Stock unverändert weiter und an nicht wenig Tagen im Jahre tat sich die bekannte Gasse auf und der Delinquent mußte sie durchlaufen . Uns überkommt ein Schauder , wenn wir jetzt die Einzelheiten dieser Vorgänge beschrieben lesen , aber wie Pastor Heydemann in seiner » Geschichte Ruppins « sehr richtig bemerkt : » Die Rücken waren damals härter . « Die Prügelstrafe war allgemein , die Eltern schlugen ihre Kinder , die Lehrer ihre Schüler und wie es beim Nähr- und Lehrstande war , so durfte es ohne viel Aufhebens auch beim Wehrstande sein . Man war an solche Prozeduren gewöhnt und hielt die rauhe Behandlung der Soldaten für ganz in der Ordnung . Ja , die davon Betroffenen sahen es selbst derartig an und versagten ihren Vorgesetzten keineswegs ein gewisses Maß von Zuneigung , wenn sich nur Gerechtigkeit mit der Strenge paarte . In der Tat , unsere nachträgliche Beurteilung all dieser Dinge trifft nicht voll das Richtige , und um so weniger , wenn wir im Auge behalten , aus welchen Elementen sich die damalige Armee zwar nicht ausschließlich aber doch zu sehr erheblichem Teile zusammensetzte : rohe Gesellen , die nicht eins der zehn Gebote hielten , verlorene Söhne , deren Moral so weit reichte wie ihre Furcht , und Ausländer , die zu allem andern auch noch das Gefühl gesellten : was uns umgibt , sind Fremde oder Feinde . Ein Vorkommnis , das Heydemann erzählt , ist höchst charakteristisch für die Naturwüchsigkeit damaliger Zustände . Man führte Schäferspiele auf und schrieb Idyllen 42 , aber man war weder nervös noch sentimental . Die Geschichte selbst aber ist die folgende . Ein Soldat , ein heftiger , leicht aufbrausender Mensch , bewarb sich um die Gunst eines Mädchens , das in der Offizierküche diente . Sie lehnte seine Anträge , die ehrlich gemeint waren , ab . Eines Tages , als sie vom Bäcker gegenüber den für den Offiziertisch bestimmten Braten holte , trat der Soldat mitten auf dem Damm an sie heran und fragte : ob sie noch nicht entschlossen sei , ihn zu heiraten ? » Nein . « Im selben Augenblick empfing sie einen Messerstich in den Hals . Sie ließ ( auch charakteristisch ) den Braten nicht fallen , schritt vielmehr weiter , setzte die Schüssel auf den Tisch und sank dann ohnmächtig zu Boden . Die Wunde war nicht tödlich , aber der Soldat , der sich inzwischen auf der Wache selbst gemeldet hatte , mußte auf Tod und Leben laufen . Er überwand die furchtbare Strafe und diente weiter , während das Mädchen nach Potsdam hin übersiedelte . Eben dahin kam auch der Soldat ; ein Zufall fügte es so . Hier nun erneuerten beide ihre Bekanntschaft , Mordversuch und Gassenlaufen waren vergessen und vor dem Altar der Garnisonkirche besiegelten sie den Bund ihrer Herzen . Die Hauptvorkommnisse des Ruppiner wie jedes damaligen Garnisonslebens waren die Desertionen . Die ganze Bevölkerung , auch die der Nachbardörfer , wurde dabei in Mitleidenschaft gezogen . Ruppin erwies sich für etwaige Fluchtversuche sehr günstig , da mehrere mecklenburgische Gebietsteile derartig eingesprenkelt im Preußischen lagen und noch liegen , daß der Weg bis beispielsweise zur Enklave Netzeband hin kaum zwei Meilen betrug . Netzeband war gleichbedeutend mit Freiheit . In vielen hundert , um nicht zu sagen tausend Herzen hat sich damals alles Denken und Wünschen um die Frage gedreht : werde ich Netzeband erreichen oder nicht ? Und alles , was sich nur ersinnen ließ , um das Desertieren unmöglich zu machen , ward infolge davon angewandt . Das Hauptmittel hieß Verheiratung . Der Arm der Frau hielt fester als der Arm des Gesetzes . Aber nicht jeder wollte heiraten . Da galt es denn andere Sicherheitsmaßregeln ausfindig zu machen . Nicht nur durchstreiften Patrouillen die Stadt während der Nacht , sondern auch Unteroffiziere gingen von Haus zu Haus und riefen die in Bürgerquartier liegenden Soldaten an , um sich zu überzeugen , daß sie noch da seien Wurde aus diesem oder jenem Grunde dem Anruf nicht geantwortet , so blieb nichts anderes übrig , als den Wirt zu wecken und an die einzelnen Schlafstellen heranzutreten . Erwiesen sich aber all diese Mittel umsonst und war es dem einen oder anderen nichtsdestoweniger gelungen zu entkommen , so ward eine Kanone , die draußen am Wall stand , mehrere Male abgefeuert . Man konnte die Schüsse in Katerbow , einem dicht vor Netzeband gelegenen preußischen Dorfe , hören . Was Friedrich der Große von ganz Preußen gesagt hat , » es müsse immer en vedette sein « , das galt doppelt und dreifach von Katerbow . An Katerbow hing viel . Es war für den Flüchtling , die » letzte Gefahr « , und erst wenn er diese glücklich hinter sich hatte , war er frei . In Ruppin selbst aber ließ man es nicht bei den Alarmschüssen bewenden , die Deserteurglocke auf der Klosterkirche wurde geläutet , und entdeckte man die Stelle , wo der Entronnene über die Mauer gestiegen war , so verfielen die beiden zunächststehenden Schildwachen ebenfalls der Strafe des Gassenlaufens . Ums Gassenlaufen – fast noch über das Desertieren hinaus – drehte sich ein gut Teil des allgemeinen Interesses . Es gehörte , wie die Hinrichtungen , zu den derberen Volkslustbarkeiten . Das Bedürfnis nach Sensation , das jetzt in » Armadale « oder in dem » Vermischten « unserer Zeitungen seine Nahrung findet , fand damals in den Hergängen des Lebens selbst seine Befriedigung . Es liegen uns ganz minutiöse Schilderungen vor , wie nun die Prozedur eingeleitet und seitens des Profoses die von ihm geschnittenen Ruten – um derentwillen er der » Regiments-Federschneider « hieß – an die in der Gasse stehenden Soldaten verteilt wurden . Aber wir leisten auf Wiedergabe dieser häßlichen Dinge Verzicht und erfreuen uns lieber an humoristischen Zügen , die nicht minder aus den Zeiten jenes militärischen Terrorismus berichtet werden . Aus allen geht hervor , daß man nicht sonderlich eingeschüchtert war und immer