, als daß seine Pläne sie ernstlich erschreckt oder nur beschäftigt hätten . Das Begegnis haftete nicht lange in ihrem Gemüte , denn ihre Seele war von andern bangen Zweifeln bewegt . Zwölftes Kapitel Zwölftes Kapitel Es war Hochsommer und die Mittagssonne brannte in den Straßen von Mailand . Im Halbdunkel einer Halle , welche von den feinen Wasserstrahlen eines Marmorbeckens gekühlt wurde , saßen sich zwei Staatsmänner gegenüber , die offenbar eine wichtige Verhandlung führten . Eine von vier vergoldeten Greifen getragene große Mosaikplatte war überlegt mit Protokollen und Vertragsentwürfen in verschiedenen Sprachen und Formaten . Über diesen kühlen Tisch , darauf sie sich lehnten , streckte bald der eine bald der andere die nachdruckgebende Rechte aus , in halblauter Wechselrede vorsichtig einen Standpunkt angreifend oder behauptend . Der eine , in Scharlach gekleidet und von gewaltigem Wuchs , hielt jetzt ein Papier in der Hand , das er mit finstern Blicken durchflog und worauf über der kleinern Schrift , die es bedeckte , mit großen verschnörkelten , aus einer sorgfältigen Kanzlei hervorgegangenen Buchstaben Progetto ossia Idea geschrieben stand . Dies Projekt aber , oder diese Idee leuchtete dem Lesenden nicht ein , sondern erregte seinen Unwillen ; denn zuweilen zuckte es wie Schmerz und Hohn durch seine Züge und die kräftige , mit großen Siegelringen geschmückte Hand schien das Papier zerknittern zu wollen . Doch las er zu Ende , bevor er es mit kaum beherrschter Ungeduld auf den Tisch zurückwarf . Der andere , ein hagerer vornehmer Sechziger , beobachtete ihn gelassen . Die Haltung dieses Edelmannes war aus italienischer Urbanität und spanischer Grandezza gemischt , aber nicht zu gleichen Teilen , denn wenn der Herzog Serbelloni von seinem berühmten Ahn , dem Feldherrn Karls V. , die imposante Adlernase und die diplomatische Geschicklichkeit ererbt hatte , so war ihm dessen elastische italienische Menschenbehandlung nicht zuteil geworden . Seine Mutter , die eine Mendoza war , hatte ihm mit ihrem Blute – neben dem rötlichen Haar und der hellen Hautfarbe – einen Zug von spanischer Hochfahrt und Unnahbarkeit gegeben , den er zu verbergen wußte , der aber insgeheim sein ganzes Wesen durchdrang . Der Herzog hielt es unter seiner Würde und Weisheit , der erste zu sein das Wort zu ergreifen , und erwartete mit unbeweglichen Zügen und geschlossenen Augen eine Äußerung des Lesers über den empfangenen Eindruck . Da dieser aber die Arme über die Brust verschränkte und schwieg , so ließ er sich endlich vernehmen : » Was dünkt Eure Gnade , Sennor Jenatsch ? « Georg Jenatsch lachte bitter auf . » Eure Herrlichkeit « , sagte er , » hält mich für einen müßigen Liebhaber der Staatskunst , sonst würde sie den Ernst meiner fast zur Reife gediehenen Geschäfte nicht mit einem komischen Intermezzo unterbrechen . – Der Witz ist würdig eines Grazioso : Üppige Länder sollen wir vertauschen an ein paar verfallene Rheinstädtchen , wie Lauffenburg , Säckingen und andere , die zwei Tagritte und zwei fremde Nachtlager von uns entfernt sind und die morgen ihre vermorschten Tore öffnen , wenn der Herzog Bernhard von Weimar in seinem Elsaß einen Trompeter aufsitzen läßt und gegen sie ausschickt ! . . . Fürwahr , ein Scherz ohne Salz , den ich der Hofkanzlei von Wien kaum zutrauen kann ! – Ich bitte , Herrlichkeit , kehren wir zu Gesichtspunkten zurück , die unser würdig sind . « Wenn auch der Herzog den naiven , oder doch für naive Leute bestimmten Vorschlag des Hofes von Wien nur angewendet und benützt hätte , um Zeit zu gewinnen , so fühlte er sich immerhin verletzt durch die rasche und rücksichtslose Zurückweisung desselben . Aber seine Empfindlichkeit fand kaum in einer etwas steifern Haltung Ausdruck . » Eure Gnade « , sagte er , » hat es der eigenen Hartnäckigkeit zuzuschreiben , wenn die Verhandlung stockt und nach neuen Auskünften und Abfindungen gesucht wird , um die Herren Grisonen zufriedenzustellen . « » Zufriedenzustellen ? « wiederholte der Bündner befremdet . » Doch nicht anders als durch die volle Zurückgabe unsers Eigentums ? « » Zufriedenzustellen « , betonte der Herzog langsam , » auf billige Weise . « » Meine durch die edle Donna Lucretia gestellte Bedingung « , versetzte der Bündner gereizt , » lautet auf völlige Zurückgabe unsrer Länder , auf die Herstellung des status ante . Diese Forderung versprach Eure Herrlichkeit zu befriedigen . « » Nicht wörtlich diese Forderung , sondern die Herren Grisonen überhaupt zu befriedigen « , versetzte der Herzog mit Würde . Georg Jenatsch warf einen prüfenden Blick auf die kleine List , ob sich darunter eine Gefahr berge . Dann blitzte er den Herzog mit ausgelassenen und mutwilligen Augen an . » Ein sinnvolles Silbenstechen , zu dem sich Eure Herrlichkeit herabläßt « , sagte er heiter . » Damals im Drange der Gefahr klügelte ich nicht über ein Wort , auf das ich , wie die Dinge liegen , auch jetzt keinen Wert setze . Größern dagegen – weil wir es einmal mit der Vieldeutigkeit der Worte zu tun haben , lege ich auf einen andern Ausdruck , der freilich auch nur aus Silben und Buchstaben besteht . Nicht › ewiger Friede zwischen Spanien – Österreich und Bünden ‹ soll über dem endgültigen Dokumente , das wir beraten , stehen , sondern – wenn ich etwas dabei zu sagen habe – › Vertrag oder Bündnis ‹ . « » Friede ist ein schönes Wort « , bemerkte der Herzog mit heiliger Miene . » Zu schön für uns friedlose Sterbliche « , erwiderte der Bündner bitter . Dann fuhr er lächelnd fort : » Schreibt doch der heilige Augustinus , wie Eure Herrlichkeit weiß , der Krieg sei nur der Vorläufer , oder die Eingangshalle des Friedens und jener diene nur dazu , um zu diesem zu führen . – Wie dem sei , die beiden Gottheiten sind allzu nahe verwandt , als daß wir der einen gegen die andere trauen dürften ! – Also :