... Er schleuderte nur seinen Bannstrahl über Deutschland und Bonaventura ... Dann fragte er wiederholt nach Lucinden ... Er wußte , daß sie dem Cardinal nahe stand und Aussicht hatte , Gräfin Sarzana zu werden ... Nach den Berichten der kirchlichen Fanatiker Deutschlands nannte er sie eine Hocherleuchtete , der sich nur die eine Schwäche nachsagen ließe , für jenen Bischof von Robillante eine unerwiderte Liebe im Herzen getragen zu haben ... Die Herzogin nahm ihm nichts von allen diesen Vorstellungen ... Sie sah , dem Großpönitentiar lag das Leben aller Menschen aufgedeckt ... Er fragte wiederholt , was die Herzogin über Donna Lucinde wisse und ob sie gut mit ihr stünde ... Die Herzogin sah , daß Fefelotti bei Ceccone eine Spionin suchte ... Vielleicht fand er sie in Lucinden ... Sie hütete sich , Lucinden nach ihrer Auffassung und eigenen Erfahrung zu charakterisiren ... Eine Vermittelung dieser Bekanntschaft durfte sie aus nahe liegenden Gründen - um Ceccone ' s willen - ablehnen ... Es war schon halb elf Uhr , als der Cardinal sich endlich erhob ... Er hatte ein paar angenehme , höchst trauliche , für ihn mannichfach anregende Stunden verbracht ... Er hatte sich schnell wieder in den römischen Dingen orientirt ... Er versprach wiederzukommen ... Dann küßte er der Herzogin mit aller Galanterie die Hand , sagte ihr die Tage und die Orte , wo er » zum ersten male aufträte « - d.h. die Messe lesen oder sie mit Pomp anhören würde ... Das waren Schauspiele , wo sich alles , was zur Gesellschaft gehörte , versammeln mußte ... Er versprach ihr die » besten Plätze « , unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der Sixtina ... Daß ich , sagte er beim Gehen , Ceccone ' s Feind nicht mehr sein will , beweise ich dadurch , daß ich den Schein von ihm entferne , als könnte er einer Dame , der er sich lebenslang verpflichtet fühlen sollte , wie Ihnen , undankbar gewesen sein ... Mit dieser artigen Wendung empfahl er sich ... Die ganze Dienerschaft , die der alte Marco rasch durch einige Hausgenossen vermehrt hatte , stand in den Vorzimmern ... Die Umwohner hatten sich den Schlaf versagt , um dem Schauspiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen ... Fefelotti ' s Pferde trugen am Kopfgestell der Zäume die rothen Quasten . Die Kutsche war vergoldet ; zwei Lakaien sprangen hinten auf , während ein dritter mit dem Ombrellino an der Hausthür wartete und beim Einsteigen den kleinen stämmigen Priester begleitete , der seinerseits nur einfach , nur mit dem rothen dreieckigen Interimshut erschienen war ... Einige Freude empfand die gedemüthigte Frau denn doch über diesen Besuch ... Sah sie auch Gefahren über den Häuptern der ihr allein noch im Leben werthen Menschen sich zusammenziehen , so blitzte doch in solchen Nöthen ein Hoffnungsstrahl auf durch die Beziehung zu einem so mächtigen Mann , der glücklicherweise ihren vollen Antheil an den Schicksalen der Bedrohten nicht ahnte ... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren schlimmen Ausgang gemildert ... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem Sohn mittheilen , worin sie alles ihre Sorge auf ihn , seinen Rath und seinen Beistand werfen müßte ... Die Vorladung Bonaventura ' s schien noch nicht entschieden zu sein ... Am Abend nach dem Besuch Fefelotti ' s kam die Herzogin aus der Sixtinischen Kapelle , wo Fefelotti sein » erstes Abendgebet « gehalten hatte ... Der kleine Raum war überfüllt gewesen ... Der Qualm der Lichter die Atmosphäre so vieler Menschen ließen sie fast ersticken ... Fefelotti hatte der Herzogin in aller Frühe schon einen reservirten Sitz zur Verfügung gestellt ... Wie kräftig sprach er sein » Complet « - las den 90. Psalm Qui habitat in adjutorio Domini , sang mit jenem conventionellen Ton , der vom Herzen sanft der Rührung den Weg durch die Nase läßt , sein Gloria Patri , worauf die Kapelle mit Simeon ' s Lobgesang : Nunc dimittis antiphonisch einfiel ... Nicht eine der zu Ceccone ' s engeren Beziehungen gehörenden Persönlichkeiten war zugegen ... Ceccone hatte die ersten Weihen , er nahm vor kurzem auch die letzten ; er übte sich täglich im Messelesen , um seinerseits mit den unerläßlichen Bedingungen zur Papstwahl hinter andern nicht zurückzubleiben ... Fefelotti ' s Virtuosität in allen kirchlichen Functionen war ihm ein Gegenstand besondern Neides ... Die Herzogin versank auch hier wieder in die schwärmerischste Sehnsucht nach ihrem Sohn ... Gerade diese kleine Kapelle , die für die Hausandacht der Päpste bestimmt ist , enthielt Michel Angelo ' s » Jüngstes Gericht « ... Man sieht nur noch ein wüstes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrußgeschwärzten Wänden ... Benno hatte ihr geschrieben , der berühmte Gesang in dieser Kapelle hätte ihm nie die mindeste Erhebung gewährt ; die unglücklichen Verstümmelten , die zur päpstlichen Kapelle gehörten , hätten im Discant gesungen wie Hühner , die plötzlich den Einfall bekämen , wie die Hähne zu krähen ; die Bässe wären küstermäßig roh ; die alten Weisen Durante ' s und Pergolese ' s kämen in ihrer einfachen Erhabenheit unwürdig zu Gehör ... Und für alles das schwärme der deutsche Sinn ! Diese Sixtinischen Kapellenklänge allein schon wirkten wie ein Zauber der Sehnsucht nach Deutschland hinüber ! Erst der germanische Geist , der schon sonst das Christenthum überhaupt zur weltgeschichtlichen Sache des Gemüths gemacht hätte , hätte auch hier wieder in das Abgestorbenste , in die Kirchenmusik , neues Leben gebracht ... Wie klang das alles der Herzogin beim Schlußgebet des Erzbischofs von Coni nach : Omnipotens , sempiterne Deus ! ... Gestern Nacht hatte sie in die Asche » Sano ? « geschrieben und der Wind hatte in der That an diesem Morgen » Canto « daraus gemacht ... Darum war sie mit Hoffnung in die Kapelle gefahren ... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen an den salutirenden , hanswurstartig gekleideten Schweizern vorüber ; sie hatte , vorschriftsmäßig vom schwarzen