, meinte Heim , „ wie ? Die wäre doch noch schlimmer als die Hartwich ! “ „ Bah “ , warf Johannes gleichgültig hin , „ auch diese ist nur ein Weib ; wenn sie fiel , so fiel sie durch einen Mann und ein Mann hätte sie retten können . “ Zweites Kapitel . Der Schwan . Ein hohes dunkles Gebäude überragte das Dorf Hochstetten , welches zwei Meilen von der Stadt , in reizen ­ der Gegend lag . Es führte einst den Namen Hochstetter Schloß . Seit jedoch die adelige Familie , die es durch ein Jahrhundert von Sohn auf Sohn ver ­ erbte , ausgestorben war und nur noch ein Kastellan darin wohnte , der die Besitzung für die Erben einer Seitenlinie bewachte , nannte man es im Volke das Zauberschloß , denn selbstverständlich mußte es in einem alten Hause , in dem so viele Leute verschieden waren , spuken , und was die ehrenwerten Glieder der acht ­ baren Familie vielleicht im Leben nie gehabt hatten , das legte ihnen die Volksphantasie im Tode zu und ließ ihre Geister an dem Orte umgehen , wo einst ihre körperlichen Hüllen gewandelt . Im letzten Jahre geschah es aber , daß einmal wirklich ein Geist in das Schloß kam und daß sein Erscheinen das Volk , welches in jedem „ Genie den Teufel ahnt “ , mit nicht geringerem Entsetzen erfüllte , als die Gespenster seiner früheren Herrschaft , obgleich dieser Geist noch in einem lebendigen , jungen und sehr schönen Leibe wohnte . Ernestine Hartwich hatte das Gut gemietet und trieb mit ihrem Oheim ihr selt ­ sames Wesen da . Seitdem war das Haus hinter der hohen Umgebung in dem stillen buschigen Garten erst recht verhext und wer nichts darin zu schaffen hatte , der vermied es gern . Still und einsam lag es da , inmitten lieblicher Hügel und Bergketten , umrauscht von grünen Wipfeln , umflossen vom Sonnenglanz eines tauigen Sommermorgens und doch starrten seine altersgrauen Mauern so finster in das frische wonnige Leben hinein , als sei draußen und drinnen der Tod . — Zwei Fremde , die in einer leichten Kalesche die Landstraße daher fuhren , betrachteten es ernst und schweigend ; als der Weg etwas steil wurde , stiegen sie aus und gingen neben dem Pferde weiter . Ein schmucker Bauernbursche kam mit Sense und Harke vorüber und als er in die schönen Gesichter der Wan ­ derer sah , nickte er ihnen freundlich zu . Von einem plötzlichen Einfall ergriffen , redete ihn der Ältere von den Beiden an und fragte : „ Was ist das für ein Schloß dort ? “ „ Das ? “ war die Antwort , „ das ist ja das Zau ­ berschloß ! “ „ Wer bewohnt es denn ? “ „ Das bewohnt ja die Hartwich . “ „ Wer ist die Hartwich ? “ „ Ei , die Hexe , die es gemietet hat . “ „ Warum nennst Du sie so ? “ „ Nu , weil es eben nicht recht geheuer mit ihr ist . “ „ Geh ein Stückchen mit uns und erzähle uns etwas von der Dame , wenn Du Zeit hast “ , bat der Fremde . „ Ei ja , dazu habe ich schon Zeit “ , lachte der Bursche , geschmeichelt durch das Interesse , das seine Andeutungen erweckten . „ Du lieber Gott , wo soll man anfangen , wenn man von Der erzählen will . Da gibt ’ s keinen Anfang und kein Ende . “ „ Wie sieht sie denn aus ? “ fragte der jüngere Herr , „ ist sie hübsch ? “ „ Bewahre , sie ist mager und bleich und hat große kohlschwarze Augen . Dabei macht sie immer ein so finsteres Gesicht , — man sieht es ihr auf zehn Schritte an , daß sie kein gutes Gewissen hat . “ „ Es ist bezeichnend für die Kulturstufe des Volkes “ , sagte der Ältere leise zu seinem Begleiter , „ daß es kein Verständnis für schöne Linien hat , sondern nur Geschmack an Fleisch und Farbe findet . Ein klassisches Profil erscheint ihm häßlich , wenn nicht rechts und links ein Fleischsäckchen daran hängt . Diese derbe Vorliebe für den Rohstoff ist bei dem Bauern und niederen Handwerker , der überhaupt nur mit Roh ­ stoffen zu tun hat , natürlich und verzeihlich , wo sollen solche Leute ihren Schönheitssinn bilden ? Aber es ist traurig , wenn man bedenkt , wie Viele auch unter den Gebildeten sind , bei denen der Geschmack nur die ge ­ meinste Sinnlichkeit zur Lehrmeisterin hat und deren rohe Begierde blind tastend nicht die verkörperte Schönheit , sondern nur die schöne Verkörperung sucht . “ „ Ja wohl “ , fügte der Andere hinzu , „ so ist es auch mit dem Geiste . Dem Volke ist der Ausdruck des Gedankens fremd und unheimlich , nur gedanken ­ lose Lustigkeit zieht es an . Das Gepräge des Geistes auf einer ernsten Stirn ist ihm das Gepräge des Bösen , — aber wie viele unserer Standesgenossen gibt es , die nicht besser fühlen . Wir indeß denken anders , nicht wahr , Johannes ? “ Dieser reichte dem Sprecher die Hand . „ Ja , mein Freund — das weiß Gott ! Aus dieser Ober ­ flächlichkeit des Geschmackes erklärt es sich auch , daß die Hartwich schon als Kind in dem Rufe der Häß ­ lichkeit stand , obgleich sie eine wundervolle Stirn , ein reines Profil und Augen hatte , wie ich sie nie ge ­ sehen , Augen , Hilsborn “ — er legte seine Hand auf den Arm des Freundes — „ in denen eine Welt schlummernder Empfindung lag , eine Verheißung un ­ aussprechlichen Glückes für den , der diese Empfindung einst wecken würde . — Hilsborn , ich hatte die Kleine , welche ich nur einmal traf , vergessen , aber als mich neulich