. Um ihr Herz zu erleichtern , nahm sie die Feder und schrieb an jene menschenkennende Freundin , indem sie nach einem geschichtlichen Eingang also fortfuhr . » Die Art dieser jungen , verführerischen Witwe ist mir nicht unbekannt ; weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau um sich zu leiden , die ihr keinen Eintrag tut , ihr schmeichelt und , wenn ihre stummen Vorzüge sich nicht klar genug dartäten , sie noch mit Worten und geschickter Behandlung der Aufmerksamkeit zu empfehlen weiß . Zuschauer , Teilnehmer an einer solchen Repräsentation müssen Männer sein , daher entsteht die Notwendigkeit , sie anzuziehen , sie festzuhalten . Ich denke nichts Übles von der schönen Frau , sie scheint anständig und behutsam genug , aber eine solche lüsterne Eitelkeit opfert den Umständen auch wohl etwas auf , und , was ich für das Schlimmste halte : nicht alles ist reflektiert und vorsätzlich , ein gewisses glückliches Naturell leitet und beschützt sie , und nichts ist gefährlicher an so einer gebornen Kokette als eine aus der Unschuld entspringende Verwegenheit . « Der Major , nunmehr auf den Gütern angelangt , widmete Tag und Stunde der Besichtigung und Untersuchung . Er fand sich in dem Falle , zu bemerken , daß ein richtiger , wohlgefaßter Hauptgedanke in der Ausführung mannigfaltigen Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler Zufälligkeiten unterworfen ist , in dem Grade , daß der erste Begriff beinahe verschwindet und für Augenblicke ganz und gar unterzugehen scheint , bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die Möglichkeit eines Gelingens sich wieder darstellt , wenn wir die Zeit als den besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten sehen . Und so wäre denn auch hier der traurige Anblick schöner , ansehnlicher , vernachlässigter , mißbrauchter Besitzungen zu einem trostlosen Zustande geworden , hätte man nicht durch das verständige Bemerken einsichtiger Ökonomen zugleich vorausgesehen , daß eine Reihe von Jahren , mit Verstand und Redlichkeit benutzt , hinreichend sein werde , das Abgestorbene zu beleben und das Stockende in Umtrieb zu versetzen , um zuletzt durch Ordnung und Tätigkeit seinen Zweck zu erreichen . Der behagliche Obermarschall war angelangt , und zwar mit einem ernsten Advokaten , doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als jener , der zu den Menschen gehörte , die keine Zwecke haben oder , wenn sie einen vor sich sehen , die Mittel dazu ablehnen . Ein täglich- und stündliches Behagen war ihm das unerläßliche Bedürfnis seines Lebens . Nach langem Zaudern ward es ihm endlich Ernst , seine Gläubiger loszuwerden , die Güterlast abzuschütteln , die Unordnung seines Hauswesens in Regel zu setzen , eines anständigen , gesicherten Einkommens ohne Sorge zu genießen , dagegen aber auch nicht das geringste von den bisherigen Bräuchlichkeiten fahren zu lassen . Im ganzen gestand er alles ein , was die Geschwister in den ungetrübten Besitz der Güter , besonders auch des Hauptgutes , setzen sollte , aber auf einen gewissen benachbarten Pavillon , in welchem er alle Jahr auf seinen Geburtstag die ältesten Freunde und die neusten Bekannten einlud , ferner auf den daran gelegenen Ziergarten , der solchen mit dem Hauptgebäude verband , wollte er die Ansprüche nicht völlig aufgeben . Die Meublen alle sollten in dem Lusthause bleiben , die Kupferstiche an den Wänden sowie auch die Früchte der Spaliere ihm versichert werden . Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten Sorten , Birnen und Äpfel , groß und schmackhaft , besonders aber eine gewisse Sorte grauer , kleiner Äpfel , die er seit vielen Jahren der Fürstin Witwe zu verehren gewohnt war , sollten ihm treulich geliefert sein . Hieran schlossen sich noch andere Bedingungen , wenig bedeutend , aber dem Hausherrn , Pächtern , Verwaltern , Gärtnern ungemein beschwerlich . Der Obermarschall war übrigens von dem besten Humor ; denn da er den Gedanken nicht fahren ließ , daß alles nach seinen Wünschen , wie es ihm sein leichtes Temperament vorgespiegelt hatte , sich endlich einrichten würde , so sorgte er für eine gute Tafel , machte sich einige Stunden auf einer mühelosen Jagd die nötige Bewegung , erzählte Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste Gesicht ; auch schied er auf gleiche Weise , dankte dem Major zum schönsten , daß er so brüderlich verfahren , verlangte noch etwas Geld , ließ die kleinen vorrätigen grauen Goldäpfel , welche dieses Jahr besonders wohl geraten waren , sorgfältig einpacken und fuhr mit diesem Schatz , den er als eine willkommene Verehrung der Fürstin zu überreichen gedachte , nach ihrem Witwensitz , wo er denn auch gnädig und freundlich empfangen ward . Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefühlen zurück und wäre an den Verschränkungen , die er vor sich fand , fast verzweifelt , wäre ihm nicht das Gefühl zu Hülfe gekommen , das einen tätigen Mann freudig aufrichtet , wenn er das Verworrene zu lösen , als entworren vor sich zu sehen hoffen darf . Glücklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann , der , weil er sonst viel zu tun hatte , diese Angelegenheit bald beendigte . Ebenso glücklich schlug sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu , der gegen mäßige Bedingungen in dem Geschäft mitzuwirken versprach , wodurch man einem gedeihlichen Abschluß entgegensehen durfte . So angenehm aber auch dieses war , so fühlte doch der Major als ein rechtlicher Mann im Hin- und Widerwirken bei dieser Angelegenheit , es bedürfe gar manches Unreinen , um ins Reine zu kommen . Bei einer Pause des Geschäfts , die ihm einige Freiheit ließ , eilte er auf sein Gut , wo er , des Versprechens eingedenk , das er an die schöne Witwe getan und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war , seine Gedichte vorsuchte , die in guter Ordnung verwahrt lagen ; zu gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk- und Erinnerungsbücher , Auszüge beim Lesen alter und neuer Schriftsteller enthaltend , wieder zur Hand . Bei seiner Vorliebe für Horaz und die römischen Dichter war das