habe , und man hoffe bestimmt , daß es den Ueberredungen des Intendanten einer unserer ersten Hofbühnen gelingen werde , sie zur Bühnenlaufbahn zu bewegen . Sie waren dann alle Drei stumm geworden nur der Herr Rat hatte nach einigen Minuten gesagt : „ Und das ist unsere Aenne – Alte – unsere Aenne ! “ Die Mutter aber fand keine Antwort , sie zog sich still weinend vom Küchenfenster zurück . Und Hedwig hatte den ganzen Tag an dieses Mädchen gedacht , der das Schicksal so Herrliches in den Schoß geworfen , ein großes Talent , Jugend und Schönheit . Lieber Gott , wenn sie jetzt hier lebte als Günthers Weib – eine Nachtigall im Käfig ! Nun war sie wohl schon angekommen im Vaterhause und schlief in ihrem kleinen Mädchenstübchen den süßen Schlummer ihrer Kindertage . – Ob sie an den Mann dachte , dem sie ihr Wort gebrochen hatte ? Ach , Aenne schlief so wenig wie Hedwig Kerkow und wie Heinz neben dem Bettchen des Kindes . Auch sie stand am Fenster , und ihre Augen hingen am Schlosse droben wie gebannt . Sie war heimgekommen mit einer ganzen Last von Glück , mehr als sie zu hoffen gewagt ; noch faßte sie es selber nicht , noch lehnten sich ihr Zartsinn , ihre Bescheidenheit förmlich auf gegen die Lobposaunenklänge , die ihr von überall entgegentönten , und in dieser Stille , in dem Zauber der Abgeschiedenheit meinte sie , es sei alles ein Traum und sie stehe hier wie damals , in der einzigen glücklichen Zeit ihres Lebens , und schaue nach dem Lichtlein empor , das ihres Daseins Stern bedeutet hatte . Ach ja , sie war nicht imstande gewesen , das zu vergessen , immer und überall hatte die Erinnerung daran sie verfolgt . Der dumpfe Schmerz zwar war milder geworden da draußen in der Fremde , im heißen Ringen nach dem großen Ziel , aber er brannte stetig fort , sie fühlte ihn beständig . Wie mochte es Heinz ergehen ? Und ob sie ihn hier wohl einmal sehen würde ? Erst gegen Morgen schlief sie ein und war doch vor Tau und Tag wieder munter , und als vor ihrem Fenster die heimatliche Welt im lachenden Frühsonnenschein lag , so grün , so frisch , so lieb und vertraut – als die herrliche erquickende Bergluft sie so wohlig umfächelte , wie sie den Kopf hervorstreckte , da hielt sie es nicht länger , sie zog ihr graues einfaches Reisekleidchen an , setzte den alten Gartenhut , der noch von damals hier hing , auf das eilig frisierte Haar und schlüpfte aus dem Hause in den Schloßgarten hinüber . Und hier schritt sie in die alten abgeschiedenen dämmerigen Gänge hinein , die sie so geliebt , auf denen sie ihre jungen seligen Liebesgedanken und dann ihren Gram spazieren geführt ; die Wege am Wildgatter hin , auf denen sie mit Jeannette Hochleitner gewandert war , um von der Kunst zu reden . Sie war im Umsehen drüben an den Stallgebäuden vorbeigeschritten und nun stand sie tiefatmend in der dämmerigen , berühmten Lindenallee des herzoglichen Gartens . Ach , das war schön – das war schön daheim ! Und so einsam , so köstlich einsam ! Wie hatte sie bei ihrem angestrengten Leben in Dresden den Umgang mit der Natur vermißt , wie hatte sie den Waldesodem entbehrt droben im vierten Stockwerk der Christianstraße ! Und da war noch die beste Luft , da kam sie vom „ Großen Garten “ herüber , und im Frühjahr brachte der Wind wirklich zuweilen einen schwachen Hauch von Syringenduft mit , der sie dann fast krank machte vor [ 203 ] Heimweh . Ja , schwere Jahre hatte sie hinter sich , die kleine Aenne May ! Oftmals war es knapp , ganz knapp bei ihnen zugegangen da droben in der Mansarde , denn Tantens Kapitalien und ihre geringe Witwenpension wollten sich der Großstadt doch nicht ganz gewachsen zeigen , und Aenne war doch recht sehr an die Fleischtöpfe der guten Mutter gewöhnt , ihr junger , ungeduldiger Magen mußte ebenso entsagen lernen wie ihr Herz . Aber geschadet hatte es ihr nichts ! Sie war noch gewachsen , sie trug ihre schöne Figur kraftvoll aufrecht , und wenn auch das Gesicht nicht mehr so kinderhaft gerundet erschien , so war es dafür desto edler und reizvoller geworden . Und der Medizinalrat hatte recht , als er zu seiner Frau sagte : „ Ist bildhübsch geworden , die Aenne – schlägt meiner seligen Mutter nach , Alte ! “ Die „ Alte “ gab das gutmütig lächelnd zu . Von ihr hatte Aenne allerdings die Reize nicht , von der kleinen , kugelrunden , etwas stumpfnäsigen Frau Rat . Und Aenne schritt dahin und nickte jedem Baume zu , den Linden , den Rotbuchen den Hängeweiden am Teich . Das zahme Reh kam wie sonst auf ihr Rufen heran . „ Liese , bist du ’ s denn wirklich noch ? “ fragte sie gerührt , als das Tier sie anblickte aus den braunen , zutraulichen Augen . Alles wie sonst , und so schön , so schön ! „ Morgen bringe ich dir etwas mit “ , sagte sie laut , „ und deinem Hans auch . Lebt denn dein Hans noch ? Und wo sind denn deine Kinder ? “ Aber Liese sah sie nur stumm und groß an . Ach ja , sie hätte immer fragen mögen , wie ist ’ s euch ergangen seither und – habt ihr den Heinz nicht gesehen , den Heinz Kerkow ? Aber nach ihm wagte sie niemand auszuforschen . Mitunter hatte sie auf den Rand ihrer Briefe an die Eltern , einem mächtigen Drange nachgebend , gekritzelt , „ Wie geht es denn eigentlich den Kerkows ? Sind sie noch in Breitenfels ? “ Aber sie hatte sich nicht entschließen können , diese Briefe abzusenden , hatte die Stelle entweder so gründlich ausgestrichen , daß keiner