, arbeite nur ruhig weiter ! ‹ Ich sehe sie noch , wie sie den Kiesweg hinausschritt in ihrem einsfchen dunklen Kleide , das gegen die herrschende Mode , welche die Krinoline erheischte , faltig und schlank von den Hüften 275 fiel und ihre feine Gestalt vorteilhaft zeigte . Auf dem dunklen Haar trug sie ein Häubchen aus schwarzer Spitze , dessen Barben zu beiden Seiten der Scheitel niederfielen . Das Schlüsselkörbchen hing ihr am Arm . Ich weiß noch , daß ich ihr nachsah und dann wieder ein Büschel Spargelkraut und eine Zentifolie ergriff und der Girlande einfügte . Es war gerade Johannistag und die ganze Luft durchduftet von Rosen . So wie in diesem Garten die Zentifolien blühten , habe ich sie nie wieder gesehen . » Es war Nachmittags gegen vier Uhr , um Sieben sollte der Baron , der schlechtweg hier › der junge Herr ‹ genannt wurde , eintreffen . Die Johannissonne schien heiß , und es war eine große Schwüle in der Luft , wie vor einem Gewitter , obgleich der Himmel herrlich blau durch die Zweige der mächtigen Rotbuche schien . » Kein Lüftchen rührte sich . Eine sonderbare Müdigkeit kam in dieser Stille über mich , ich schloß die Augen und verlor mich in eine Art Halbschlaf . Dann war es , als fiele ein Schatten über meine Augenlider , durch die ich das Licht purpurn gefühlt hatte . Ich sah unwillkürlich empor und erblickte einen Herrn in grauem Joppenanzuge , der vor dem Tische stand , die Hände leicht aufgestützt , und mich lächelnd betrachtete . » Er hatte den Hut abgenommen , und wir sahen uns beide eine Weile wortlos an . Ich konnte sein Gesicht kaum erkennen , denn die Sonne stand hinter ihm , so daß er wie eine dunkle Silhouette auf dem flimmernden Hintergrund erschien . Nur seine großen blauen Augen , die unter dunklen Brauen hervorflammten , die sah ich deutlich . Ich kann dir nicht genau sagen , Anne Dore , wie ' s weiter ging , ob ich dumm oder klug ausgesehen habe in diesem Augenblick , ich weiß auch nicht mehr , wer zuerst gesprochen hat von uns und was es für ein paar Verlegenheitsphrasen gewesen sind , die wir wechselten , aber das weiß ich , daß mein Herz sonderbar in schweren , vollen Schlägen ging und daß ich noch unbeweglich wie eine Statue dasaß , als meine Mutter zurückkam . » Ganz selbstverständlich und ruhig mit ihrer vornehmen Einfachheit hieß sie den Baron willkommen , da er ja nun verfrüht eingetroffen sei und sich um die feierliche Begrüßung der 276 Gutsleute und des Waldburger Gesangvereins gebracht habe . Der junge Mann lachte darauf herzlich und freimütig , ergriff die Hand meiner Mutter , küßte dieselbe und meinte , er habe so etwas geahnt , und deshalb , gerade deshalb sei er früher erschienen , und von allen Empfangsfeierlichkeiten wolle er nichts weiter als die Girlande dort , und wenn ihm überhaupt noch eine Bitte auszusprechen erlaubt sei , so sei es die , ihn um Gottes willen nicht allein zu Abend speisen zu lassen , sondern ihm freundlichst ein Plätzchen am Familientisch des Herrn und der Frau Rentmeister zu gönnen . – Wir gingen bald darauf ins Schloß zurück , er die halbfertige Girlande tragend , die er sich wie eine Boa um den Hals geschlungen hatte , und ich erinnere mich , daß mein Vater ein nahezu verblüfftes , keineswegs liebenswürdiges Gesicht machte , als er am offenen Fenster stehend uns drei so daherkommen sah . » Am Abend erschien mir unser Wohnzimmer wie ein Festsaal . Es fiel mir kaum auf , daß unser Gast der allein Redende war , daß er sich vielleicht aus Zufall nie in seiner Rede an den Vater wandte , daß dieser immer blasser und meine Mutter immer stiller wurde . Er erzählte und erzählte in froher Laune , welche die Heimat ihm geweckt haben mochte , von seinen Reisen . Er berichtete von interessanten Menschen , die er kennen gelernt hatte , und dabei hingen unsere Blicke aneinander wie gebannt . Ich hatte den Tisch mit Rosen geschmückt und ein weißes Kleid angelegt . Die letzte rote Abenddämmerung glühte durch die Fenster , vom Garten herein kamen ein paar Schmetterlinge , wie getragen von den Klängen der alten Volkslieder , welche die Mägde jenseit des Gartens sangen . » Als die Schale mit Erdbeeren , aus der unser Nachtisch bestand , mehrere Male herumgegangen war und niemand mehr zulangte , hob meine Mutter die Tafel auf . Man unterhielt sich noch eine Zeitlang , dann sagte der junge Baron Gute Nacht , küßte meiner Mutter die Hand , nickte ein wenig herablassend dem Vater zu , der ihn aus der Tür geleitete , und machte mir zuletzt eine Verbeugung , als wäre ich eine Königin . » Wir standen alle drei wie unter einem Bann , so , als hätten 277 wir uns noch etwas zu sagen , als müßten wir uns unsere Eindrücke mitteilen , aber keines fand ein Wort . » Nach einem Weilchen nahm ich ein Tuch vom Haken und wollte meiner alten lieben Gewohnheit nach in den Garten gehen , um frische Luft zu schöpfen , wie ich es jeden Abend bisher getan . Zumal heute war es mir geradezu ein Bedürfnis , allein zu sein . Ein ungewöhnlich strenger Ruf von Mutter : › Bleib , hier , Helene ! ‹ hielt mich zurück . › Das abendliche Herumstreifen im Garten hört von heute an auf , mein Herz , ‹ fügte sie hinzu . » › Solange der Baron hier ist , ‹ ergänzte mein Vater , › das wirst du begreifen . ‹ Und er trat zu mir und streichelte mir das Gesicht . Seine Augen hingen mit einem seltsamen Ausdruck an den meinen . Wieder war es , als wollte er sprechen , aber er sagte weiter nichts , als : › Hilf Mutter ein