Labinskis Tod , von Georgs Gespräch mit Grace an Labinskis Grab , von Georgs Aufenthalt mit ihr in Sizilien , sogar ein Bild von Grace hatte er ihr gezeigt . Und doch , mit leichtem Schauer gestand er sich ein , wie wenig Anna selbst von dieser Epoche seines Daseins wußte , über die er sich beinahe rückhaltslos mit ihr ausgesprochen hatte ; und er empfand , wie unmöglich es war , einem andern Wesen von einer Zeit , die es nicht miterlebt hatte , von dem Inhalt so vieler Tage und Nächte einen Begriff zu geben , deren jede Minute von Gegenwart erfüllt gewesen war . Er erkannte , wie wenig die kleinen Unaufrichtigkeiten , die er sich in seinen Erzählungen manchmal zuschulden kommen ließ , bedeuten mochten gegenüber dem unvertilgbaren Hauch der Lüge , den jede Erinnerung aus sich selbst gebiert , auf dem kurzen Weg von den Lippen des einen zu dem Ohr des andern . Und wenn Anna später einmal einem Freund , einem neuen Geliebten , so ehrlich , als sie nur vermochte , von der Zeit berichten wollte , die sie mit Georg verbracht , was konnte der am Ende erfahren ? Nicht viel mehr als eine Geschichte , wie er sie hundertmal in Büchern gelesen : von einem jungen Geschöpf , das einen jungen Mann geliebt hatte , mit ihm herumgereist war , Wonnen empfunden und zuweilen Langeweile , sich mit ihm vereint gefühlt hatte und manchmal doch einsam ; und selbst wenn sie versucht hätte , von jeder Minute Rechenschaft abzulegen ... es blieb doch ein unwiderbringlich Vergangenes , und für den , der es nicht selbst erlebt hatte , konnte Vergangenes nie Wahrheit werden . Die Sterne glitzerten über ihnen . Annas Kopf war langsam an seine Brust gesunken , und er stützte ihn sanft mit den Händen . Nur das leise Rauschen in der Tiefe verriet , daß das Schiff sich weiterbewegte . Nun ging es immer dem Morgen entgegen , der Heimat , der Zukunft . Zu klingen und zu kreisen begann die Zeit , die so lang stumm über ihnen geruht . Georg fühlte plötzlich , daß er sein Schicksal nicht mehr in der Hand hatte . Alles ging seinen Lauf . Und nun spürte ers durch den ganzen Körper gleichsam bis in die Haare , daß das Schiff unter seinen Füßen unaufhaltsam vorwärts eilte . In Genua blieben sie nur einen Tag . Beide sehnten sich nach Ruhe , Georg überdies auch nach seiner Arbeit . Nur noch ein paar Wochen wollten sie an einem italienischen See verweilen , und Mitte Juni nach Hause fahren . Bis dahin war wohl auch das Haus bereit , in dem Anna wohnen sollte . Frau Golowski hatte ein halbes Dutzend passende entdeckt , genaue Berichte an Anna gesandt , wartete auf die Entscheidung , suchte aber für alle Fälle noch weiter . Von Genua reisten sie nach Mailand , doch ertrugen sie das laute Leben der Stadt nicht mehr , und schon am nächsten Tag fuhren sie nach Lugano . Hier waren sie nun vier Wochen lang . Und Morgen für Morgen ging Georg den Weg , der ihn auch heute das heitere Ufer entlang , über Paradiso hinaus , an die Straßenbiegung zu einer immer neu ersehnten Aussicht führte . Nur noch wenige Tage des Aufenthalts standen bevor . So vortrefflich sich das Befinden Annas von Anfang an verhalten hatte , es war an der Zeit , die Nähe Wiens aufzusuchen , um allen Zufällen ruhig entgegensehen zu können . Die Tage in Lugano erschienen Georg als die besten , die er seit seiner Abfahrt aus Wien erlebt hatte . Und er fragte sich in manchem schönen Augenblick , ob es nicht vielleicht die beste Zeit seines ganzen Lebens wäre , die er hier verbrachte . Nie hatte er sich so wunschlos , in Voraussicht und Erinnerung so beruhigt gefühlt als hier , und mit Freude sah er , daß auch Anna vollkommen glücklich war . Erwartungsvolle Milde glänzte auf ihrer Stirn , ihre Augen blickten heiter und klug , wie in der Zeit , da Georg um ihren Besitz geworben . Ohne Unruhe , ohne Ungeduld , und , im Gefühl ihrer aufblühenden Mütterlichkeit weit hinausgetragen über die Erinnerung an heimatliche Vorurteile und über die Besorgnis vor künftigen Wirrnissen , sah sie der hohen Stunde beglückt entgegen , da sie dem wartenden Dasein als ein beseeltes Wesen wiedergeben sollte , was ihr Leib in einem halb unbewußten Augenblick der Wonne eingetrunken hatte . Freudig sah Georg in ihr die Gefährtin heranreifen , die er von Beginn an in ihr zu finden gehofft hatte , die ihm aber im Laufe der Tage manchmal entschwunden war . In Gesprächen über seine Arbeiten , die sie alle sorgfältig durchgesehen , über das Wesen des Gesangs , über allgemeinere musikalische Fragen , erschloß sie ihm mehr Wissen und Gefühl , als er je in ihr geahnt hatte . Ihm selbst , ohne daß er vieles niederschrieb , war zumute , als schritte er innerlich vorwärts . Melodien klangen in ihm , Harmonien kündigten sich an , und mit tiefem Verstehen erinnerte er sich einer Bemerkung Felicians , der einmal , nachdem er monatelang die Klinge nicht geübt , gesagt hatte : sein Arm wäre während dieser Zeit auf gute Gedanken gekommen . So erregte ihm auch die Zukunft keinerlei Sorgen . Er wußte , sobald er nach Wien kam , würde die ernste Arbeit beginnen , und dann lag in freier Aussicht sein Weg vor ihm . Längst stand Georg an der Straßenbiegung , der seine Schritte zugestrebt hatten . Eine kurze , breite Landzunge , von niederm Gesträuch dicht bewachsen , streckte sich von hier aus in den See , und leicht sich senkend führte ein schmaler Weg in wenig Schritten zu einer von der Straße aus unsichtbaren Holzbank , auf der Georg sich immer für eine kurze Weile niederzulassen pflegte , eh er ins Hotel zurückkehrte . Wie oft noch