungen drängten sich ihm auf , und er fühlte lebhaft das Unschickliche und Unwürdige seines Betragens , und die Verlegenheit , die dieß in ihm erregte , erhöhte seinen Unmuth über sich selbst . Endlich , da er die Nothwendigkeit fühlte , eine Antwort zu geben , sagte er : Ich kann nicht läugnen , daß ich mich übereilt und auf zu wenig begründete Angaben Ihren Charakter falsch beurtheilt zu haben glaube ; unsere Bekanntschaft ist zu neu , als daß ich Sie möchte in meinem Herzen lesen lassen , wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung meines Betragens fänden ; ich muß es mir also gefallen lassen , wie Sie auch immer meinen Charakter beurtheilen mögen ; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht geben muß , daß es eine unglückliche Nothwendigkeit wäre , wenn einer von uns beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müßte , und meine unbesonnene Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat , so bitte ich Sie dieser Rede wegen um Verzeihung , hier unter vier Augen , setzte er nachdrücklich hinzu ; und wenn Sie mit dieser Genugthuung zufrieden sind , so gewähren Sie eben so einsam die Verzeihung , wie Sie die Beleidigung empfingen . Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden , sagte St. Julien , und aus freiem Antriebe sage ich Ihnen noch , daß ich selbst es betreiben