größte Entfernung zwischen ihnen war , die unter Menschen möglich ist , so fühlten sie sich doch als wahre Brüder , die sich lieb hatten und sich nicht einer über den andern erhoben dachten ; und wurde so wieder einmal lebendige Tat , was unsre Vorfahren meinten , wenn sie sagten , daß vor Gott alle gleich sind , welches Wort heute für die meisten eine sinnlose Rede ist . In dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke , die sie einander machten , und ihre Gefühle , die sie hatten , einen ganz andern und ernsteren Sinn wie vorher , denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche , und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war , wagten sie eine kurze Weile nicht laut zu sprechen . Hier begann nun Jordan , ergriff die Hand des Mädchens und sagte , daß er sich diesen Abend ausgesucht , um ihnen als seinen Freunden mitzuteilen , daß sie beide sich verlobt hätten . » Zwar weiß ich , « fuhr er fort , und das Mädchen erglühte rot , » was vorher mit ihr geschehen ist ; aber ich habe bedacht , daß ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt habe , und deshalb wäre es ungerecht von mir , ste zu tadeln , vielmehr wollen wir doch alle , daß auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll ; denn freilich wäre jede solche Verbindung unsittlich , die nicht frei wäre , und wahrscheinlich werden in der künftigen Gesellschaft , wo die Not und die Gewalt fehlen , die heute alles Böse erzeugen , die Menschen in Bälde so veredelt sein , daß sie gleich zuerst und ohne einen Irrtum erkennen , für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist , dem sie dann angehören ohne Wanken , in Freiheit , aber in Treue . « Nach diesen Worten schwieg er ; die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden Glück , und als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht . Hierauf mußte zuerst die Kleine zu Bett gebracht werden , und die Braut , die aus Verschämtheit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren mochte , ging in die Küche , den Tisch für alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken , das jeder für das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte . Und während sie das glänzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte , und das wenige Geschirr verteilte , das nicht ausreichte für so viel Gäste , besprachen die vier Männer unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens , denn bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden , aus der auf die Einzelheiten der Organisation geschlossen werden konnte , und gleichzeitig mutmaßte man , daß die Polizei einen Angeber gefunden hatte , der vieles wußte , weil sie in der letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren Verhaftungen . Das erfüllte alle mit banger Sorge , und es wurde viel geraten und gedacht , wo wohl der Verräter zu suchen sei , und Weiland sagte , er habe jetzt immer ein schlechtes Gewissen , daß er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern halte , aber die andern hielten ihm vor , daß es doch besser sei , wenn die Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen , weil diese durch Gefängnis und Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater , denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung . Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche gegangen , der andern zu helfen , und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Männer in den engen und reinlichen Raum , wo durch die Küchenbank und den Holzstuhl und umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen Tisch . Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten , ertönte plötzlich die Klingel im Flur ; die Frau rief noch fröhlich aus , das seien ihre Eltern , die sie überraschen wollten , trotzdem sie erst für den Feiertag einen Besuch verabredet hätten , und sprang glücklich zur Tür ; doch wie sie ungestüm öffnete und eben die Draußenstehenden umarmen wollte , prallte sie erstaunt zurück , denn ein feiner Herr im Zylinder , ein andrer Herr im gewöhnlichen Anzug , ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube , wo noch der Weihnachtsbaum brannte ; die andern kamen ihnen aus der Küche entgegen , und so war der enge Raum plötzlich ganz mit Menschen angefüllt . Da gab sich der Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen , der andre Herr war sein Sekretär . Er teilte Weiland mit , daß er genötigt sei , bei ihm eine Haussuchung vorzunehmen , und drückte sein Bedauern aus , daß er gerade am heutigen Abend kommen müsse ; Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete ihm an , er solle tun , was sein Amt verlange . Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen , Wohnung und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretär aufgeschrieben , dann begann das Nachsuchen , währenddessen die Schutzleute die Freunde genau beobachten mußten , wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung gegen die Überfallenen zu haben schienen , die freilich durch den Ernst der Amtspflicht verborgen wurde . Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht nach etwaigen Schriftstücken ; zornbebend mußte die arme Frau zusehen , wie ihre geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde , und mit Mühe hielt Jordan sie zurück , daß sie nicht schalt . Endlich fand der Polizeioffizier ein dünnes Paket Briefe auf , das er dem Staatsanwalt reichte , aber plötzlich stürzte sich die Frau auf ihn zu , entriß ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schürze . Ein Lärmen und eine heftige Bewegung entstand , sie rief , das seien ihre Briefe , die sie ihrem Manne