klirrte darin wie Glasscherben . Sie war angefüllt mit leeren Fläschchen , alle von der gleichen Größe . Dazwischen lagen Bündel bestaubter Etiquetten . Agathe nahm eine Handvoll heraus — sie trugen alle die gleiche Inschrift : — Heidlings Jugendborn . — Das war alles , was von Onkel Gustav auf Erden geblieben war . Agathe biß die Zähne in die Lippe . Nur nicht die leeren Hülsen gescheiterter Hoffnungen so hinter sich zurücklassen ! Nur tapfer sein , zu rechter Zeit einen Abschluß machen ! Im Eßzimmer wartete Eugenie . Als sie anfing , die lieben Sächelchen gegen das Licht zu halten , schadhafte Stellen mit dem Nagel zu prüfen , und ihr vieles nicht mehr gut genug war , als sie wegwerfend bemerkte : “ Mützen trägt jetzt kein Kind mehr , die kannst Du Dir pietätvoll einbalsamieren , ” hätte Agathe sie ins Gesicht schlagen mögen . Aber diese dumpfe Wut war thöricht — sie mußte auch überwunden werden . Agathe legte ihr freundlich beiseite , was sie gewählt hatte . Die Schwägerinnen küßten einander , und Frau Heidling junior entfernte sich in ihrer eleganten Trauertoilette mit dem Kreppschleier , der ihr lang und feierlich über den schlanken , geschmeidigen Rücken wallte . Sie würde den Burschen schicken , um den Korb zu holen . Nun noch das Spielzeug . Cousine Mimi Bär war vorstehende Schwester der Kinderstation im Krankenhause , die konnte dergleichen immer brauchen . Mimi war erfreut , als Agathe ankam , und forderte sie auf , ihre Gaben selbst unter die Kleinen zu verteilen . Wenn ' s nun auch nicht die eigenen sein konnten — es kam doch so jedenfalls Kindern zu gute . In dem großen , geweißten Saal saßen oder lagen sie reihenweise in ihren eisernen Gitterbettchen , armselige Geschöpfe , manche mit Gazeverbänden um die kleinen Köpfe , von Skropheln und Ausschlag entstellt oder von Fieber verzehrt , mit gereiftem , leidendem Ausdruck in den blassen Gesichtchen . Aber alles war hell und sauber , die Bettchen so schneeig — es machte doch einen traulichen Eindruck . Als Schwester Mimi eintrat , wendeten sich alle die Köpfchen ihr zu . Ungeduldige Stimmchen riefen ihren Namen . Sie ging von Reihe zu Reihe , mit einem behaglichen Frohsinn auf ihren großen Zügen unter der steifgestärkten Haube . Sie scherzte hier , strafte lustig dort — Agathe beneidete sie als friedliche Herrscherin hier in diesem Reich der Krankheit und des Todes . Sich überwinden — glücklich sein mit anderen — bis zur Selbstvergessenheit — bis zur Selbstvernichtung — das ist das Einzige — das Wahre ! Und sie verteilte alle ihre lieben Andenken unter die armen , geplagten Kinder des Volkes , sie spaßte und spielte mit ihnen . Da war ein kleines Mädchen — häßlich wie ein braunes Äffchen , aber voller Lebendigkeit , wie das die arme verblaßte Prinzessin Holdewina in ihrem Bettchen Purzelbäume schlagen ließ — nein , das war zu komisch ! Agathe verfiel in ein lautes Lachen — sie lachte und lachte . . . “ Aber Agathe , rege meine Kinder nicht auf , ” mahnte die ruhige Mimi . Agathe wollte sich zusammennehmen — die Thränen quollen ihr aus den Augen — das Lachen that ihr weh , es schüttelte sie wie ein Krampf — die Kleinen blickten furchtsam nach ihr , die Töne , die sie ausstieß , waren fern von Fröhlichkeit . Mimi nahm sie am Arm und trug sie fast hinaus . Sie öffnete ein Fenster und pflegte Agathe sorgsam und mit Bedacht , bis diese sich endlich beruhigte und zu Tode erschöpft auf Mimis Lager ruhte . “ Armes Kind , ” sagte Mimi mit ihrer überlegenen Güte , “ Du mußt etwas für Dich thun . Du bist sehr überreizt . ” Der Regierungsrat Heidling hörte von allen Seiten , daß seine Tochter sich durchaus eine Erholung gönnen müsse . Er selbst hatte nichts dergleichen bemerkt , sie war ja doch nicht krank und that ihre Pflicht . Aber da der Hausarzt es auch meinte , so sollte natürlich etwas geschehen . Ihm würde ein wenig Zerstreuung auch wohlthätig sein . Er vermißte seine arme Frau mit jedem Tage mehr . Agathe gab sich ja alle Mühe — aber die Frau konnte ihm so ein junges Mädchen ja doch nicht ersetzen . Seine Gewohnheiten waren trostlos gestört . So reiste er denn mit Agathe nach der Schweiz . Auf dem Wege besuchten sie Woszenskis für ein paar Stunden . Sie lagen noch immer in hartem Kampf mit der Tücke , der Häßlichkeit und Dummheit ihrer lebenden und toten Umgebung . Noch immer hinderten boshafte , mit seltsamen Gebrechen des Leibes und Geistes behaftete Köchinnen Frau von Woszenski am Arbeiten . Noch immer wurden auf dem Kunstmarkt lachende Neger und gut frisierte Jäger mehr begehrt als nackende Anachoreten und ekstatische Nonnen . Noch immer war es ein Leiden , daß Michel nichts essen mochte . Der Blödsinn seiner früheren Gymnasiallehrer wurde aber noch übertroffen von dem Stumpfsinn der Akademieprofessoren , unter denen er jetzt studierte . Noch immer hatte Herr von Woszenski die barocksten Pläne und Einfälle , und noch immer fehlte es ihm an Stimmung zu ihrer Ausführung . Sein langer Bart und das wirre Haar waren ergraut , die Adlernase trat noch schärfer hervor , die blauen Augen sahen aus tiefen Höhlen schwermütig in die närrische Welt . Mehr als je glich er seinen von wunderlichen Visionen heimgesuchten Anachoreten . Als Agathe auf dem mit einem verschossenen persischen Teppich bedeckten Divan saß , ihre Blicke über die buntbemalten , steifen Kirchenheiligen , die dunklen Radierungen an den Wänden und die gelben Einbände französischer Romane auf den geschnitzten Stühlen glitten , als sie den scharfen Duft des Terpentin und der ägyptischen Cigaretten in der Wohnung spürte , war es ihr zu Mut , als kehre sie aus einer sehr langen , öden und gehaltlosen Verbannungszeit in ihre Heimat zurück . Aber es war Thorheit , sich dem hinzugeben .