besetzt ; sie war gerade zu rechter Zeit gekommen , um zu verhindern , daß man das Schloß selbst bedrohte . Das war allerdings abgewendet und die Menge zurückgedrängt worden , aber dafür wogte der Tumult in den nächstgelegenen Straßen um so heftiger , und es stand jeden Augenblick ein Zusammenstoß zu erwarten . In den Zimmern des Gouverneurs ging es sehr lebhaft zu . Dort jagte eine Meldung die andere : Polizeibeamte und militärische Ordonnanzen kamen und gingen . Hofrath Moser war an die Seite seines Chefs geeilt , den er nun einmal bei jeder Gefahr als den Hort der Sicherheit betrachtete ; auch Lieutenant Wilten , der einen Theil der Besatzung des Schlosses commandirte , befand sich bei dem Freiherrn und vor wenigen Minuten war auch der Bürgermeister angelangt , der sich nun doch zu diesem letzten Versuche entschloß , den er heute Morgen unterlassen hatte . Raven selbst stand kalt und unbewegt inmitten all dieses Drängens und Treibens . Er hörte die Meldungen an und gab die Befehle , ohne auch nur einen Augenblick seine Ruhe zu verleugnen , aber die Umgebung hatte sein Antlitz noch nie so hart und eisern gesehen , wie an diesem Abende . Vielleicht hatten die Stürme der letzten vierundzwanzig Stunden die Härte verschuldet , die jetzt in seinen Zügen eingegraben stand , aber was er seit gestern Abend auch durchgekämpft hatte , fremden Augen gegenüber war und blieb er der stolze , unerschütterliche Freiherr von Raven , an dem Alles abglitt , was Andere fast zusammenbrechen ließ . „ Ich bitte und fordere zum letzten Male , daß Sie es nicht zum Aeußersten kommen lassen , “ sagte der Bürgermeister . „ Noch ist es Zeit ; noch ist es nicht zum Blutvergießen gekommen ; in der nächsten Viertelstunde möchte es zu spät sein . Es heißt , Sie hätten Befehl zum schonungslosen Vorgehen gegeben . – Ich kann und will das nicht glauben – “ „ Sollte ich vielleicht das Schloß einem Angriffe preisgeben ? “ unterbrach ihn der Freiherr . „ Sollte ich abwarten , bis man den Eingang stürmte und mich hier in meinen Zimmern beleidigte ? Ich glaube hinreichend gezeigt zu haben , daß ich es nicht liebe , mich und meine Person mit Sicherheitsmaßregeln zu umgeben , aber ich habe noch für Andere einzustehen und vor allen Dingen das Regierungsgebäude zu sichern . Das ist einfach meine Pflicht , der ich nachkommen werde . “ „ Es handelt sich um eine Demonstration , nicht um einen Angriff , “ erklärte der Bürgermeister . „ Doch gleichviel – das Schloß mußte unter allen Umständen gesichert und die Menge zurückgedrängt werden . Das ist aber jetzt geschehen , der ganze Schloßberg ist besetzt , und damit kann es genug sein . Der Tumult da unten ist unschädlich und wird sich zerstreuen , wenn man ihm seinen Lauf läßt . “ „ Oberst Wilten wird die Straßen räumen lassen , “ sagte Raven kalt . „ Und wenn man ihm Widerstand dabei entgegensetzt , so wird er von den Waffen Gebrauch machen . “ „ Das giebt ein unberechenbares Unglück . Das Militär hält die Zugänge der Schloßstraße besetzt . Die Menge ist von beiden Seiten eingekeilt und hat nicht einmal Raum zur Flucht . Lassen Sie das nicht geschehen , Excellenz ! Es handelt sich um das Leben von Hunderten . “ „ Es handelt sich um die Ruhe und Sicherheit der Stadt , die nicht länger durch eine Pöbelrotte bedroht werben darf – “ die Stimme des Freiherrn hatte den Klang eiserner Entschlossenheit . „ Ich habe lange genug mit dieser Maßregel gezögert , nun sie aber einmal beschlossen ist , wird sie auch ihren Lauf nehmen . Werden die Straßen ohne Widerstand geräumt , so ist kein Grund zur Besorgniß vorhanden im anderen Falle – die Folgen auf das Haupt der Empörer ! “ In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür , und der Polizeidirector trat ein . Raven ging ihm entgegen . „ Nun , wie steht es ? “ „ Ich habe meine Leute von den Hauptpunkten zurückgezogen , “ versetzte der Gefragte . „ Wir können nichts mehr thun ; der Tumult wächst mit jeder Minute ; es scheint , man macht sich zum Widerstande bereit . – Ich lasse soeben einige Verwundete in das Schloß bringen , es ist nicht möglich , sie jetzt nach der Stadt zu transportiren , sie müssen vorläufig hier Aufnahme finden . “ „ Hat es bereits Verwundete gegeben ? “ fiel der Bürgermeister ein . „ Vor zehn Minuten , als ich den Schloßberg passirte , war es noch zu keinem Zusammenstoß gekommen . “ „ Es war vorhin , kurz vor dem Anrücken des Militärs , als wir noch allein den Anprall der ganzen Menge auszuhalten hatten , “ entgegnete der Polizeidirector . „ Zwei meiner Leute sind dabei ziemlich arg verletzt worden . Leider auch noch ein Dritter , gänzlich Unbetheiligter , ein Arzt , der uns zu Hülfe eilte und die Verwundeten verband . Er war gerade auf dem Rückwege begriffen , als einer der zahlreichen Steinwürfe ihn traf und er leblos niederstürzte . Es ist der Doctor Brunnow , von dem wir heute Morgen sprachen , “ fügte der Redende halblaut zu dem Hofrath Moser gewendet hinzu . „ Wer ? “ fragte Raven , der den Namen gehört hatte , mit Lebhaftigkeit . [ 374 ] „ Ein junger Arzt , der sich seit einigen Wochen hier aufhält . Max Brunnow ist sein Name . Sein Vater lebt in der Schweiz , wohin er wegen Betheiligung an der Revolution flüchten mußte . “ Der Polizeidirector warf diese Worte ruhig und scheinbar absichtslos hin , aber sein Auge ruhte dabei forschend auf den Zügen des Freiherrn ; er allein sah das fast unmerkliche Erbleichen darin und hörte die Erregung in der Frage : „ Ist der junge Mann schwer verwundet ? “ „ Ich fürchte es , vielleicht sogar tödtlich . Er