wartete seiner , am Kutschersitze stehend . Die vernachlässigte Wunde hatte sich gerächt und machte ihm große Schmerzen , ja , als er sich aufrichten wollte , verlor er das Bewußtsein . Da er wieder zu sich kam , fand er sich auf einem harten Bett in einem großen Gemache ; die Sonne schien hell durch schmutzige Fenster , von Möbel fiel ein glänzender Sekretär von Mahagoniholz in die Augen , daneben stand aber ein fichtener Schemel , und ein grober , gewöhnlicher Tisch war an das Bett geschoben . Die Decke , welche auf ihm lag , war von dunkelroter Seide und auf das sauberste gearbeitet . Man sah an allen Winkeln des Zimmers , daß es lange nicht bewohnt worden sei . Thaddäus stand neben dem Tische und sah mit fröhlichen Augen auf den sich bewegenden und ermunternden Kranken . Valerius blickte ihn lange an , der frische Polack mit dem roten , frischen Luftgesicht war ihm eine tüchtige Verheißung der Gesundheit . Thaddäus war auch wirklich ein Repräsentant jenes schlanken und doch fleischig und saftigen polnischen Nationalkörpers , an dessen Bewegungen man überall Kraft und Geschmeidigkeit erblickt . Er mochte sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein , das lichtbraune Haar hing ihm glatt geschnitten um den Kopf , die blaugrauen Augen sahen verschlagen unter langen Wimpern hervor , ein weicher Bart , der nie geschoren sein mochte , lag auf Lippen und Kinn , und der nackte Hals sah wetterhart aus dem schmutzigen Pelze . Er sprach nicht eher , als bis Valerius ihn fragte . Dann unterrichtete er ihn , soweit er es vermochte . Sie seien auf dem Schlosse eines reichen Grafen , welchem die ganze Umgegend zugehöre . Als man gehört , daß Valerius ein Freiwilliger aus Deutschland und bei Grochow verwundet sei , habe man ihn auf das bereitwilligste empfangen . Manasse habe ihn verbunden und sei alsdann nach seinem Städtchen gewandert , um seine Habseligkeiten zu schützen . Joel sei noch da , und könne schon am Stock umhergehen ; das ganze Haus lebe übrigens in großer Fröhlichkeit , weil nach allen Nachrichten und den Bewegungen der Russen kein Zweifel obwalte , daß die Schlacht bei Grochow von den Polen gewonnen worden . Er selbst - Thaddäus - sei zu Valerius ' Pflege dageblieben , weil die meisten männlichen Domestiken Soldaten geworden , und weil die Wunde des Herrn aus Deutschland nach Manasses Versicherung ihm bald gestatten würde , den Thaddäus mit nach Warschau zu nehmen . Valerius konnte bald das Bett verlassen , der Graf ließ sich entschuldigen , daß er dem Gast nicht aufwarte - das Podagra fessele ihn an sein Zimmer . Er eilte ans Fenster , um sich zu orientieren . Das Schloß schien ein großes Gebäude zu sein , es war aber offenbar schlecht erhalten , der Putz war an vielen Stellen abgefallen , die Stufen , welche zum Portal führten , waren schadhaft oder fehlten ganz , die Rinnen hingen zerstört von der Traufe , auch das Dach mußte schadhaft sein , denn im Zimmer des Valerius , das sich im zweiten Stock befand , war ein Teil der Decke so mit Feuchtigkeit angefüllt , daß er jeden Augenblick herunterzustürzen drohte . Die Aussicht vom Fenster führte auf den nahen Wald . Wirtschaftsgebäude und Scheuern lagen zerstreut umher und gewährten einen unerfreulichen Anblick . Sie waren nachlässig aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt . Hie und da bemerkte man große Lücken in Dach und Mauern . Die dünne Schneelage , welche alles bedeckte , schmolz eben unter der hervortretenden Sonne , und das Ganze bekam ein schwarzes , unwirtliches Ansehen . Valerius stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster , und ein tiefer Seufzer drang aus seinem Herzen . Er war aus Deutschland gekommen , um diesem tapferen Volke zur Erkämpfung der Freiheit seinen Arm zu leihen . Mut und Patriotismus ohnegleichen hatte er allerdings gefunden , sonst aber alles in traurigem Zustande . Hohe gesellige Kultur neben aller Vernachlässigung des häuslichen Lebensmaterials , Ehrgeiz ohne Maß und ohne Berücksichtigung der Allgemeinheit , keine Spur von deutscher Häbigkeit und Wohlfahrt . » Es ist ein ander Volk , ein ander Land , « sprach er oft zu sich , » du mußt dich einleben , es nicht nach andern Formen bemessen . « Aber froh wurde er doch nicht . Wir glauben es nicht , wieviel äußere Freiheit wir entbehren können für den zierlichen und behaglichen Herd , für die anregende und befriedigende Gesellschaft . So daß die gesellige Kultur oft mächtiger erscheint als der Drang nach Freiheit . Dies macht es auch allein erklärlich , wie ganze Völker ohne Klage in den erniedrigendsten Regierungsformen fortleben , ja sich befriedigt fühlen können . Die Behaglichkeit eines heimlichen , hergebrachten Zustandes ist die größte Macht des Bestehenden , da immer nur der kleinste Teil des Volkes von Ideen angeregt wird und aus dem warmen Bett in die kalte Luft hinausspringt . Joel kam herbeigehinkt und unterrichtete den Kranken über Personen , Eigentümlichkeit und Zusammenhang des Hauses . 6. Einige Tage darauf war Valerius so weit hergestellt , um der Familie des Hauses seine Aufwartung machen zu können . Er fand den Grafen in einem weiten , leeren Saale . Dort saß er auf einem Räderstuhle , große Jagdhunde lagen daneben , die Füße waren in weite Pelzstiefeln gehüllt , ein reicher Zobelpelz schützte ihn gegen die ziemlich unbehagliche Temperatur des öden Raums . Der Graf empfing ihn mit der Höflichkeit eines gewandten Weltmannes , Valerius mußte sich einen der schlechten Stühle nehmen , welche in geringer Anzahl und unordentlich im Saale herumstanden , und das Gespräch war sogleich mitten im Kriege . Der Graf hatte eines jener verwüsteten Gesichter , die auch mitten in der Verwüstung noch Spuren von großem Reiz entwickeln . Die Formen sind ursprünglich scharf und schön gewesen , das Leben hat sie hie und da abgestumpft , die Mienen sind durch tausend Affekte ein wenig verzerrt worden . Die Mienen sind aber die