ihr nieder . „ Aengstige Dich nicht , Lucie ! Ich hoffe bald zu Euch zurückzukehren , bis dahin bleibst Du in der Obhut von Fräulein Reich , ich kann Dich keinen besseren Händen anvertrauen . Lebe wohl . “ Lucie hob das Auge zu ihm empor , aber es war ein Blick so grenzenloser Angst , so hoffnungsloser Verzweiflung , daß seine Stirn sich plötzlich umdüsterte . „ Kind ! “ fragte er vorwurfsvoll . „ Hältst Du Deinen Bruder für einen Mörder ? “ Das junge Mädchen zuckte zusammen bei diesem Worte , in der nächsten Secunde aber schlang sie leidenschaftlich beide Arme um seinen Hals . „ Nein , mein Bernhard ! Dich nicht ! “ Es war ein herzzereißender Ausdruck in diesem Tone , der Bruder verstand ihn nicht , er sah darin nur die Angst um ihn selber ; aber Franziska ahnte mit dem Instinct der Frau , der geängstigten Frau , die jetzt für ein fremdes Leben zitterte , die wahre Bedeutung . Sie wollte auffahren , wollte eine heftige Frage an Lucie richten , zwang sich aber mit einem Blick auf den Beamten zum Schweigen . Günther ließ mit anscheinender Ruhe seine Schwester aus den Armen und wandte sich zu ihr , aber jetzt senkte er die Stimme so , daß nur sie allein ihn verstehen konnte . „ Ich muß nun auch Ihnen Lebewohl sagen , hoffentlich nicht auf lange . Es war sehr thöricht und nutzlos , daß Sie es wagten , sich dem Beamten zu widersetzen , sehr ! Aber es geschah um meinetwillen – ich danke Ihnen , Franziska ! “ Es war das erste Mal , daß er den Namen wieder aussprach seit jener Unterredung zwischen ihnen , unwillkürlich senkte Franziska das Auge . Das energische trotzige Fräulein , das eben noch bereit war , es mit allen Gerichten der Welt aufzunehmen , zitterte leise , als seine Hand die ihrige faßte , noch ein fester verständnißvoller Druck , dann ließ er sie wieder sinken . „ Und jetzt keine Abschiedsscenen weiter ! Ich stehe zu Ihrer Verfügung , Herr Landrichter ! “ – Die beiden Frauen blieben allein zurück . Franziska eilte an ’ s Fenster und sah Günther mit seinen Begleitern einsteigen , Lucie verharrte unbeweglich auf ihrem Platze , sie regte sich nicht . Erst als der Wagen den Hof verlassen hatte und sein Rollen ferner und ferner verhallte , wandte sich die Erstere wieder um , ein paar große Thränen standen in ihren Augen , aber es war jetzt keine Zeit zum Weinen . Sie näherte sich rasch dem jungen Mädchen , zog sie an sich und blickte ihr fest in ’ s Gesicht . „ Und nun stehen Sie mir einmal Rede , Lucie ! Vorhin in Gegenwart des Richters konnte ich Sie nicht fragen , es hätte den albernen Verdacht vielleicht bestärken können , jetzt aber sind [ 203 ] wir allein und jetzt frage ich Sie , was meinten Sie mit Ihrem angstvollen ‚ Dich nicht , Bernhard ‘ ? Daß Sie ihn nicht für den Mörder halten konnten , weiß ich , Sie aber wissen mehr , Sie meinten irgend einen Anderen , ich hörte es an Ihrem Tone ! “ Mit einer heftigen Bewegung machte sich Lucie frei , aber sie schwieg , die Lippen preßten sich nur fester zusammen und das Antlitz nahm wieder jenen Ausdruck an , dem man es ansah , daß sich ihm weder mit Güte noch mit Gewalt etwas abzwingen ließ . Franziska wartete vergebens auf einen Laut aus ihrem Munde . „ Kind , jetzt fange ich wirklich an , mich vor Ihnen zu fürchten ! “ sagte sie ernst , „ denn menschlich und natürlich ist dies Wesen nicht . Sie hören , daß man Ihren Bruder der That beschuldigt und ihn deswegen verhaftet , Sie wissen , daß seine Ehre , sein Leben auf dem Spiele steht , und schweigen , während ein Wort von Ihnen vielleicht Licht in die Sache bringen und ihn frei machen kann ! Lucie , um Gotteswillen , was können Sie denn noch zu schonen oder zu verschweigen haben nach dieser letzten Viertelstunde ? “ Es erfolgte auch jetzt keine Antwort , aber die letzte Mahnung schien doch tiefer gegangen zu sein . „ Bernhard ’ s Leben ? “ fragte Lucie leise mit halb erstickter Stimme , „ Sie glauben , daß sein Leben in Gefahr ist ? “ „ Ich meine , daß die Gerichte gegen einen Mann von seiner Stellung nicht so vorgehen würden , wenn sie nicht dringende Verdachtsgründe hätten , “ Franziska war jetzt plötzlich ganz auf Seiten des vorhin so geschmähten Gerichtes , „ und wenn sie verhaften , können sie auch verurtheilen . Bei einer Anklage auf Mord handelt es sich immer um Leben und Tod . “ Das junge Mädchen bebte wieder zusammen , wie vorhin bei dem Worte des Bruders . „ Bernhard wird nicht verurtheilt werden ! “ sagte sie tonlos , aber fest . Franziska fuhr vom Stuhle auf . „ Nicht ? Und das wissen Sie mit solcher Bestimmtheit ? Also können Sie ihn retten , Lucie , in ’ s Himmels Namen , sagen Sie mir nur das eine Wort , können Sie es ? “ „ Ich – “ hoffe es , wollte sie antworten , aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen , hoffen konnte sie diese Rettung nicht . „ Ich – will es versuchen ! “ „ Gott sei Dank ! “ rief Franziska aufathmend . „ Endlich ist das Eis gebrochen ! Und nun vertrauen Sie sich mir an , Kind , was haben Sie vor ? “ „ Morgen ! Heute kann ich nicht . “ „ Aber – “ „ Ich kann nicht ! “ wiederholte Lucie entschieden und machte der Unterredung dadurch ein Ende , daß sie nach ihrem Zimmer schritt . Franziska folgte ihr zwar , aber sie mußte bald genug einsehen ,