ein verletzendes Wort entfällt , und ich würde mir es nicht verzeihen , Sie gekränkt zu haben . Lassen Sie uns daher nicht weiter über einen Gegenstand reden , der mir fremd bleiben soll , fremd bleiben muß . Zum erstenmal sah Luise Thränen in der Baronin Auge . Sie suchte sie zu verbergen , konnte sich dennoch einer großen Rührung nicht erwähren , als sie Luisen umarmte , und nun so allein und verlassen zu dem geräumigen Wagen ging , und den leergebliebenen Platz neben sich betrachtete . Stein konnte lange das Bild der gedemüthigten , schwer gekränkten Mutter nicht los werden . Er kämpfte mit sich , ob er ihr nicht nacheilen , und ihr wenigstens seinen Beistand zusichern solle . Allein er fühlte bald , daß er sich in nichts einlassen dürfe , und nur eilen müsse , sich der nachtheiligen Erinnerungen zu entschlagen . Der Obrist trat bald darauf hinein , wodurch das Gespräch auf ' s neue auf die unerklärliche Begebenheit dieser Nacht gelenkt ward . Roll hatte die Geschichte , welche er von den Leuten der Baronin sehr zeitig erfuhr , mit großer Geschäftigkeit herumgetragen , und hinzugesetzt , die Familie sei gesonnen , Augusten , als Urheberin des Complots , öffentlich zu zitiren . Unbegreiflich , setzte der Obrist hinzu , sei es jedermann , welches Augustens Theilnahme an dieser Sache sei , die völlig ihrer Art zu denken widerspräche . Ein Mißverständniß , erwiederte Luise , kann ihr allein nur ein so böses Spiel bereitet , und sie unwillkührlich fortgezogen haben . Freilich , fügte sie hinzu , wird es ihr schwer sein , wieder einzulenken , da es so weit gekommen ist . Es ist überall mißlich mit dem Einlenken , erwiederte Stein . Wenn man die Nothwendigkeit davon einsieht , sagte Luise , muß es dennoch geschehn . Was ist aber so absolut nothwendig , fragte jener ? Das Würdige allein , erwiederte sie , was jedem auf seine Weise zu thun geziemt . Sagen Sie mir , beginnt das Verhängniß eines Menschen erst mit seiner Geburt ? oder ist es nicht vielmehr in einer Reihe vor und nach ihm lebender Wesen begründet , mit denen es sich in die Unendlichkeit fortschlingt ? Gewiß , sagte der Obrist , der Punkt , auf dem ein jeder von uns steht , ist kein zufälliger , sondern durch die Natur seines und des Daseins aller genau bestimmt . Und ein Schritt über oder unter diesen Punkt , fiel Luise schnell ein , verwirrt uns und andre . Und ist es denn nun nicht die höchste Freiheit , wenn wir uns mit Besonnenheit , und dadurch aus eigner Wahl dahin stellen , wohin uns unentgehbare Ereignisse , nach einem zerrissenen , verpfuschten Leben , zurückwerfen ? Der Obrist betrachtete sie forschend , während sie einen Augenblick gedankenvoll in sich zurücksah . Was gewinnen wir , fuhr sie nach einer Weile fort , wenn wir uns so viel und mancherlei überreden , und einen Wahn pflegen , den wir zuletzt mit aller Anstrengung nicht festhalten können ; was bleibt uns anders , als ein wehmüthiger Blick auf ein verfehltes Streben ? Ja wohl , ja wohl ! sagte Stein erschüttert . Dennoch greifen die Elemente unsers Daseins oft so wunderbar in einer Brust zusammen , und mischen und gestalten sich so verschieden , daß ihr Wesen nicht immer sogleich zu verstehn ist . Deshalb tadle Niemand die stillen Kämpfe eines vielfach gestörten Gemüthes , ehe es durch sich selbst erfährt , was es kann und soll . Er reichte beiden die Hand , und verließ in großer Bewegung das Zimmer . Muß ich meinem Gefühle trauen , Luise , fragte der Obrist , habe ich sie verstanden ? Niemand , erwiederte sie , kann weniger in Zweifel über mich sein , als Sie . Ja , Sie verstanden mich gewiß . Ach ! Sie fühlen es auch , ich darf nicht glücklich sein wollen . Und ich ? fragte er . - Sie werden es nicht bereuen , entgegnete sie , eine Freundin gesucht und gefunden zu haben . Glauben Sie mir , wir waren einander nie näher , als in diesem Augenblick , wo ich Ihnen aus voller Ueberzeugung sage , daß ich meinen Weg allein gehn muß . Mein edler Freund , es muß , gewiß , es muß so sein ! Das ist es nun also , sagte er sinnend . Es lag dunkel in meiner Seele . Nun ist es ausgesprochen . Ja , Sie haben Recht , es muß so sein . Wie wunderbar , daß uns die Wahrheit so nahe liegt , ohne daß wir sie sehen mögen ! Und gleichwohl ist es schön , daß uns ihr unerwartetes Erscheinen jetzt nicht erschreckt . Nein , Sie sollen mich nicht kleiner sehen , als Sie es erwarteten . Ihr Muth , der nicht Leichtsinn ist und nicht Verzweiflung , hebt mich zu Ihnen hinauf . Und wer muß denn nicht am Ende die liebsten Wünsche unter die Trümmer seiner Hoffnungen begraben ? Aber wenn Sie nun so alles von sich gedrängt haben , Liebe , und jeden freudigen Genuß des vielfach gestalteten Lebens , was erwarten Sie denn noch von diesem Leben ? Innre Stille - erwiederte Luise . - Und erschrecken Sie nicht vor dieser Grabesstille ? fragte er , sie mitleidsvoll betrachtend . Luise , wenn Sie sich täuschten , wenn Sie so um so sichrer Ihre Bestimmung verfehlen . - Lieber Freund , unterbrach sie ihn , die ist verfehlt , und kann nur auf dem umgekehrten Wege wieder errungen werden . In dem Leben der Frauen muß alles den einfachsten , ruhigsten Gang gehen . Weder große Kämpfe noch heftige Leidenschaften dürfen es verwirren , sonst geht die Richtung verloren , die in scheinbarer Beschränktheit das Herrlichste erzielt . Wie die Gestirne ihre abgeschloßnen Bahnen still vollenden , so muß der Kreislauf weiblicher Wirksamkeit nach einem ewigen Gesetz gleichmäßig fortlaufen , die innre ,