! Ich geh jetzt ein paar Stunden schlafen . « » Für mich wird ' s auch Zeit « , sagte sie . » Aber warum nur ein paar Stunden ? Sind Sie ein Vormittagsarbeiter ? Da dürften Sie nicht so spät im Café sitzen . « » Bewahre , « sagte er , » ich schlaf wie a Ratz ' , wann ich kann . Aber morgen früh , « - er blickte hinaus in das Schneegestöber , - » morgen früh heißt ' s , am Platz sein . « Und mit gedämpfter Stimme fügte er , da er ihren fragenden Blick sah , hinzu : » Jawohl , so is es . Da tritt man im Morgengrauen beim Magistrat von Charlottenburg an und laßt sich Schaufel und Besen geben . « Sie starrte ihn an ... » Ja , ja , « sagte er , hielt ihren Blick standhaft aus und nickte , - » das ist der gute , liebe Schnee , - der gibt Brot « ... Und er drückte ihr die Hand und ging dem Ausgang zu . An der Tür wandte er sich noch einmal um , als hätte er etwas vergessen und kam zurück . Sie stand noch immer regungslos an seinem Tisch . » Richtig ! Wann ' s den Koszinsky sehen , Freil ' n , - sagen ' s ihm , ich bitt ' Sie , er soll nicht bös an mich denken . Ich bitt ' Sie , - sagen ' s ihm ' s « » Ich habe ihn lange nicht gesehen . Seine Konzerttruppe gastiert irgendwo in der Provinz . « » Also , wann ' s ihn sehen , - ich bitt ' Sie ! « Und er drückte ihr noch einmal die Hand , schlug den Mantelkragen hoch und stapfte hinaus , in die Winternacht . Olga ging zurück zu ihrem Tisch . Sie setzte sich nicht mehr . Sie nahm ihre schwarze Jacke von schwerem Tuch , die für den strengeren , österreichischen Winter paßte , vom Haken und legte sie mechanisch über einen Stuhl . Einen weißen Seidenschal steckte sie über den Ausschnitt ihres Kleides fest und schlüpfte dann in die Jacke , die der Kellner bereit hielt . Man brach auf . Stanislaus , der sich an dem letzten Gespräch zwischen Werner und Olga nicht mehr beteiligt hatte , verabschiedete sich hastig . Doktor Emmerich und Werner boten ihr ihre Begleitung an , sie aber dankte und meinte , sie ginge gut und gern allein das kleine Stück Weges zur Hochbahn , die sie dann zum Vorortbahnhof bringe . Sie eilte davon ... Sie versuchte , ihren schweren Atem niederzuhalten ... Licht , silberig , friedlich fielen die Flocken , legten sich auf ihre Kleider , auf ihr Haar , auf die Brauen und Wimpern ihrer Augen , und sie fühlte , wie sie da zerflossen und kühl ihre brennenden Lider deckten . Und auf einmal kam es heiß und salzig aus der Tiefe ihres verwundeten Herzens und schoß ihr aus den Augen , - strömte unaufhaltsam . - - Schwer hoben sich die schneebedeckten Füße und setzten sich , in einförmigem Marsche , voreinander . Sie ging am Hochbahnhof vorüber , weiter und weiter , planlos durch die nächtlichen , einsamen Straßen . Und laut aufstöhnend , barg sie manchmal ihr heiß überflutetes Gesicht in dem Astrachan ihres alten , kleinen Kindermuffes ... Sechstes Kapitel Finsternis » So du hundert Meter gehest ohne Liebe , gehst du in deinem eignen Sterbehemd , zu deinem eignen Begräbnis . « Walt Whitman . Die indischen Puris haben nur ein Wort für gestern , heute und morgen . Und so wie dem wunschlos Weisen die Zeit nur ein ungegliedertes Einziges ist , das zu überwinden er eingesetzt wurde , - so dem , dem das Leid die wechselnde Gestalt der Stunden und Tage verwischt . Nichts geschieht in solchen Tagen , auch dann nicht , wenn sie ihre Forderungen mit fest gegen die Erde gestemmten Beinen uns in den Weg stellen , nichts geschieht für unser Bewußtsein , - als daß wir älter werden und täglich dem Dunkel näher kommen . Wozu die Pein , denkt dann das leidende Herz , wozu die Freude , wozu die Tat , da dieses Dunkle dich bald verschlingt , wie alle , alle ... Die Mächte der Finsternis griffen nach dem getäuschten , einsamen Mädchen . Sie umklammerten sie mit bohrenden Fingern und erschütterten sie bis zu den Wurzeln , aus denen die starke und edle Fügung ihres Wesens erwachsen war . Die gleichende Kraft ihrer Seele , das Schwergewicht , das die Natur ihr , vor vielen anderen , gegeben , das die Gaben ihres Herzens und ihrer Vernunft niemals verflattern ließ , sondern immer stärker und dauernder das Passende zusammengefügt , das triebhaft Wuchernde ausgeschieden hatte , - diese gleichende , schwerende Kraft war aufgehoben , die strengen Bande ihres Seins gelockert und gelöst und ihre Seele preisgegeben dem » dunkelnächtigen Getier « , - den Dämonen , die sie immer enger umzingelten . Da waren sie alle , die dunklen Gesellen , und stritten um die Herrschaft auf der neu erstürmten Feste . Da war der Zweifel , - an sich selbst und an denen , auf die man vertraut ; da war das Übelwollen und sein stärkerer Bruder , der Groll ; da war die beleidigte Liebe , mit dem finster verzerrten Gesicht , das sie ihrem Todfeinde , dem Haß , so erschreckend ähnlich machte ; da war die Buße und Selbsterniedrigung , der giftrot schillernde Hohn und die Furcht , die gespenstig fahle . Und sie lagerten sich um ihr Herz und drängten hinein , - bis der Dämon mit dem Medusenantlitz , der Liebeshaß , triumphierend als der Mächtigste darin saß ... Und er zog die Gedanken aus ihrem hellen Reich hinab , in das nächtliche Herz , spannte sie in seinen Dienst , ließ sie unendliche Lasten immer