erträglich . Ich lernte hier unter diesen einfachen Menschen einsehen , wie wenig die Natur bedarf , wie viele Lasten uns unsre Bedürfnisse auferlegt haben , und in der Denkungsart und Behandlung unsrer Gebieter fanden wir Trost und Erleichterung . Ach , meine Liebe ! wir schelten diese Menschen Barbaren , und ich habe Tugenden und Gefühle unter ihnen angetroffen , die wir in der gebildeten Welt bald nur dem Namen nach kennen werden . Ihre Sitten sind rauh , aber einfach , ihre Gefühle heftig , aber wahr , und in diesen starken unverdorbenen Gemüthern ist Großmuth , Treue , Aufopferung und Liebe bis zum Tod keine bewundernswürdige Seltenheit . Ihre meisten Fehler sind Folgen ihres einsamen Zustandes , ihres Mangels an Beschäftigung . Die Frauen besorgen den Haushalt , der Männer einziger Beruf ist Jagd und Krieg , und in den vielen müßigen Stunden , die diese Lebensart mit sich bringt , verfällt der Geist , der doch immer thätig seyn will , auf gefährlichen niedrigen Zeitvertreib . Spiel und Trunk füllen diese Stunden aus , und da in diesen großen kräftigen Gemüthern jede Neigung bald zur Leidenschaft wird , so fallen hierdurch oft schreckliche empörende Auftritte vor . Das sind aber auch die einzigen Laster , die wir ihnen mit Recht vorwerfen können . Sonst beschämen sie uns in den meisten Tugenden , und wahrlich , die Frauen hätten vor Allem Ursache , die Sitten dieser sogenannten Wilden zu preisen . Ihre Weiber sind nicht , wie beinahe im ganzen Orient , Sclavinnen der Männer , oder höchstens ein Spielwerk , mit dem sie tändeln , so lange es ihren Augen gefällt . Die Frau des gothischen Kriegers ist seine Freundin , seine erste Vertraute , die Theilnehmerin aller seiner Entschlüsse , oft seine Begleiterin in der Schlacht . Dort darf sie hinter dem Treffen seiner harren , sie verbindet seine Wunden , sie trocknet den Schweiß von seiner Heldenstirn , sie theilt seinen Ruhm , oder stirbt mit ihm , wenn er fällt , um seinen Verlust und ihre Freiheit nicht zu überleben . Ach wie oft habe ich mir in jenen ängstlich schönen Zeiten , als das Heer bei Edessa und Nisibis stand , ein solches Verhältniß geträumet , ohne zu ahnen , daß es schon wirklich irgendwo vorhanden sey ! Wenn ich damals mit gedurft hätte - wenn ich ihn hätte begleiten , seine Lanze tragen , meine Brust zu seinem Schilde machen , sein Blut mit meinem Schleier stillen dürfen - ich würde nicht gezittert haben , alle weibliche Furchtsamkeit wäre vor dem Gedanken entwichen , bei ihm zu seyn , und ihn zu schützen . Eitle Wünsche ! Damals gebot die Pflicht - und jetzt - - Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen . Die Güte , womit wir behandelt wurden , die Strenge und Reinheit der Sitten , in Absicht auf den Umgang der beiden Geschlechter , die ich unter diesem Volke herrschend sah , und vor Allem Gisella ' s Empfindungen gegen Evadne , die durch die fortgesetzte Täuschung immer lebhafter wurden , bewogen mich , der Mutter unser Geheimniß zu offenbaren , und ihr zu sagen , daß wir Frauen wären . Man nahm diese Entdeckung mit Erstaunen , aber ohne Widerwillen auf , und die Sorgfalt , die man von dem Augenblicke an für unsere strenge Absonderung von den männlichen Bewohnern des Hauses , und für angemeßne Kleidung trug , zeigte mir , wie zweckmäßig dieser Schritt war , und wie wenig wir in dieser Hinsicht zu fürchten hatten . Ich lebte nun ziemlich ruhig , aber in tiefer Schwermuth fort . Die Trennung von allen meinen Lieben , die mannigfaltigen Beschwerden meiner Lage , und die wenige Hoffnung auf eine Aenderung beugten mich tief . So verging der Winter , dessen Macht ich hier erst mit Schrecken und mit körperlichem Schmerz kennen lernte , als ich den tiefen Schnee die ganze Gegend unwegsam machen , und die großen breiten Ströme , von Eis gefesselt , starr und still stehen sah . Indessen fand mein Gemüth auch in diesen rauhen Tagen eine Beschäftigung , an der es mit Liebe und Zufriedenheit hing . Ich lehrte meine Hausgenossinnen allerlei Arbeiten , Vortheile und Annehmlichkeiten des Lebens und Haushalts kennen , ich und Evadne wurden ihre Meisterinnen , und bald sah ich die unwiderstehliche Macht der höheren Bildung über rohe aber unverdorbene Gemüther . Wir bekamen immer mehr Schülerinnen aus den benachbarten Hütten . Sie , die befehlen konnten , horchten begierig auf unsern Unterricht , sie ehrten uns wie bessere Wesen , und hätten sich unsere Befehle gefallen lassen , wenn der Wunsch zu gebieten in meiner oder Evadnens Brust gelegen hätte . Aber wenn ich auch ihren Gehorsam nicht verlangte , so war es mir doch ein süßes Gefühl , Gutes unter ihnen verbreitet , und schönen Saamen ausgestreut zu haben , der noch in später Zukunft Früchte tragen könnte . Du wirst es mir für keine Eitelkeit auslegen , wenn ich dir sage , daß uns mehr als ein Antrag von gothischen Jünglingen , ja von einigen ihrer ersten Heerführer gemacht wurde . Eben so leicht wirst du mir auch glauben , daß es mich weder Ueberwindung noch Ueberlegung kostete , sie auszuschlagen . Bei Evadnen , deren freies Herz sie nicht nach dem Vaterland zurückzog , deren Stand ihr manche Härte ihrer jetzigen Lage erträglicher machte als mir , gelang es dem edlen tapfern Kattwald besser . Er ist Fritigers Neffe , und wahrlich , ich habe wenig schönere Männer gesehen , als diesen hohen , beinahe riesenmäßig gebauten Jüngling , mit seinen dunkelblauen Augen und seinem goldnen Gelocke . Er warb um sie , und sie gab ihm nach der Neigung ihres Herzens , nach dem Rath der Familie , und nach meinem eignen ihre Hand . Jetzt war der Frühling gekommen , der tiefe Schnee und das Eis der Flüsse schmolz zu einem unendlichen Gewässer , das fürchterliche Verheerungen in der Gegend anrichtete